Baseball beim TV Cannstatt, Bundesligist Stuttgart Reds: Wann wird wieder gespielt? Foto: Iris Drobny

Der TV Cannstatt bietet 5100 Menschen eine sportliche Heimat. Jetzt kämpft er um seine Zukunft.

Stuttgart - An guten Tagen ist der TV Cannstatt 1846 ein Paradies für alle, die Freude an der Bewegung haben. Jetzt keucht wie bestellt eine Joggerin vorbei, ein Platzwart dreht mit dem Aufsitzmäher seine Runden auf dem Rasen, den niemand betreten darf. Im Sportstudio möchte man flüstern ob der bedrückenden Leere. Und beim Neuen Pfefferer, dem Vereinslokal, wo sich sonst auf der Terrasse die Gäste drängeln, lehnen die Stühle an den Tischen, als müssten sie das Unvermeidliche betonen: Corona! Der TVC 1846 bleibt bis auf weiteres geschlossen!

 

Wie lange geht das noch gut?

Wie lange das ein Verein noch durchhalten kann? Wie lange lassen sich die 5100 Sporttreibenden beim TVC noch vertrösten? Benjamin Löwinger sitzt auf der Tribüne des Baseball-Bundesligisten Stuttgart Reds und gönnt sich einen Seufzer so tief wie ein Batter, der ein Loch in die Luft schlägt. „Nicht mehr lange“, antwortet der TVC-Geschäftsführer. Löwinger, 31, ist Chef eines Teams aus überwiegend jungen Mitarbeitern. Er sagt: „So eine Krise hat von uns noch niemand erlebt. Und keiner weiß, wie lange sie noch anhält.“ Er sagt aber auch, dass sie sich nicht unterkriegen lassen.

Wie soll das gehen, wenn jeden Monat rund 100 000 Euro an Personalkosten auflaufen? 56 Mitarbeiter teilen sich rund 41 Stellen. Und wie soll das funktionieren, wenn die Einnahmen aus den 35 Reha-Kursen pro Woche und den 50 Sportkursangeboten einfach wegbleiben wie nach einem Kurzschluss der Strom?

Ohne Kurse keine Gebühren

An normalen Tagen quillen die Gruppen über: Sport nach Krebs, Koronarsport, Vorbeugung gegen das Kreuz mit dem Rücken. Dem Sportstudio am Schnarrenberg angeschlossen ist eine Sauna, es gibt das Baseballstadion, die TVC-Halle mit dem Badminton-Center, es gibt eine Gymnastik- und eine Tennishalle, Fußballplätze, ein Dojo für Kampfsportler, eine Tartanbahn, zwei Sportkindertagesstätten, eine Kindersportschule und TVC-Außenstellen in Freiberg und in der Cannstatter Elwertstraße.

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Für 22 Sportarten ist der Turnverein die ideale Heimat. Und mit jedem Tag Stillstand mehr, wächst die Ungeduld derer, die auf Lockerungen warten. Löwinger und sein Team haben ein Outdoor-Fitnesskonzept und eine interne Infektionsschutzordnung erarbeitet. Jetzt hoffen alle, dass wenigstens die Freiflächen wieder geöffnet werden. „Das wäre ein kleines Licht am Ende des Tunnels“, sagt Löwinger. Und eine Alternative für die Kundschaft im Sportstudio, die nicht ewig die Monatsgebühr für ein Angebot überweist, das sie nicht nützen kann. „Wir sind im ständigen Kontakt mit unseren Mitgliedern“, sagt Benjamin Löwinger. Der Geschäftsführer will alles tun, um die TV-Gemeinde bei Laune zu halten. Und bei der Stange.

Sattes Defizit im Mai

Natürlich hat der TV Cannstatt 30 000 Euro Soforthilfe vom Land bekommen und Kurzarbeit beantragt. Aber die Mini-Gehälter im Sport reichen zum Leben hinten und vorne nicht, wenn der Verein nicht noch ein wenig aufzahlt. Die ersten Klimmzüge über dem Abgrund hat der Club gemeistert, doch schon im Mai läuft ein Defizit auf, dass sich zwischen 80 und 100 000 Euro bewegen dürfte. Das Bauvorhaben zur Modernisierung der Sportanlagen über 6,5 Millionen Euro soll im Herbst beginnen. 1,5 Millionen davon muss der Verein finanzieren, der Rest kommt von Stadt und Land.

Ob das alles noch zu stemmen ist? „Wir müssen abwarten, wie sich die Lage entwickelt, werden aber die Chance zur Modernisierung ergreifen“, sagt Benjamin Löwinger. Er ist Sportler - und das Kämpfen gewöhnt.