Unser Alltag wird sprachlich dominiert durch Füllwörter und Anglizismen. Geht die deutsche Sprache gerade in einer Floskelwolke zugrunde?
Eben, genau, irgendwie, von daher, quasi, sozusagen, absolut! Wann haben Sie sich zuletzt am Ende des Tages über ein Füllwort aufgeregt? Oder darüber gewundert, dass Sie in einer Konferenz dazu aufgefordert wurden, „eine Leitung zu legen“, während ein anderer aus dem Team „den Hut aufhaben“ sollte?
Wenn Menschen zu Managern werden, sprechen sie plötzlich wunderlich. Sprachwandel in Form von Füllwörtern scheint ansteckend zu sein und gleitet von der Floskelwolke der Chefetage sanft hinab – von Anglizismen wie „nice to have“ ganz zu schweigen. Fällt die Überdosis an Füllwörtern nach zwei Jahren Pandemie deutlicher auf, weil wir in digitalen Besprechungen weniger abgelenkt sind vom gesprochenen Wort durch schlecht geschnittene Anzüge und interessante Frisuransätze? Oder sprechen alle auf einmal ganz komisch?
Sprache ist identitätsbildend
Albrecht Plewnia, Leiter des Programmbereichs „Sprache im öffentlichen Raum“ am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, antwortet mit einer Gegenfrage: „Welche Funktion hat Sprache über die Informationsvermittlung hinaus? Es geht nicht nur um Sach-, sondern auch um kulturelle Informationen. Wir zeigen unsere Identität mittels sprachlicher Muster. Wenn Sie bestimmte Floskeln benutzen, zeigen Sie dadurch, dass Sie dazugehören wollen.“
Der Wunsch nach sprachlicher Zugehörigkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal der Klasse der Büroangestellten. Man denke nur an Jugendsprache von knorke bis fly, an das Kauderwelsch, das Ärzte untereinander sprechen, oder an Fußballbegriffe wie „abkippender Sechser“, die ihren Weg von der Bundesliga in die Kreisliga genommen haben.
Sprachliche Moden kommen und gehen
Sprache verändert sich, zum Glück. Würde der SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach die neuesten Coronabestimmungen in einer Hommage an Walther von der Vogelweide als mittelhochdeutschen Minnesang vortragen, würde das den aktuellen Stand der Pandemie nicht unbedingt verbessern.
Wer sich von Floskeln wie „am Ende des Tages“ verfolgt fühlt, vom Englischen „at the end of the day“ am ehesten mit „schlussendlich“ zu übersetzen, muss laut Plewnia keine Angst haben: „Am Ende des Tages ist nicht das Ende des Abendlandes: Sprachliche Mode ist nicht anders als textile Mode. Wenn Sie mich in zehn Jahren fragen, bin ich mir sicher, dass das wieder weg ist, genauso wie ,kein Thema‘, das vor 20 Jahren häufiger verwendet wurde. Oder ,alles gut‘, das man sagt, wenn nicht alles gut ist.“
Gesprächspartikel als Signale
Sprachliche Moden kommen und gehen. Womit auch klar wäre, warum man heute viel zu selten geil sagt und stattdessen mit pseudogescheiten Begriffen wie „Narrativ“ und „toxisch“ um sich geworfen wird. Oder wieso das Verb „rocken“ von der Sprache der Popkultur in die Vorstandsetage der Kreissparkasse Brunsbüttel („Damit rocken wir unsere Girokontokunden“) wandern konnte und seitdem verbrannt ist.
Wieso sagen manche Menschen aber andauernd „sozusagen“? „Es gibt Gesprächspartikel, die Signale sind, um eine Pause nicht entstehen zu lassen. Das selbstvergewissernde ,genau‘ hört man häufig. Dazu gibt es relativierende Begriffe wie ,relativ‘, das sie relativ häufig verwenden können, um dem Gegenüber eine gesichtswahrende Möglichkeit des Widerspruchs zu geben“, erklärt Plewnia.
Regionale Unterschiede
Was in süddeutschen Ohren besonders fremd klingt, ist ein Füllwort, das während Annalena Baerbocks grünem Kampf ums Kanzleramt oft im Gehörgang stecken blieb. Bevor man ahnen konnte, dass sie bei den Vereinten Nationen Putin in Grund und Boden reden würde, machte Baerbock durch die Verwendung des Wörtchens „ebend“ viele Menschen verrückt.
Langsamer Sprachwandel
Wandelt sich das Deutsche angesichts der vielen Füllwörter, Lehnwörter und Anglizismen aber nicht etwas zu schnell zum Unguten, wenn vom Handynutzer im Homeoffice die Rede ist? „Viele Lehnbedeutungen orientieren sich an englischen Wörtern, weil es eine politische und wirtschaftliche Hegemonie des angelsächsischen Raumes gibt. Wenn man die Kulturgeschichte betrachtet, ist das nichts Ungewöhnliches. Im 17./18. Jahrhundert war das Französisch musterbildend“, erklärt Albrecht Plewnia.
Der 51-Jährige beruhigt: „Wenn Sie sich als Linguist die letzten 1000 Jahre Sprachentwicklung anschauen, dann wandelt sich Sprache heute extrem langsam. Das liegt an der Standardisierung und an der Alphabetisierung.“ Während man einen Text von Goethe heute noch problemlos lesen könne, habe man bei mittelhochdeutschen Stücken kaum eine Chance. „In den 200 Jahren vor Goethe hat sich dramatisch mehr gewandelt, und zwar auf allen Ebenen. Mit ein bisschen Abstand werden wir im Vergleich sagen: Die paar Anglizismen, da passiert nichts. Für Leute, die mittendrin stecken, fühlt sich das ein bisschen anders an.“
Also ist das Meckern über den Verfall der Sprache typisch deutsch? „Sprachwandel wird oft als Sprachverfall gesehen, dabei war die deutsche Sprache noch nie so funktionsreich wie heute. In der Regel meint die Klage über den Sprachverfall eine Klage über den Verfall der Kultur. Diejenige Generation, die sich gerade beschwert, vergisst aber, dass sie nur die vorletzte Generation ist in einer langen Kette des vermeintlichen Verfalls“, sagt Plewnia. Sein Fazit: „Die deutsche Sprache ist nicht akut gefährdet, auch nicht durch Anglizismen. Die Grammatik ist stabil.“ Es besteht also Hoffnung – am Ende des Tages.