Sprach-Blog: Wortwörtlich Spaßraser

Von Markus Brauer 

Ein Auto rast am 4. Dezember 2017 in Frankfurt am Main die A661 nach Einbruch der Dunkelheit entlang (Aufnahme mit Langzeitbelichtung und Mitzieheffekt). Foto: dpa
Ein Auto rast am 4. Dezember 2017 in Frankfurt am Main die A661 nach Einbruch der Dunkelheit entlang (Aufnahme mit Langzeitbelichtung und Mitzieheffekt). Foto: dpa

Anglizismen und Bürokraten-Deutsch, Mode-Floskeln und aussterbende Begriffe – in unserer Sprach-Glosse hören wir genau hin. Wie die Menschen so reden, was sie sagen, wie sie’s meinen. Heute unter der Lupe: Spaßraser.

Stuttgart - 1972 sang Roberto Blanco erstmals seinen bekanntesten Gassenhauer „Ein bisschen Spaß muss sein“.

Depperter Spaß

Es gibt viele Wege, sich den Sonnenschein ins Herz zu holen. Gute und schlechte, vernünftige und dämliche, gesunde und ungesunde. Eine besonders depperte Methode, einen Anflug subjektiv empfundenen Glücks zu erleben ist das Spaßrasen.

„Spaßraser in Ludwigsburg ermittelt: 50 Mal an Blitzern vorbeigerast“, meldeten die „Stuttgarter Nachrichten“ am 3. November. Und keine fünf Wochen später: „Wieder ein Spaßraser in Ludwigsburg: 32 Mal an Blitzern vorbeigerast.“

Ich geb’ Gas! Ich will Spaß!

Auf dem Höhepunkt der „Neuen Deutschen Welle“ 1982 trällerte NDW-Barde Markus (der eigentlich Markus Mörl heißt) die Hymne der Spaßraser: „Mein Maserati fährt 210 / schwupp / die Polizei hat’s nicht geseh’n / Ich mach’ Spaß! Ich geb’ Gas / Ich geb’ Gas! Ich will Spaß! / Deutschland Deutschland spürst du mich? / Heut’ nacht komm ich über dich – das macht Spaß!“

Moralisch-sozialer Kompetenzverlust

Der Vollgas-Spaß ist Ausdruck einer rapide voranschreitenden geistigen Degeneration, die sich in einem moralisch-sozialen Kompetenzverlust manifestiert. Wahrer Spaß sieht anders aus. Der Begriff ist dem italienischen „spasso“ entlehnt, was Zerstreuung, Zeitvertreib sowie Spaßvogel, Witzbold meint.

„Spasso“ ist ein nachhaltiges Vergnügen, das anders als die Posse („il posse“) andere nicht in Mitleidenschaft zieht. Der Spaßraser hat genau dies – bewusst oder unbewusst – im Sinn. Wer mit dem Verstand im Stand-by-Modus über den Asphalt brettert, um seinen Frust abzureagieren oder das Ego zu streicheln, gefährdet sich und andere Verkehrsteilnehmer.

Spacko statt Spasso

Spaßraser sind keine echten „spassos“, sondern Spackos, Hirnis und Vollspacken. Meistens stehen sie auf Online-Rennspiele, in denen sie sich als Vollgas-Junkies beweisen können. Den Kick, den sie bei digitalen Raserspektakeln wie „Forza Motorsport 7“, „Dirt Rally“ oder „Super Mario Kart 8“ suchen, wollen sie auch in der realen Welt erleben. Nur das dort der Schaden echt und irreparabel ist.

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