Christina Schwanitz: Mit ihrem Humor und ihrer Herzlichkeit sammelte die Sportlerin des Jahres 2015 viele Sympathien Foto: Baumann

Große Bühne, starke Worte: Bei der Gala zur Wahl der Sportler des Jahres in Baden-Baden erobert Christina Schwanitz mit ihrer Fröhlichkeit die Herzen. Die Kugelstoß-Weltmeisterin schlägt aber auch nachdenkliche Töne an.

Baden-Baden - Nachts, als sich manche der Gäste schon im Hotel in Sicherheit gebracht hatten, andere beim geselligen Miteinander in den Gängen, Sälen und Lounges mit den Nebenwirkungen von Caipirinha experimentierten, schlenderte Christina Schwanitz zu den Discoklängen von DJ Josh barfuß durch den prunkvollen Benazét-Saal. Die Sportlerin des Jahres findet festliche Schuhe „total unbequem“. Sie trägt viel lieber ­Turnschuhe. Und irgendwie passt das ganz gut zu der kernigen Kugelstoßerin aus Chemnitz, die so gerne und herzhaft lacht. Auch beim vorweihnachtlichen Festakt zu Ehren der besten deutschen Sportler eroberte sie mit ihrer ansteckenden Fröhlichkeit und den flotten Sprüchen die Herzen im Sturm. „Ich gehe in den Kraftraum, und die Geräte bekommen Muskelkater“, sagte sie mit einem breiten Grinsen. „Ich fahre immer noch einen Octavia und habe immer noch eine Mietwohnung“, antwortete sie auf die Frage, ob sich mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft ihre finanzielle Situation verbessert habe. Und den Schenkelklopfer des Abends lieferte sie mit der kecken Aussage: „Ich bin ja die einzige Frau, die sich über sieben Zentimeter freut.“ Eine süffisante Anspielung auf ihren knapp gewonnenen ­WM-Titel.

Harsche Kritik an der Macht des Fußballs

Später, in einem Nebenraum des Kurhauses, mit einem Bier in der Hand, schlug die Frohnatur plötzlich für ein paar Minuten ernste Töne an. Sie übte harsche Kritik an der Macht des Fußballs. Dabei war die Wahlparty 2015 eine fußballfreie Feierzone. Kein Profikicker und auch keine Männer-Fußballmannschaft spielte diesmal bei den Ergebnissen eine Rolle. Schon wieder die Fußballer . . . Dieser Seufzer, der eigentlich zur Sportlergala gehört wie der Bindestrich zwischen Baden und Baden, war bei der zum 69. Mal durchgeführten Wahl nicht zu hören.

Dennoch nutzte Christina Schwanitz die Stunde ihres großen Triumphes, um ihrem Ärger Luft zu machen: „Leichtathletik wird zur Randsportart gemacht. Und im Fußball wird selbst die vierte Liga zu jeder Tages- und Nachtzeit im Fernsehen gezeigt“, klagte die Sportsoldatin und legte die Stirn in Falten: „Wie sollen denn die Leute und Kinder in die Stadien gelockt werden, wenn es unsere Sportart im TV kaum mehr zu sehen gibt?“ Die redselige Sächsin, die an Heiligabend ihren 30. Geburtstag feiert, muss sich gefühlt haben wie Don Quijote beim aussichtslosen Kampf gegen die Windmühlen. Doch der starken Frau mit der unverkrampften Bodenständigkeit war es ein Bedürfnis, sich an einem „supergeilen Tag“ den Frust von der Seele zu reden. Auch über das Werbeverbot bei Olympia ärgerte sie sich. Der Bekanntheitsgrad leide darunter – gerade bei „schwer Vermittelbaren“ wie ihr: „Ich passe in kein Schema F: Ich habe eine Riesenklappe, bin nicht gerade schlank und relativ groß“, sagte die Kugelstoß-Königin vom LV 90 Erzgebirge, die von 2002 bis 2009 für die Neckarsulmer Sport-Union startete. Sie könne ja 20 Kilogramm abnehmen, um interessanter für die Werbeindustrie zu sein, „aber dann werde ich eben keine Weltmeisterin mehr“. Ein Teufelskreis.

Wintersportler mit Fernsehpräsenz mehr als zufrieden

Das ganz große Geld fließt zwar auch an den Nordischen Kombinierern vorbei, doch im Vergleich zu den Leichtathleten können die Wintersportler sich über mangelnde TV-Zeiten nicht beklagen. „Wir haben das Glück, dass das Fernsehen bei uns einsteigt. Die Sommersportarten führen ein vergleichsweise armseliges Dasein“, räumte Hermann Weinbuch ein, dessen Team zur Mannschaft des Jahres gewählt worden war.

Und was sagte der Sportler des Jahres 2015? Was sagte Eisenmann Jan Frodeno? Der Triathlon-Triumphator von Hawaii wollte in das Klagelied über die Degradierung vieler Sportarten zu Mauerblümchen durch Medien und Funktionäre nur bedingt einstimmen. „Im Triathlon haben wir das Glück, dass wir die Leute mitnehmen können auf die Reise. Ironman ist der neue Marathon“, sagte der gebürtige Kölner. Mit der Vermarktung tut sich der 34-jährige Modellathlet mit dem Ruhepuls 36 recht leicht: Er sieht gut aus, misst bei einem minimalen Körper-Fettanteil von 4,4 Prozent 1,94 Meter. Die Olympia-Teilnahme 2016 ist für ihn nach dem Umstieg auf die Langdistanz kein Thema. Für Christina Schwanitz dagegen umso mehr. Sie fiebert den Spielen entgegen: „Ich will Rio ein bisschen unsicher machen“, kündigte der Liebling des Abends an. Ihr goldfarbenes Paillettenkleid durfte ­diesbezüglich als Botschaft verstanden ­werden.

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