Die Entscheidung über die Zukunft von Sportdirektor Sven Mislintat beim VfB steht unmittelbar bevor. In einigen Bereichen herrscht Einigkeit – es gibt aber auch noch hohe Hürden zu überwinden.
Es war nur ein kurzes Abklatschen, mehr nicht. Für einen Moment trafen sich Sven Mislintat und Alexander Wehrle am Samstag nach der 0:2-Niederlage des VfB Stuttgart bei Bayer Leverkusen am Spielfeldrand auf Höhe der Mittellinie, gingen dann aber zügig getrennte Wege. Der eine, Sportdirektor Mislintat, direkt weiter in den Innenraum der Arena. Der andere, Vorstandschef Wehrle, ein paar Meter entlang des Spielfelds zu einem Interview. Er hatte durchaus Wichtiges zu verkünden.
Denn: Seine lange geplante Reise zur Fußball-WM nach Katar fällt aus, Wehrle wird sich stattdessen in Stuttgart den Gesprächen mit Mislintat über eine Verlängerung von dessen im Sommer auslaufendem Vertrag widmen. „Das hat Priorität jetzt“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Der Zeitplan ist klar umrissen: An diesem Montag bricht der VfB zu einer einwöchigen Marketingreise in die USA auf. Mit Mislintat – aber ohne Wehrle, der an diesem Donnerstag an der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) teilnimmt. Direkt nach Mislintats Rückkehr aus den Vereinigten Staaten sollen aber die finalen Gespräche stattfinden. Themen gibt es viele – und Hürden auch. Womöglich zu viele.
An der Trainerfrage dürfte Mislintats Vertragsverlängerung nicht scheitern
Der vermutlich am wenigsten kontroverse Punkt dürfte die Trainerfrage werden. Klar, die Einschätzungen gehen schon auseinander, ob Interimstrainer Michael Wimmer denn nun dauerhaft zum Chef an der Seitenlinie befördert werden soll. Mislintat attestiert ihm „herausragende Arbeit“, Wehrle deutlich nüchterner einen „guten Job“.
An einer Uneinigkeit in der Causa Wimmer dürfte die Vertragsverlängerung Mislintats aber nicht scheitern, der Sportdirektor verknüpft sein Schicksal nicht mit dem des Trainers. Ob Wimmer der Topkandidat sei? „Er ist auf jeden Fall ein Topkandidat“, sagt Mislintat und ergänzt: „Wir werden alle Meinungen in einen Topf schmeißen. Ich habe Argumente genannt, die für ihn sprechen können. Es kann aber auch Argumente für jemand anderen geben.“ Das zumindest klingt nicht nach einem unlösbaren Konflikt.
Die Frage der sportlichen Kompetenzen könnte zum Knackpunkt werden
Deutlich heikler wird es bei der Frage der finanziellen Möglichkeiten. 25 Millionen Euro Überschuss waren in der zurückliegenden Transferperiode in die klammen VfB-Kassen geflossen, durch den drohenden Ausstieg von Mercedes-Benz als Hauptsponsor sind die Aussichten auf mehr Spielraum nicht gerade gut. „Natürlich wünschst du dir auch mal Geld zum Ausgeben“, sagt Mislintat. Letztlich aber sei er auch künftig bereit, mit den vorhandenen Budgets zu arbeiten – mit einer Einschränkung: Sollten sie tatsächlich nicht steigen oder gar sinken, sei mit ihm kein anderes offizielles Ziel als der Klassenverbleib zu machen: „Es hilft nichts“, sagt der Sportdirektor, „wenn es der Anspruch ist, das Ziel deutlich höher zu schieben, und das nicht mit dem passt, was ich einschätze.“
Weit auseinander liegen die Einschätzungen auch in der Frage der sportlichen Kompetenzen, sie könnten zum großen Knackpunkt werden. Bislang nimmt Mislintat eine ziemlich exponierte Position mit weitreichenden Befugnissen ein. Es ist kein Geheimnis, dass Wehrle den Club deutlich breiter aufstellen möchte. Sein neuer Berater Sami Khedira war bereits in wichtige Entscheidungen eingebunden und saß beim Entschluss zur Trennung von Trainer Pellegrino Matarazzo mit am Tisch. Ab Januar wird zudem Christian Gentner als Leiter der Lizenzspielerabteilung in Mislintats Team einsteigen. Er soll nah dran sein an Mannschaft und Trainer – genauso aber interpretiert auch Mislintat seine Rolle.
Mislintat erregt mit Nachricht auf Instagram Aufsehen
Die Frage also lautet weniger, ob der Sportdirektor neue Kompetenzen dazu bekommt – sondern ob er seine jetzigen behält. Die Antwort soll eine Analyse der sportlichen Bilanz bringen. „Reicht das aus“, fragt Mislintat, „um den gleichen Vertrag zu bekommen oder eben nicht?“ Die Diskussionen dürften kontrovers verlaufen: In finanzieller Hinsicht hat Mislintat die Bilanzen durch Spielerverkäufe wiederholt aufgebessert – auf der anderen Seite aber haben viele vorwiegend junge Spieler nicht wie erhofft eingeschlagen. Zudem befindet sich das Team nun schon im zweiten Jahr in Folge im Abstiegskampf.
Abseits der sportlichen Analyse bleibt die Frage, ob es auf atmosphärischer Ebene noch eine gemeinsame Basis gibt. Zur Verstimmung bei Mislintat trug bei, nicht in die Verpflichtung Gentners einbezogen gewesen zu sein und dann lange auf Gespräche über die eigene Zukunft gewartet zu haben.
Wehrle seinerseits dagegen dürfte durchaus kritisch zur Kenntnis nehmen, dass der beim VfB-Anhang beliebte Mislintat durch öffentliche Statements immer wieder Aufsehen erregt. Erst nach dem Spiel in Leverkusen wieder, als er sich im sozialen Netzwerk Instagram für die besonderen Momente bedankte. Nur ein üblicher Gruß zum Ende des Pflichtspiel-Jahres? Oder doch ein vorgezogenes Abschiedsstatement? Die Aufregung jedenfalls war groß, viele Fans forderten in den Kommentaren vehement einen Verbleib des Sportdirektors.
Nicht mehr lange, dann wird es Klarheit geben. Wehrle verweist darauf, bislang gut mit Mislintat zusammengearbeitet zu haben: „Sven und ich haben ja alle Entscheidungen gemeinsam getroffen.“ Und künftig? Ob auf das flüchtige Abklatschen in Leverkusen bald ein formeller Handschlag zur Besiegelung eines neuen Arbeitspapiers folgt, ist nach Lage der Dinge fraglich.