Der VfB Stuttgart und Sven Mislintat sind sich finanziell so gut wie einig. Doch es hakt bei den Vertragsverhandlungen mit dem Sportdirektor des Fußball-Bundesligisten an anderer Stelle.
Stuttgart - Sven Mislintat ist zuletzt häufig am Verhandlungstisch gesessen. Mit Spielern und deren Beratern hat er gesprochen, ihnen Perspektiven aufgezeigt, den Weg des VfB Stuttgart skizziert und um Zahlen gefeilscht. Unterm Strich standen dann drei Unterschriften wichtiger Spieler (Gonzalez, Endo, Sosa) – und weitere könnten folgen. Auch in eigener Sache hat Mislintat verhandelt. Nur: Bei der Vertragsverlängerung des Sportdirektors kann der Fußball-Bundesligist noch keinen Vollzug vermelden. Es hakt.
Thomas Hitzlsperger und Mislintat selbst wollen sich zum Stand der Verhandlungen jedoch nicht äußern. Am liebsten würden der Vorstandsvorsitzende und sein Sportdirektor die Angelegenheit still erledigen. Allerdings rumort es rund um das Haus mit dem roten Dach an der Mercedesstraße, weil alles klar schien. Eigentlich. Hitzlsperger hat bekannt, dass er Mislintat unbedingt über das Saisonende hinaus halten will, und Mislintat hat bekräftigt, dass er sich dem VfB mit Haut und Haaren verschrieben hat.
Thomas Hitzlsperger hat eine Schlüsselrolle
Es könnte also noch immer zeitnah alles über die Bühne gehen. Mittlerweile sind sich die beiden Seiten nach Informationen unserer Zeitung finanziell auch so gut wie einig. Details gibt es da noch zu klären, wie es so schön heißt. Es geht um Abfindungsmodalitäten und eine Ausstiegsklausel. Doch daran dürfte das Ganze nicht scheitern. Der Knackpunkt ist eine Frage der Kompetenzen. Hitzlsperger, der zugleich Sportvorstand ist, gewährt Mislintat große Freiräume, da er ihm vertraut. Andersherum nutzt und wertschätzt Mislintat die Gestaltungsmöglichkeiten im sportlichen Bereich, die ihm sein Vorgesetzter einräumt.
Offenbar haben sich da ein Bayer und ein Westfale gesucht und gefunden, um den schwäbischen Fußballstolz nach ihren Vorstellungen voranzubringen. Ergänzt werden Hitzlsperger und Mislintat durch den Cheftrainer Pellegrino Matarazzo und Markus Rüdt, den Mann für das Organisatorische. Sie bilden den inneren Machtzirkel. In dieser Konstellation will Mislintat (seit April 2019 beim VfB) weiterarbeiten.
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Doch der 48-Jährige will auch eine Garantie dafür, dass er in seinen Kompetenzen nicht beschnitten wird. Bisher sind diese nicht in einem Arbeitspapier verschriftlich. Sie sind ihm von Hitzlsperger zugestanden, der Mislintat nicht nur als Kaderplaner und Transferexperten sieht, sondern ebenso als denjenigen, der eng am Trainer dran ist, die Mannschaft mitführt, in sportlichen Belangen spricht und Entscheidungen trifft.
So weit, so gut. Zumal Mislintats Masterplan bislang aufgegangen ist und die Entwicklung des VfB-Teams positiv verläuft. Doch was passiert, wenn die Stuttgarter in eine Abwärtsspirale geraten? Oder Hitzlsperger sich nach Ansicht des Aufsichtsrates in Zeiten der Corona-Pandemie plötzlich auf seine Aufgabe als Vorstandschef konzentrieren soll und nicht mehr gleichzeitig als Sportvorstand fungiert? Und überhaupt: Wie ist es, wenn Hitzlspergers Vertrag nicht über 2022 hinaus verlängert werden sollte?
Kommt ein Sportvorstand von außen?
Lauter Fragen, die in die Zukunft des Clubs weisen, die sich Mislintat offenbar aber schon jetzt stellt. Antworten muss zum einen Hitzlsperger als Chef der AG liefern und zum anderen der Aufsichtsrat. Denn die Anstellung des Sportdirektors klärt zwar der Sportvorstand, aber sie läuft wie beim Cheftrainer über das Kontrollgremium. Es sind Schlüsselpositionen, die beim VfB dadurch verknüpft sind, dass auf Mislintats Betreiben hin der bis dahin unbekannte Matarazzo geholt und dessen Vertrag noch während einer kritischen Phase in der zweiten Liga vorzeitig verlängert wurde. Für den Sportdirektor war das nicht nur ein Bekenntnis zum Coach, sondern ebenso zum Stuttgarter Weg.
Ein Weg, der kontinuierlich mit jungen Spielern beschritten werden soll. Ein Weg, der den VfB Schritt für Schritt in der Bundesliga wieder nach oben führen soll. Ein Weg, den auch der Aufsichtsrat mitgeht. Zumindest so lange, wie er das Ziel noch vor Augen hat. Nach der Derbyniederlage gegen den Karlsruher SC in der Rückrunde der Vorsaison mehrten sich die Zweifel am Aufstieg – und der interne Druck auf Sportdirektor und Trainer nahm zu.
Da war zu spüren, dass dieses Gremium mit all seiner Erfahrung und Expertise dem Vorstand nicht nur mit Rat und Tat zur Seite steht oder Entwicklungen auf allen Ebenen kritisch hinterfragt, sondern auch nervös werden kann. Das wiederum macht Mislintat vorsichtig. Der Sportdirektor will sich die funktionierende Viererbande mit Hitzlsperger, Matarazzo und Rüdt nicht durch einen fünften Mann zersprengen lassen. Denn laut Satzung bestellt der Aufsichtsrat die Vorstandsmitglieder – und wie zu hören ist, verspürt der selbstbewusste Mislintat wenig Lust darauf, sich einen Sportvorstand von außen vor die Nase setzen zu lassen.
In diesem Fall könnte der in der Szene gefragte Mislintat sogar zum Scout herabgestuft werden. Folglich strebt er an, selbst den Posten des Sportvorstandes übernehmen zu können – aber nur, wenn Hitzlsperger diesen nicht mehr innehaben sollte. Allerdings will der Aufsichtsrat sich nichts diktieren lassen, sondern überzeugt werden. Alles in allem geht es also auch um die Machtverhältnisse beim VfB, und die angestrebte Vertragsverlängerung kann als Stresstest dafür dienen, wie viel Mislintat der Club wagen will.