Die Sprachprofiler Patrick Rottler und Leo Martin in München bei der Arbeit Foto: Leo Martin/Leo Martin

Jeder Mensch bildet Sprachmuster heraus, die mit Herkunft, Bildung und Beruf zusammenhängen. Sprachprofiler wie Patrick Rottler machen sich dies zunutze, um Straftäter zu überführen.

Stuttgart - Patrick Rottler hat einen ungewöhnlichen Beruf. Firmen engagieren ihn, um die Autoren anonymer Schreiben zu ermitteln. Dabei geht es meist um E-Mails oder Textnachrichten, in denen Mitarbeiter verleumdet oder bedroht werden.

 

Herr Rottler, wie helfen Sie Firmen?

Oft geht es um erwiesenermaßen falsche Vorwürfe. Die angebliche Korruption eines Vorstandsmitgliedes zum Beispiel. Dann kommen wir ins Spiel und suchen in den Texten nach sprachlichen Merkmalen, die Hinweise auf den Autor geben.

Wie zum Beispiel?

Gibt es noch keinen Verdächtigen, geht es erst mal um Grundlegendes wie regionale Besonderheiten, Bildung, berufliche Hierarchieebene, was sich zum Beispiel bei der Verwendung von Fachbegriffen zeigt. So erstellen wir ein Täterprofil und grenzen die Gruppe der möglichen Verfasser ein.

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Und wenn es einen Verdächtigen gibt?

Dann wird es spannender. Dann vergleichen wir die kompromittierenden Schreiben mit Texten, die der Verdächtige nachweislich geschrieben hat. Und da geht es um mehr als um die eben genannten Parameter.

Nämlich?

Wir zerlegen das Tatschreiben in seine kleinsten sprachlichen Bausteine. Das geht von der Wortwahl über die Grammatik bis tief hinein in die Sprachpsychologie. Wir suchen nach Mustern, die für den Täter typisch sind, die besonders auffällig sind und die systematisch vorkommen. Tauchen in den Vergleichstexten dann dieselben Muster auf, haben wir unseren Täter.

Auch wenn nur geschäftliche Mails als Vergleichstexte vorliegen?

Ja, auch dann. Sprache wird in unserem Gehirn auch in jenen Arealen produziert und verarbeitet, die wichtig sind für das emotionale Bewerten und die Persönlichkeitsausprägung. Dazu zählen zum Beispiel Teile des Temporallappens, in dem auch Erinnerungen gespeichert und abgerufen werden. Wir können keine Sprache produzieren, ohne dass unsere Gefühle, unsere Persönlichkeit da mitmischen. Und das kommt auch in einer Mail zum Tragen.

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Inwiefern?

Man kann in fast jedem Text Ausdrucksmuster finden, die eng mit unserer Persönlichkeit verbunden sind. Ich unterscheide vier sprachliche Persönlichkeitstypen: den Macher, den Analytiker, den Visionär und den Kontakter. Der Macher hat einen klaren Fokus auf das zu erreichende Ziel. Er schreibt kurze, prägnante Sätze, Aussagesätze, Aufforderungssätze. Es gibt bei ihm wenig Beschreibungen, kaum Bildliches, wenig Details. Die Mail des Analytikers sieht anders aus, schon vom Schriftbild her: Sie ist gegliederter, es gibt mehr und klar voneinander getrennte Absätze. Der Analytiker nutzt viele Konjunktionen wie „weil“, „daher“, „da“.

Was bedeutet hier Visionär?

Den nennt man so, weil er außerhalb des Rahmens und zukunftsorientiert denkt. Der Visionär ist spontan, kreativ, spielerisch. Er bewertet seine Umwelt vorrangig über die Emotionen, die sie bei ihm auslöst. Das zeigt sich sprachlich in kurzen Bewertungen wie „Spitze!“, „Super!“, „Langweilig!“, „Nervig!“. Der Visionär mag Wortspiele und Metaphern und nutzt gern mal textliche Gestaltungsmöglichkeiten, betont einzelne Wörter durch Großbuchstaben, verwendet unterschiedliche Schriftarten und -formen, schickt Bilder mit. Elon Musk ist da ein gutes Beispiel. Schauen Sie sich mal dessen Twitter-Nachrichten an.

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Bliebe noch der Kontakter.

Der ist fürsorglich, bezieht andere mit ein, will Harmonie. Er spricht eher von „wir“ statt von „ich“, der sogenannte Bescheidenheitsplural. Sein Stil ist diplomatisch und vermittelnd, er gibt gern Komplimente, fragt nach Befindlichkeiten. Er schreibt auch mal eine Mail, um sich „wieder mal zu melden“, ganz ohne Hintergedanken. Die Frage „Wie geht es Ihnen?“ versteht er nicht als Floskel, er gibt eine aufrichtige Antwort.

Wie lassen sich diese Typen abgrenzen?

Die meisten Menschen sind Mischformen. Deswegen gilt für die Typologisierung eine Regel, die für das Sprachprofiling grundlegend ist: Ein einzelnes Merkmal, eine einzelne Beobachtung hat nie eine besonders starke Aussagekraft. Am Ende entscheidet die Gesamtheit der Merkmale.

Was, wenn sich ein Täter verstellt?

Verstellen kann ich nur das, worüber ich mir auch bewusst bin. Sprache bilden wir aber zum großen Teil unbewusst. Komplett verstellen kann man sich da kaum. Selbst wenn man es versucht, bleibt am Ende meistens genug authentische Sprache für unsere Analysen übrig.

Experte für Textanalyse

Forensik
Patrick Rottler hat Kommunikationswissenschaften studiert und ist Experte für Datenanalyse. Als Sprachprofiler am Privat Institut für Forensische Textanalyse ist er für den Bereich Cybercrime verantwortlich. Er ist Autor des Buches „Die geheimen Muster der Sprache.“ Er erstellt Gutachten für Gerichtsprozesse.