Alle Tattoos von Marcel Röhrle haben eine Bedeutung. Auch die von hässlicher Wahrheit und schöner Lüge flankierte Medusa. Foto: Michael Käfer

Immer mehr Athleten schmücken ihren Körper mit Tätowierungen. Wir verraten in unserer Serie, was sich Lokalsportler aus Fellbach und Kernen unter die Haut stechen lassen

Die erste Tätowierung von Marcel Röhrle war gleich in mehrfacher Hinsicht ein Test. Das kleine schattierte Kreuz prangt genau am linken Handgelenk. „Ich dachte mir, wenn es schlecht aussieht, dann kann ich es immer noch mit der Uhr abdecken“, sagt der 34-Jährige lachend. Indes: Das vor knapp zehn Jahren entstandene Erstlingswerk sah nicht schlecht aus und auch den Schmerz beim Stechen konnte er gut aushalten. Zugleich war das Kreuz eine persönliche und intrafamiliäre Premiere, denn Marcel Röhrle war der Erste in der Verwandtschaft, der sich für einen lebenslangen Körperschmuck entschied. Die Reaktionen fielen höchst unterschiedlich aus. „Mein Vater war schockiert“, erinnert sich der Geschäftsführer des Fitness Club Fellbach. Lockerer sah das Ganze seine Mutter Sibylle Röhrle.

 

Seither sind auf dem trainierten Athletenkörper etliche weitere Tattoos dazugekommen. Platz genug ist da, denn mit 1,90 Meter Körperlänge und 90 Kilogramm Gewicht hat Marcel Röhrle Gardemaß.

Gleich mehrere Gemeinsamkeiten verbinden seine Tattoos. Dazu gehört der Ursprung, denn sie stammen alle aus dem Waiblinger Studio LoccoMotive Tattoos von Philipp Trier. Auf dessen Internetauftritt ist die Hautkunst von Marcel Röhrle gleich mehrfach zu finden. Durch die Konzentration auf einen Künstler ist zugleich ein durchgängiger Stil der Tattoos erkennbar. Schwarz und grau sind dominierende Töne, bunte Farben fehlen völlig. Viele Motive beschäftigen sich mit dem Thema Tod. Gleich mehrere enge Familienmitglieder hat Marcel Röhrle viel zu früh verloren, darunter seinen Vater Thomas, der den Fitness Club Fellbach 1975 gegründet hatte und vor zwei Jahren an einer Krebserkrankung verstorben ist.

Dessen Lebensdaten hat Marcel Röhrle nachträglich in sein größtes Körperbild integrieren lassen, das den kompletten Rücken ausfüllt. Es stellt einen menschlichen Schädel mit einer Engelsfigur dar, die von den Worten fortis fortuna adjuvat, übersetzt „das Glück ist mit den Tüchtigen“ gekrönt ist. Die Engelsfigur symbolisiert den verstorbenen Vater, der aus dem Himmel über den Sohn wacht, der Schädel den Tod, dem gegenüber alles unwichtig ist und der dazu mahnen soll, sich der wirklich bedeutenden Dinge im Leben bewusst zu sein. Der lateinische Satz erinnert zugleich daran, dass man mit Fleiß und Umtriebigkeit viel erreichen kann. An dieser Leitlinie hatte sich auch Thomas Röhrle orientiert.

Ein weiteres vielfach variiertes Grundthema ist die Familie von Marcel Röhrle. Am linken Oberarm beispielsweise fliegt Ikarus hoch zur Sonne, in deren Mitte die Initialen eines Onkels, einer Urgroßmutter und des ebenfalls verstorbenen Großvaters mütterlicherseits zu sehen sind. Die griechische Sagengestalt Ikarus, für die der Vater Dädalus Vogelfedern mit Wachs zu Flügeln zusammengefügt hat, strebte allzu sehr nach oben, bis die Sonne das Wachs schmelzen ließ und der Absturz folgte. Für Marcel Röhrle ist es durchaus ein Ansporn seinen Träumen zu folgen, „aber irgendwann muss man auch zufrieden sein“.

Ein weiteres Motiv ist am linken Unterarm zu finden. Unter der Überschrift familia ante omnia, also „Familie über alles“ sind ein erwachsener Löwe und ein Löwenjunges zu sehen, die sich im Wasser spiegeln. Sie stehen für Marcel Röhrle und seinen Sohn Diego. Wie es der Zufall wollte, sind beide im Sternzeichen Löwe geboren. „Ich seh mich in ihm wieder“, sagt der Vater.

Der gelernte Finanzassistent sowie mit einem Bachelor in Fitnessökonomie und einem Master in Business Administration ausgestattete Unternehmer hat seinen Sohn noch an einer anderen Stelle seines Körpers verewigt. Eine Blume erblüht auf dem linken Handrücken, neben der daumenseitig das Geburtsdatum des bald Vierjährigen eintätowiert ist. An dessen nicht ganz unproblematische Geburt erinnert das auf den Fingern eintätowierte Wort „fearless“, denn die alltäglichen Ängste im Leben sind nichts gegen die Ängste, die Mutter und Vater um das bedrohte Leben des Jungen hatten.

Zugleich wird dieses Tattoo von Marcel Röhrles Umwelt oft fehlinterpretiert, ist gar Auslöser von Anfeindungen: „Ich hätte nie geglaubt, dass du wegen eines Tattoos so diskriminiert wirst.“ Weil sich Marcel Röhrle auch im Urlaub körperlich in Form hält, besuchte er in Österreich ein Fitnessstudio. An dessen Empfang hielt man ihn irrtümlicherweise für einen Menschen zweifelhafter Herkunft. „Knackis wollen wir hier nicht“, hieß es, bis dann eine kurze Erklärung doch noch zum Eintritt berechtigte. Die Episode ist umso bedauerlicher, als Marcel Röhrle seine Tätowierungen vorab umfangreich reflektiert. „Alle haben eine Bedeutung“, sagt er.

Nicht immer ist die Bedeutung jedoch bierernst. Sein Lieblingsmotiv ist die kaum kirschgroße Darstellung einer dampfenden Kaffeetasse, die an der rechten Hand abgebildet ist. „Ich bin ein Kaffeejunkie“, sagt Marcel Röhrle und muss grinsen. Diesem kleinen Motiv werden mehrere größere folgen. In Arbeit ist aktuell der altägyptische Totenrichter Anubis, dessen Outlines am rechten Oberschenkel zu sehen sind.