Kawumm: 10 000 Tonnen Felsgestein werden im Bruchteil einer Sekunde zu Schutt, besser: Schotter. Die Explosion ist ein Erlebnis. Foto: STS

90 Neugierige haben jetzt eine von jährlich 50 Sprengungen im Steinbruch Schäfer in Darmsheim live miterleben dürfen. 1200 Kilo explosive „Würste“ verwandeln 10 000 Tonnen Muschelkalk zu einem großen Schutthaufen. So etwas lässt niemanden unbeeindruckt.

Sprengungen vor ihrer Haustür kennen die Darmsheimer zur Genüge. Einmal pro Woche tut es im Norden des 4300-Seelen-Fleckens einen ordentlichen „Wumms“. Der ist natürlich gut zu hören, allerdings kaum noch – neuen Techniken sei Dank – direkt zu spüren. Davon konnten sich jetzt auf Einladung des CDU-Ortsverbands 90 Neugierige vor Ort überzeugen.

 

Der Geschäftsführer von Steinbruch Schäfer, Christian Schäfer, ist am Montagabend „geflasht“. Mit 35 Besucherinnen und Besuchern hat der 51-Jährige gerechnet. Beinahe 100 sind es geworden. Sie alle interessiert, was in der archaischen Felsenwandkulisse abgebaut, zerkleinert und dann verkauft wird. Apropos. „Steinreich“ war Darmsheim bekanntlich schon von jeher, vor seiner Eingemeindung nach Sindelfingen 1971 aber eher arm. Steine sind eben keine Goldadern. „Steinbrüche wie unserer sind keine Goldgruben. Keine mehr“, sagt der Chef von Schäfer-Naturstein. Man könnte auch sagen: Der Schotter wirft keinen großen Schotter mehr ab. Nun gut, einen Batzen Gewerbesteuer zahlt das 14-Mann-Unternehmen durchaus in die Gemeindekasse. Und dass man die Fußball-Jugend des TV Darmsheim sponsert, vergisst der promovierte Automatisierungstechniker und Maschinenbauer auch nicht zu sagen. Das kommt gut. Alle lächeln.

Abgesprengtes Geröll hat so viel Gewicht wie 4000 SUV

Dann wird es ernst. Kurz vor 18 Uhr – man will nicht die Abendruhe im Dorf stören – ertönt das Signal. Dreimal hupt es, dann vergehen keine fünf Sekunden, und es tut einen Rumms, der sich gewaschen hat. 1200 Kilogramm Sprengstoff leisten ganze Arbeit. Auf der mittleren Sohle des Felswand im Nordwesten fliegen mächtige Brocken durch die Luft. 10 000 Tonnen Geröll gehen zu Boden, so viel Gewicht, wie es 4000 SUVs hätten. Der Staub hält sich in Grenzen, weil es regnet. Und auch die Vibrationen im Boden unter den Füßen der Gäste sind kaum zu spüren. Glücklich kann sich schätzen, wer den Moment der Explosion verwacklungsfrei auf die Handykamera gebannt hat. Geht ja alles irre schnell.

Die Zaungäste raunen: „Wow!“ und „Scho dr Hammer!“ Dass sie kein tektonisches Beben wahrgenommen haben, ist aber auch kein Zufall. Moderne Sprengtechnik arbeitet akribisch. Sprengmeister Heiko Lutscher ist dafür verantwortlich. Er hat zuvor viele Löcher in den Muschelkalk gebohrt, bis zu 24 Meter tief. Und dann hat er den explosiven Stoff eingefüllt, der aussieht wie eine lange Metzger-Schinkenwurst in roter Pelle.

Da sei ein Granulat drin, von der Konsistenz her ähnlich einer Leberwurst, scherzt Gastgeber Christian Schäfer. Wobei die niemand mit einem Feuerzeug für ihre Vernichtungskraft aktivieren könnte. Das schaffen nur viele Zünder. Schäfer dokumentiert seine Sprengungen mit technischem Gerät – akribisch. Und man halte die Grenzwerte, sagt er, penibel ein, ja unterschreite sie meistens um ein Vielfaches.

