Talent im Hochsprung: David Nopper Foto: Baumann

Eigentlich sollte die Ausbildung bei der Polizei am 1. September beginnen. Aber der Doppelpass zwischen Landessportverband Baden-Württemberg und der Polizei landete im Aus. Drei Nachwuchssportler sind jetzt die Dummen.

Stuttgart - Olympiasieger, Weltmeister, Europameister: Was passt besser zu einem wirtschaftlich starken Bundesland als international erfolgreiche Sportler? An Talenten hat es in Baden-Württemberg noch nie gefehlt. Schon eher an wirksamen Programmen, die den Nachwuchs über die hohen Hürden ins Aktiven-Alter heben. Weshalb sich die Topstars von morgen immer mal wieder dort umsehen, wo das Leistungsumfeld besser ist als hierzulande.

Das wurmt Sport-Funktionäre und Politiker gleichermaßen. Weil es sich nun mal gut macht, mit Medaillengewinnern zu posieren. Solch positiven Imagetransfer hatten wohl auch die Granden des Landessportverbands Baden-Württembergs (LSV) und die Landesspitzen der Sozialdemokratie im Sinn, als sie im Sommer vergangenen Jahres mit breiter Brust ein Programm priesen, das zehn Nachwuchssportlern eine Ausbildung bei der Polizei ermöglichen sollte – mit ausreichenden Freiräumen für ihren Weg zu Olympiasiegern von morgen.

Dieter Schmidt-Volkmar, Präsident des Landessportverbands, postuliert in fast jeder seiner Reden den Anspruch, den Nachwuchs im vermeintlichen Spitzensportland nach Kräften zu fördern. Innenminister Reinhold Gall (SPD) sprach vergangenen Sommer noch vollmundig vom „Staat, der sich als attraktiver Arbeitgeber präsentiert“. Den Sport lobten er und SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel als Vermittler von Werten wie Zuverlässigkeit und Respekt. „Das ist auch im Beruf wichtig.“

Jetzt erweisen sich die Worte als leere Versprechen, das Projekt wird zur Fata Morgana. Und drei erfolgreiche Juniorsportler aus Baden-Württemberg sind um eine Lektion reicher: Wer sich auf Funktionäre und Politiker verlässt, zählt schnell mal zu den Verlierern. Bis auf weiteres findet das selbst ernannte Spitzensportland keinen passenden Ausbildungsplatz für die Sportstars von morgen.

Was etwa die Hessen schon vor Jahren reibungslos ins Ziel brachten, scheiterte in Baden-Württemberg bereits im Vorlauf: Die Spitzensportförderung bei der Exekutive. Eigentlich sollten die Weitspringerin Anna Bühler (18), der Hochspringer David Nopper (20) und die Judo-Kämpferin Jennifer Schwille (19) am 1. September 2015 zu einer Ausbildung im mittleren Dienst bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen antreten. Medizinchecks und Leistungstests waren längst absolviert, dann erreichte sie die bittere Nachricht: Alles für die Katz. Statt der erhofften Ausbildung in einer Spitzensportfördergruppe in Göppingen wurde ihnen der Dienstbeginn in Biberach oder Lahr angeboten. „Das war uns anders in Aussicht gestellt worden. Das ergibt für mich keinerlei Sinn“, sagt Anna Bühler, „dort wären meine Trainingsbedingungen deutlich schlechter als jetzt.“ Die Weitspringerin von der Unterländer LG trainiert vier- bis fünfmal pro Woche. Dafür fährt sie mit dem Zug aus Metzdorf im Hohenlohekreis jeweils zwei Stunden nach Stuttgart an den Olympiastützpunkt. „Dort trainiere ich mit dem Bundestrainer“, sagt die Leichtathletin, die zum Besten zählt, was der deutsche Weitsprung an Talenten zu bieten hat. Mit der Ausbildung in Göppingen hätte sich die Fahrzeit für die Abiturientin auf eine halbe Stunde verkürzt, sie wäre zu einer soliden Ausbildung gekommen, und der Dienstherr hätte rund 1000 Euro im Monat überwiesen. „Ich habe mich voll auf diese berufliche Perspektive verlassen“, sagt Anna Bühler, „und mich deshalb auch um keinen Studienplatz gekümmert.“

So wie Hochspringer David Nopper (Salamander Kornwestheim), der mit seiner Freundin in Stuttgart lebt. Oder wie die international erfolgreiche Judo-Kämpferin Jennifer Schwille aus Pfullingen. „Zum Gratulieren und Fotografieren sind die Funktionäre und Politiker immer da“, ärgert sich Volker Schwille, ihr Vater, „aber wenn es dann an konkrete Hilfen geht, gibt es Probleme.“

Dabei stehen 500 000 Euro für zehn Ausbildungsstellen bei der Polizei bereit, wie Innenminister Reinhold Gall im vergangenen Sommer bekräftigte. Weil sich aber die Landespolizei und der Landessportverband über die Konzeption nicht einigen konnten, stoppte das Projekt. „Ich habe immer wieder beim LSV nachgefragt“, versichert Thomas Grimminger, Leiter des für die drei Athleten zuständigen Olympiastützpunktes Stuttgart, „aber dort hieß es nur: Halt dich da raus, wir machen das. Wir kriegen das hin.“

Der frühere Stabhochspringer Günther Lohre, Direktor für Leistungssport beim LSV, bezeichnet die Situation „als extrem schwierig für die Athleten“ und erläutert mit Bedauern: „Unsere Vorstellungen und die der Landespolizei haben nicht zusammengepasst. Und dort wurde lange Zeit keine Entscheidung getroffen.“ Man sei über die Situation natürlich nicht glücklich.

Das ist auch der stellvertretende Landespolizeipräsident Dietrich von Moser nicht. Der Beamte wundert sich: „Der LSV forderte ein Exklusivmodell, aber eine Spitzensportfördergruppe in Göppingen war nie geplant.“ Stattdessen habe man dem LSV als erste Stufe von 2016 an eine normale Ausbildung bei der Polizei vorgeschlagen „mit Freiräumen für die Sportler“. In Lahr und Biberach. „Denn Göppingen“, sagt Dietrich von Moser, „ ist kein Ausbildungsort mehr.“ Als zweite Stufe soll von 2020 an eine Sportförderklasse eingerichtet werden. „Früher ist das nicht zu stemmen.“

Anna Bühler und Jennifer Schwille wurde inzwischen als Ersatz ein Freiwilliges Soziales Jahr am Olympiastützpunkt angeboten, für 300 Euro im Monat. David Nopper jobbt einstweilen beim LSV. Ihre Zukunft als Hochleistungssportler ist ungewisser denn je. „Ich habe schon vor Wochen Briefe an LSV-Chef Dieter Schmidt-Volkmar und an Innenminister Reinhold Gall geschrieben“, erzählt Volker Schwille. Auf eine Antwort wartet er noch immer.

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