Flugeinlage: Andy Haug springt von einem Treppengeländer vor dem Kunstmuseum. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Sportart Parkour führte den Schwarzwälder Andy Haug in die weite Welt. Als Profi lebte er in Bangkok und Mexiko-Stadt. Seit vergangener Woche ist er in Stuttgart zu Hause und erkundet die Stadt auf seine eigene Art.

Stuttgart - Betonmauern, Stahlgeländer, Dutzende Treppenstufen. Die Narbe an der Oberlippe des Parkour- und Freerunning-Athleten Andy Haug dehnt sich, als er breit lächelt. Der Kleine Schlossplatz ist für ihn ein großer Spielplatz. Etliche Skateboarder sind hier täglich am Start. Andy sieht aus wie einer von ihnen: Snapback, XXL-Shirt, Baggy-Hose und Sneaker. Doch er ist ein Skater ohne Board.

 

Blonde Locken rutschen aus der Cap, als er seinen Kopf dreht, um nach möglichen Hindernissen zu suchen. Die fünf Steinklötze in der Mitte des Platzes werden vor seinen Augen zu Punkten, die er gedanklich verbindet, bis sie eine Strecke ergeben. Er hechtet von Quadrat zu Quadrat und vollendet den letzten Sprung mit einem Sideflip, indem er sich seitlich um seine eigene Achse dreht. Eine Millisekunde lang ist sein Kopf dem Beton am nächsten. Doch er landet sicher auf den Füßen und sprintet weiter. Freerunning bedeutet für Andy, eine Parkourstrecke auszuschmücken. Nicht nur effizient, sondern so kunstvoll wie möglich will er von A nach B gelangen.

Passanten bleiben stehen, schauen, warten auf eine Wiederholung. Andy winkt ab. Zu viel Aufmerksamkeit sei ihm unangenehm, sagt er, hebt seinen Rucksack auf und schlendert los. Zum nächsten Spot.

Zu Beginn seiner Karriere lebte Andy Haug in Bangkok, danach in Mexiko-Stadt. „Mexiko ist der Parkour-Himmel“, sagt der 27-Jährige. „Je ärmer das Land, desto größer die Community. Dort, wo Kinder kein Geld für Fußballschuhe, einen Tennisschläger oder ein Skateboard haben, machen sie Parkour.“

Sein Vorbild war Jackie Chan

Die Technik, mit dem eigenen Körper Hindernisse zu überwinden, entwickelte sich in den 1980er Jahren in den armen Pariser Vororten. Für Andy ist Parkour daher ursprünglich eine europäische Sportart, die allerdings stark von der asiatischen Kampfsportkultur inspiriert sei. Auch er schwärmte als Kind zunächst für Jackie Chan und andere Kung-Fu-Helden, bevor er mit elf Jahren in seiner Heimat Freudenstadt erstmals mit Parkour in Berührung kam. Damals ahnte er nicht, dass ihn dieser Sport in die weite Welt führen würde.

Vor einem Jahr ist Andy Haug in sein Elternhaus zurückgekehrt. Jahrelang sei er von Freunden und Familie getrennt gewesen, habe die Nähe vermisst, die über Skype nicht hergestellt werden konnte. Doch als er seine Liebsten wieder um sich hatte, fehlten ihm die Möglichkeiten, sich sportlich richtig auszutoben. In Mexiko sprang er wie ein Superheld über Flachdächer, konnte Runs über mehrere Hundert Meter ausführen. Das beschauliche Freudenstadt bereitet einem Weltklasse-Parkourläufer wie ihm hingegen wenig Freude. „Urbane Spots und bessere Trainingsbedingungen haben mich zurück in die Stadt gezogen“, sagt er.

Andys Wahl fiel aus zwei Gründen auf Stuttgart: In der baden-württembergischen Landeshauptstadt gibt es eine rege Parkour-Szene, zudem liegt sie nicht weit von seiner Homebase im Schwarzwald entfernt. Seit vergangener Woche wohnt er in einer WG in Degerloch, ist viel unterwegs, entdeckt die Stadt auf seine spezielle Art.

Zum Beispiel das Universitätsgelände am Rande von Vaihingen, wo selbst Könner wie er mitunter vor schwierigen Herausforderungen stehen. Beim Versuch, eine meterhohe Mauer zu überwinden, rutscht Andy immer wieder ab. Er spuckt auf den Boden, reibt seine Schuhe kräftig über die Flüssigkeit. Die Sohlen sollen klebrig werden – das gibt etwas mehr Halt.

