Sven Mislintat kann am Sonntag die Bundesliga-Rückkehr des VfB Stuttgart feiern.Sven Mislintat kann am Sonntag den VfB-Aufstieg feiern. Foto: Baumann

Der Sportdirektor des VfB Stuttgart Sven Mislintat übt Kritik – hat er Recht? Oder wurde die Mannschaft nicht vielmehr an den Vorgaben der Clubführung und den finanziellen Möglichkeiten gemessen?

Stuttgart - Wer Erfolg hat, hat recht – so lautet eines der Grundgesetze des Profifußballs. Das gilt auch für Sven Mislintat (47), den Sportdirektor des VfB Stuttgart. Es war zwar alles andere als eine glanzvolle Saison, in der der Verein große Turbulenzen zu überstehen hatte. Am Ende aber hat ein Trainer, den Mislintat ausgewählt hat, ein Team, das von Mislintat zusammengestellt wurde, zurück in die Bundesliga geführt. Das zählt.

Der Aufstieg gibt dem Sportdirektor recht – aber liegt er auch richtig, wenn er vor dem letzten Saisonspiel gegen Darmstadt via „Sport Bild“ seinem Ärger über die Kritik der vergangenen Wochen Luft verschafft? „Bei der Bewertung unserer Leistungen“, sagt Mislintat, „werden mittlerweile zu oft Grenzen überschritten, die in ihrer Form nicht mehr tolerabel sind.“

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Es steht außer Frage, dass Sven Mislintat das Recht zur Beschwerde hat, wenn er der Meinung ist, seine Mannschaft oder seine Arbeit würden ungerecht bewertet. Und es stimmt auch, dass der VfB in der zweiten Liga wenig zu gewinnen, dafür aber sehr viel zu verlieren hatte, wie der Sportdirektor anmerkt. Man kann sich daher lebhaft vorstellen, dass der gewaltige Druck in den vergangenen Wochen und vor allem den Tagen nach dem verlorenen Derby­ in Karlsruhe auch den so robusten Westfalen um den Schlaf gebracht hat.

Doch wusste Mislintat schon vor seinem Dienstantritt, wie groß die Erwartungshaltung bei einem Club wie dem VfB ist – das war sogar ein wesentlicher Grund, nach elf Jahren bei Borussia Dortmund und einem 14-monatigen Abenteuer beim FC Arsenal nach Stuttgart zu kommen: „Ich bin im Umfeld von Traditionsclubs aufgewachsen“, sagt er, „diese Atmosphäre ist mir sehr wichtig“. Zu ihr gehören nun einmal auch die hohen Ansprüche eines über lange Zeit vom Erfolg verwöhnten Publikums.

Die Vereinsführung hat hohe Ansprüche formuliert

Allerdings war es in dieser Saison keineswegs allein das angeblich so schwierige Umfeld, das die Mannschaft unter Druck gesetzt hat, sondern vor allem die Vereinsspitze selbst. Das eingesetzte Geld müsse sich im Tabellenplatz widerspiegeln, so lautet das Credo des Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger. Nach dieser Rechnung hätte der Aufstieg wohl schon vor der Corona-Pause besiegelt sein müssen. Doch ist es das Team von Arminia Bielefeld, das mit einem Viertel des VfB-Etats längst als Zweitligameister feststeht.

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Woran sonst sollte ein Club gemessen werden als an den Vorgaben der Chefs und dem, was sie aus den finanziellen Möglichkeiten machen? Im Falle des VfB gehörten dazu fünf Niederlagen aus den sechs Spielen gegen die Aufsteiger und zwei kurzfristige Strategiewechsel in der Trainerfrage. Tim Walter musste gehen, weil den Verantwortlichen der Erfolg dann doch wichtiger war als die zuvor ausgerufene Kontinuität; der Vertrag von Pellegrino Matarazzo wurde vorzeitig verlängert, als der Aufstieg noch akut gefährdet war.

Der Druck wird den VfB auch in der Bundesliga begleiten

„Es war ein Ritt auf der Rasierklinge“, resümiert Sven Mislintat – es ist noch einmal gut gegangen. Wenn kein Wunder geschieht, werden der VfB und sein Sportdirektor am Sonntag den Aufstieg feiern dürfen und anschließend ein paar Tage der Ruhe dringend nötig haben, bevor die Arbeit erst so richtig losgeht. Der Druck wird den VfB auch in der Bundesliga begleiten – auch wenn sich Mislintat schon jetzt alle Mühe gibt, das Träumen zu unterbinden: „Jedem in diesem Club und in unserem Umfeld muss bewusst sein: Das Ziel kann vom ersten Spieltag an nur der Klassenerhalt sein.“

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