Erfolgsprojekte: Die Scharrena und die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart. Foto: Pressefoto Baumann

Der Erfolg der European Championships hat Begehrlichkeiten geweckt. Auch in Stuttgart. Doch die Zeiten als man koste es was es wolle Titelkämpfe hamsterte sind vorbei, meint Redakteur Frank Rothfuß. Will die Stadt dem Sport Gutes tun, muss sie in Infrastruktur investieren.

Stuttgart - Wenn man sonst nichts hat, wird man Sportstadt. Das ist zugegeben, etwas böse. Doch so verstand man in Stuttgart zu Zeiten von OB Manfred Rommel und seines Machers Rainer Vögele Standortmarketing. Aber es waren ja nicht nur die Schwaben, die mit viel Geld und Einsatz um Wettkämpfe buhlten. Zum Aufpeppen des Rufs galt Sport bis vor zehn Jahren als Mittel der Wahl. Damals zahlte man für Weltmeisterschaften – heute baut man Elbphilharmonien.

Die Kultur hat den Sport abgelöst

Die Kultur hat längst den Sport abgelöst. Sie soll Touristen anlocken, eine Stadt interessant und lebenswert machen. Doch die European Chamiponships haben die Städtevermarkter aufhorchen lassen. Die Ruderer, Leichtathleten, Schwimmer, Radler, Turner, Triathleten und Golfer suchten in zehn Tagen im August in Glasgow und Berlin ihre Europameister. Das Mini-Olympia sorgte für hübsche Fernsehbilder, die von bis zu fünf Millionen Menschen gesehen wurden. 2022 soll das wiederholt werden, an einem Ort. Prompt bekunden Hamburg, Berlin und das Ruhrgebiet Interesse. Auch in Stuttgart greifen die alten Reflexe. Man würde auch gerne mitmachen – gemeinsam mit einer anderen Stadt natürlich. Leichtathletik geht ja nicht mehr, mangels Laufbahn. Warum auch nicht? Wenn sich eine solche Gelegenheit ergibt, sollte man sie ergreifen. Doch realistisch ist das nicht. Die nächste Auflage der Championships wird in Rom, Paris, London oder Berlin stattfinden. In der Liga spielt man nicht. Aber man hat sich in Erinnerung gebracht. Und das kann nicht schaden. Schließlich will und sollte man nicht auf Spitzensport verzichten. Einzelne Höhepunkte wie am nächsten Sonntag das Finale der Deutschland-Tour oder nächstes Jahr die Turn-WM mehren das Renommee. Und auch nicht ganz unwichtig, es macht einfach Spaß zuzuschauen.

Über Jahrzehnte pflegte man Veranstaltungen der Weltklasse

Doch es muss passen. Einfach Titelkämpfe zu hamstern, koste es was es wolle, diese Zeiten sind vorbei. Man hat umgesteuert und vieles richtig gemacht. Die Stadt ist gut damit gefahren, Veranstaltungen über lange Zeit zu entwickeln und zu pflegen. Seit Jahrzehnten schaut die Weltklasse im Tanzen, Turnen, Tennis und Reiten vorbei. Die beste Investition der Sportstadt Stuttgart in den vergangenen Jahren waren die 13 Millionen Euro in die Scharrena. Eine bezahlbare Miete, die Möglichkeit, Küche und Kioske selbst zu nutzen, besonders wichtige Gäste zu bewirten, 2000 Zuschauer, Haltestellen und Parkplätze vor der Tür – dieses Angebot half den Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart und den Handballern des TVB Stuttgart, sich in der deutschen Spitze zu etablieren. Der Ausbau des Stadions der Stuttgart Reds mit knapp 150 000 Euro Zuschuss der Stadt versetzte die Baseballer in die Lage, Bundesliga zu spielen – und, nicht zu vergessen, mehrere deutsche Meisterschaften in der Jugend zu erringen. Das zeigt: Will die Stadt dem Sport etwas Gutes tun, muss sie in Infrastruktur investieren, ordentliche Rahmenbedingungen schaffen.

Jedes zweite Stuttgarter Kind ist in einem Sportverein

Davon profitiert der Spitzensport, aber auch der Breitensport. Jeder vierte Stuttgarter treibt Sport in Vereinen, bei den Kindern ist es jeder Zweite. Natürlich, Vorbilder sind nötig. So mancher Steppke hat mit Turnen angefangen, weil er ­Florian Hambüchen 2007 bei der WM in der Schleyerhalle am Reck wirbeln sah, so mancher spielt jetzt Tischtennis, weil er Timo Boll bei der EM 2009 in der Porsche-Arena erlebte. Aber es braucht Sporthallen, um Turnen zu lernen; es braucht Bäder, um Schwimmen zu lernen. Und nur wer das hat, der kann nach Höherem streben und sich mit Fug und Recht Sportstadt nennen.

frank.rothfuss-jenewein@stn.zgs.de

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