Kommerz, Konkurrenzkampf – und Kreativität

Ende März war Andy Haug in Saudi-Arabien. Als einziger deutscher Parkourläufer war er nach Jeddah zum Festival International des Sports Extrêmes eingeladen worden. Bei dem Event messen sich die weltbesten Skateboarder, BMX-Fahrer, Wakeboarder und Parkourathleten in ihren jeweiligen Disziplinen. Andy verpasste nur knapp das Finale: An einer Gringe-Stange klebte noch Wachs von den Skateboardern. Einer der zwölf Parkourläufer rutschte ab, verlor den Halt und donnerte in das nächste Hindernis. „Daraufhin hatte ich Respekt, war zu vorsichtig“, erzählt Andy. „Mir ging der Schwung aus, und am Ende war ich eine Sekunde zu langsam.“

Andy startet seine Go-Pro-Kamera, um seinen nächsten Mauerüberwindungs-Versuch für Facebook und Instagram aufzuzeichnen. Seine Videos auf Youtube werden tausendfach geklickt. Im Keller seines Elternhauses stapeln sich Kisten voller Energydrinks, Müsliriegel und Klamotten eines Sportlabels. Andy soll die Produkte in seinen Videos platzieren.

Wie jeder Profisportler lebt er von Sponsoren und Preisgeldern, von Kommerz und Konkurrenzkampf. Aber, sagt er, wichtiger sei ihm, dass er durch Parkour seine Lust an der artistischen Bewegung und seine Kreativität voll ausleben könne: „Ich wurde als Künstler geboren. Mir ist Freiheit noch immer mehr wert als Geld.“

Für den nächsten Stunt nimmt Andy die Kamera in den Mund – die Firma Go Pro hat speziell für Parkourläufer eine Halterung entwickelt, die mit den Zähnen fixiert wird. Früher bastelte Andy selbst Konstruktionen aus Schwämmen, um seine Runs für die Videoplattform Youtube aus dieser originellen Perspektive zu filmen. Andy sagt, dass er versuche, sich nicht zu sehr mit der digitalen Welt zu beschäftigen. Andererseits ist er darauf angewiesen, dass das, was er tut, von vielen Menschen im Internet wahrgenommen wird. Nur so ist es möglich, dass er seit sieben Jahren von seinem Sport leben kann.

Am wichtigsten sei es ihm, Parkour bekannt zu machen, sagt er. Deshalb unterrichtet er Schulkinder und leitet Workshops. „In Europa ist die Entwicklung zäh, weil es Sportarten gibt, die viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die meisten Kinder spielen natürlich Fußball.“

Mit den Jahren ist er vorsichtiger geworden

Andy Haug hat sich ein großes Ziel gesetzt: In spätestens fünf Jahren möchte er in Stuttgart eine Parkourhalle eröffnen, um den Zugang zu seinem Sport einfacher zu machen, als er einst für ihn war. Als Knirps platzierte er die Matratze aus seinem Kinderbett im heimischen Garten neben dem Teich und übte auf dem 90 Zentimeter breiten Rechteck seine ersten Salti.

Später, nach der Realschule und während seiner anschließenden Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher, trainierte Andy Haug täglich. Als er 19 war, landete in seinem Youtube-Postfach eine Einladung von einer Filmproduktionsfirma aus Bangkok. Zwei Jahre lang arbeitete er in Thailand als Stuntman. Während er dies erzählt, berühren seine Finger die Oberlippe, als müsste er sich der Narbe aus dieser Zeit vergewissern: Während eines Drehs hatte er einen Rückwärtssalto von den Schultern eines Stunt-Partners gemacht. Dessen Körperspannung sei zu locker gewesen, sodass er mit dem Gesicht auf den Beton geklatscht sei. „Für Parkour muss man anders getrimmt sein, Stürze und blaue Flecken dürfen einem nichts ausmachen.“ Er sei oft glimpflich davongekommen und mit den Jahren vorsichtiger geworden.

Das zeigt sich auch an der letzten Station seiner heutigen Stuttgart-Erkundungstour. Auf dem Birkenkopf ragt ein etwa sechs Meter hohes Stahlkreuzes aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges heraus. Es ist ein stürmischer Apriltag, das Kreuz schwankt im Wind. Andy Haug will an ihm hochklettern, entscheidet sich dann aber, es lieber zu lassen. „Es ist wichtig, ab und zu auch mal Schiss zu haben.“ Er wird an einem ruhigeren Tag wiederkommen.