Für die nächsten 100 Jahre ist Darmsheim noch „steinreich“ genug

Das war einst anders. Alte Darmsheimer wissen noch, wie früher der Flecken und die Häuser gebebt, die Wände gewackelt haben. Überliefert ist sogar, dass es einzelne Felsbrocken bis in den Ort geschafft und einige Hausdächer durchschlagen haben sollen. Aus und vorbei. Wie gesagt, die Sprengtechnik ist feinfühlig-präziser geworden. Und der Abbauort über all die Jahre und Jahrzehnte vom Ort weggerückt. Und das tut er weiter mit jeder wöchentlichen Sprengung. 15 Jahre, schätzt Christian Schäfer, reicht der Rohstoff noch Richtung Döffingen und Magstadt. Dann kommt die nächste Erweiterungsstufe dran, die genehmigt ist und im Besitz des kleinen mittelständischen Unternehmens: „Für die nächsten 100 Jahre können wir hier noch Gestein gewinnen“, erzählt er, „mindestens.“

1000 Tonnen Stein werden pro Tag abgebaut

Im Steinbruch Schäfer werden jedes Jahr 300 000 bis 400 000 Tonnen Gestein gebrochen, das sich vor 250 Millionen Jahren aus einem Meer abgelagert hat. Also 1000 Tonnen pro Tag. Es sind Muschelkalk und Dolomit. „Und beides hat hohe Qualität“, berichtet der Geschäftsmann stolz. Kein Wunder, dass das Betonwerk Holcim (vormals Renz), eine Schweizer Firma nur einen Steinwurf entfernt in der Mühlackerstraße, ein fester Abnehmer ist. Oder Garten- und Landschaftsbauunternehmen aus der Nähe. Ein Drittel der Produktion nimmt diesen Weg, geht auch an Privatleute für Haus- und Hofeinfahrten, Gartenwege. Ein weiteres Drittel wird Beimischung in Beton; und das letzte Drittel wandert in den Straßen(unter)bau als Schotter und Splitt. Firmenintern, sagt ein Mitarbeiter beim abschließenden Wurst-Weckle, heiße das „STS-FFS“, Schottertragschicht, frostschutzsicher. Ist das Material erst einmal über die eingehausten Förderbänder ins Schotterwerk gelangt, wird aufs richtige Maß zerkleinert. Ja, stauben tut das noch. Aber längst nicht mehr wie früher, als Darmsheim weiße Straßen hatte.

Die 90-köpfige Besuchergemeinde, mittlerweile auf der 40 Meter tiefen Talsohle angelangt, staunt Bauklötze. Staunt über das, was man in diesem Refugium an Bewohnern kennt. Den Uhu, Falken, Reptilien. Wenn’s nicht gerade „Wumms“ macht, haben die ihre Ruhe. Und wenn die Berg(ab)bauer Feierabend machen, marschieren Rehe, „liebestolle Feldhasen“ (Schäfer) und Füchse durch. Sie kommen von dort, wo Erdaushub deponiert und der Steinbruch rekultiviert wird. „Die Biodiversität ist bei uns 10- bis 20-mal so hoch wie auf dem umliegenden Ackerland“, verblüfft der 51-jährige, Spross der ältesten Sindelfinger Familie, seine Zuhörenden. Und wenn er über Geologie referiert und über Kalziumhydrogenkarbonat, dann denkt man sich: Was der alles weiß und gerne anschaulich erzählt.

Wenn die Bergarbeiter Feierabend machen, kommen Rehe, Hasen, Füchse

Einen Dreikäsehoch juckt das nicht die Bohne. Der matscht zum Amüsement der Truppe so selig in einer Pfütze, dass eine Kärcher-Volldusche angezeigt ist, die Dreckkruste wegzubekommen. Und CDUler Kurt-Heinz Kuhbier schlägt vor, man könne in dieser Wildwest-Kulisse doch auch mal ein Open-Air-Konzert veranstalten. Keine üble Idee. „Die Akustik wäre schon klasse“, lacht Christian Schäfer: „Aber bedenken Sie, wie höllisch heiß es hier im Sommer werden kann.“

Steinbrüche in Baden-Württemberg: Jedes Jahr hört einer auf

1841 gegründet
Die Firma Schäfer, Bauunternehmen in Sindelfingen, wurde 1841 von Christian Schäfer gegründet und baute viele Häuser aus Stein. 1928 hat die Familie von der Stadt einen Steinbruch in Darmsheim gekauft. Naturstein Schäfer ist einer von noch rund 100 Steinbruch-Betreibern in Baden-Württemberg, von denen jedes Jahr etwa einer aufhört. Christian Schäfer hofft mit sanfter Ironie, „dass nicht eines Tages Gestein aus China per Amazon zu uns kommt“.

Fünf Steinbrüche im Kreis
Im Landkreis Böblingen gibt es fünf aktive Steinbrüche. Neben Darmsheim sind das Baresel in Ehningen, die Natursteinwerke Nordschwarzwald in Magstadt, das Schotterwerk Böttinger in Herrenberg-Haslach sowie Mayer in Mötzingen. In Waldenbuch wird zudem von der Firma Lauster Stubensandstein abgebaut, der unter anderem im Ulmer Münster gebraucht wird.