In der Maske des Stuttgarter Musicaltheaters wird aus der Gymnastin Anastasija Harms vom TSV Schmiden die Zarentochter Anastasia. Foto: Eva Herschmann

Die zehnjährige Anastasija Harms steht als junge Anastasia im gleichnamigen Musical auf der Bühne und dennoch fast täglich in der Trainingshalle des Schmidener Bundesstützpunkts.

Schmiden - Die Stimme aus dem Lautsprecher erklärt freundlich, aber bestimmt, dass es 15 Minuten bis zum Beginn der Vorstellung sind. Hinter den Kulissen des Stage-Palladium-Theaters im Stuttgarter SI-Centrum erregt die Ansage kein Aufsehen. Anastasija Harms sitzt entspannt im Bademantel auf der kleinen Couch im Gang und wartet, dass in der Maske ein Platz für sie frei wird. Der Maskenbildner Martin Schäffner hat die zehnjährige Gymnastin vom TSV Schmiden schon für ihre Rolle als kleine Anastasia im gleichnamigen Musical geschminkt. Nur noch die Perücke fehlt, um die Zarentochter perfekt zu machen.

Die Sportgymnastin kam in die engere Auswahl

Im Sommer hatte das Stuttgarter Musicaltheater Kinder gesucht, die Spaß am Schauspielern, Tanzen und Singen haben. Anastasija Harms – und mit ihr Hunderte anderer Mädchen – bewarben sich. Die Sportgymnastin kam in die engere Auswahl. Nach einem Monat Gesangs-, Tanz- und Schauspielunterricht bei BranchenProfis stand fest, dass Anastasija Harms eines von zwölf Mädchen ist, die sich die Rolle teilen, weil Kinder in diesem Alter nur 30 Auftritte im Jahr absolvieren dürfen, das Musical aber achtmal pro Woche aufgeführt wird. Seit Dezember steht Anastasija Harms dreimal im Monat auf der Bühne und genießt jeden Augenblick. Das Showbusiness gefällt ihr. „Ich könnte mir schon vorstellen, irgendwann Schauspielerin zu werden“, sagt die Zehnjährige, die im Alter von sechs Jahren beim TSV Schmiden mit der Sportgymnastik begonnen hat und seit September im Bundesstützpunkt trainiert.

Erst kurz bevor sich der Vorhang hebt, gibt es Platz in der Maske. Anastasija Harms ist immer noch ruhig. Minuten später steht das Mädchen als Zarentochter Anastasia im Scheinwerferlicht auf der Bühne, schauspielert, singt und tanzt, als habe sie nie etwas anderes getan. Lampenfieber kennt sie nicht, Auftritte vor Publikum hingegen schon. Mit sechs Jahren stand Anastasija Harms in der Stuttgarter Oper in „Madame Butterfly“ auf der Bühne, sie war Sängerin im Kinderchor und übernahm auch kleinere Rollen. Die Schülerin des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Bad Cannstatt hat zudem in der John-Cranko-Schule getanzt. „Sie ist ein geborener Bühnenmensch“, sagt ihre Mutter Christina Harms.

Die kleinen Anastasias dürfen maximal 1,40 Meter groß sein

Die Reihen im Apollo-Theater sind gut gefüllt. Die Schauspieler sehen das nicht, erzählt Anastasija Harms: „Die Scheinwerfer blenden stark.“ Ihre Mutter, die rechts im Parkett sitzt, hat sie aber dennoch entdeckt. Auch Kathrin Igel, die Leiterin des Schmidener Stützpunkts, und fast 40 Sportgymnastinnen sind unter den Zuschauern. Anastasija Harms macht ihre Sache gut, egal ob als Zarentochter, als deren jüngerer Bruder oder als Junge im Zug. Ihre Einsätze, Text, Tanz und Gesang, passen perfekt. „Die Proben waren anstrengender als die Shows“, sagt sie. Doch Professionalität und Disziplin kennt sie vom Sport, und schlagfertig ist die Kleine auch. „Einmal hat der Keyboarder im Orchestergraben seinen Einsatz verpennt, ich habe einfach angefangen zu singen, da hat er es gemerkt, und alle haben mich für meine spontane Reaktion gelobt.“

Das imposante Bühnenbild – mit der zwölf auf acht Meter großen LED-Wand aus 430 einzelnen Kacheln, die gestochen scharfe Bilder liefert und in Sekundenschnelle von der verschneiten Stadtsilhouette von St. Petersburg in den Romanow-Palast wechseln kann – beeindruckt Anastasija Harms nicht mehr. Auch nicht das zehn Kilogramm schwere und 10 000 Euro teure rote Ballkleid, das die Hauptfigur Anja, die vermeintliche Anastasia, trägt. Eine andere Zahl ist für sie viel wichtiger.

Die kleinen Anastasias dürfen maximal 1,40 Meter groß sein. Diese Marke hat Anastasija Harms erreicht. Ebenso wie die strengen Auftrittsbestimmungen hierzulande macht das eine Verlängerung des im Mai endenden Engagements nahezu unmöglich. Also wird das Musical-Gastspiel der Gymnastin nach der Zeit als Anastasia vorerst beendet sein. Anastasija Harms fällt der Abschied von der großen Bühne nicht leicht. „Aber ich will mich auch wieder voll auf meinen Sport konzentrieren“, sagt die Zehnjährige mit fester Stimme, die trotz ihres Bühneneinsatzes fast täglich in Schmiden trainiert. Noch dauert es, bis für Anastasija Harms der letzte Vorhang fällt, und der nächste Auftritt als Anastasia Romanow ist bereits an diesem Sonntag.

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