Regelmäßiges Laufen hat Jürgen „Cheasy“ Trzcinski in seinen Alltag eingebaut. Foto: Baumann

Am Anfang kann er nicht mehr reden, sich nicht mehr bewegen. Doch Jürgen „Cheasy“ Trzcinski kämpft sich nach einem Schlaganfall zurück ins Leben – mithilfe von Ausdauersport.

Backnang - Jürgen Trzcinski kommt an diesem Sonntagmittag gegen 12 Uhr nach Hause. Vom Lauftraining. Durch die Backnanger City. Dort, wo er auch seinen virtuellen Silvesterlauf absolviert. Wie viele andere auch. Doch dass der 54-Järige die Laufschuhe in seiner Heimatstadt schnüren wird, ist keine Selbstverständlichkeit. „Ich genieße jeden Schritt“, sagt der ehemalige Fußballer am Telefon, noch bevor er sich unter die Dusche verabschiedet.

 

OP an der Halsschlagader

Warum er alles ganz besonders bewusst wahrnimmt, geht auf den 26. Juni 2017 zurück. An diesem Tag erleidet er einen Schlaganfall. Wie etwa 270 000 andere Menschen pro Jahr in Deutschland ebenfalls. Um 7.30 Uhr war er damals aufgewacht, fühlte sich schlapp, spürte Grippesymptome. Er bleibt bis 16 Uhr in seinem Bett liegen. Dann kommt seine Freundin, alarmiert sofort den Notarzt. Jürgen Trzcinski wird ins Klinikum Winnenden eingeliefert. Später wird er an der Halsschlagader operiert. „Ich konnte am Anfang weder sprechen noch einen Löffel halten“, erzählt er.

VfB-Hymne gesungen

Nicht gehen, nicht reden, nicht greifen: Das war ein Schock für den in der Rems-Murr-Region als „DJ Cheasy“ bekannten Musiker. Vier Wochen vorher hatte sich in Ilshofen für den früheren Bezirksliga-Stürmer des SV Steinbach, dem Heimatverein von Ex-VfB-Präsident Wolfgang Dietrich, noch ein Traum erfüllt: Bei einem Freundschaftsspiel der Hohenlohe-Auswahl gegen den gerade aufgestiegenen VfB Stuttgart durfte der Fan der Weiß-Roten vor 4500 Zuschauern das VfB-Lied „Wenn du mich fragst, wer Meister wird“ schmettern. Nach dem Schlaganfall musste er sich ins Leben zurückkämpfen. In der Reha in Dobel im Nordschwarzwald fühlte er sich ein Stück weit unterfordert. „Ich brauchte einfach mehr. Nach zwölf Tagen habe ich mich selbst entlassen“, erzählt Trzcinski.

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Ganz langsam klappte es wieder mit der Sprache. Auch körperlich kam der baumlange Kerl in kleinen Schritten wieder auf die Beine. Er steigerte die Belastbarkeit, arbeitete an seiner Mobilität. Mithilfe von Stöcken versuchte er sich anfangs im Nordic Walking „im Tempo eines 90-Jährigen“ (Trzcinski), dann durchquerte er Wälder, um sich an den Bäumen orientieren zu können. „Riesige Weiten waren zunächst nichts für mich. Da wurde es mir schwindlig. Zu viel Reize. Zu viel Input“, berichtet er.

Neues Selbstvertrauen

Den Durchbruch zum neuen Leben brachte ihm das Joggen. Behutsam begann er zwei- bis dreimal pro Woche zu laufen und steigerte sich kontinuierlich. Studien belegen, dass körperliche Bewegung am besten vor einem weiteren Gefäßverschluss oder Durchblutungsstörungen schützt. Jürgen Trzcinski brachte der Sport nicht nur Ausdauer und Koordination, sondern auch neues Selbstvertrauen und psychische Stabilität. Der Sport hellte das Gemüt auf, steigerte die Stimmung.

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2018 absolvierte er beim Backnanger Silvesterlauf fünf Kilometer, 2019 meisterte er in der Rems-Murr-Metropole die Zehn-Kilometer-Strecke, genauso wie beim Wettkampf auf Mallorca. Vor drei Wochen lief er von der Haustür in Kleinaspach weg seinen ersten Halbmarathon – in sehr respektablen 2:13:58 Stunden. Auch beim „Spendenmarathon“ für die SWR-Aktion „Herzenssache“ ist er aktiv.

Ernährung umgestellt

„Ich kann nur jedem Patienten empfehlen weiterzukämpfen. Jeden Tag. Der Sport hilft dabei enorm, verleiht Energie und Lebensmut“, sagt Trzcinski – und stellt klar: „Es geht nicht darum, Weltrekorde zu brechen, sondern um kleine Schritte.“ Früher hat er eineinhalb Zigarettenschachteln pro Tag geraucht, seit dem Schlaganfall hat er keine einzige Kippe mehr angerührt. Auch die Ernährung hat er umgestellt, isst mehr Fisch, Käse, Nudeln. Nicht zuletzt empfiehlt er, sich regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen zu unterziehen. „Ich habe nie nach meiner Halsschlagader schauen lassen“, räumt er ein.

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Das alles zu beherzigen – dies möchte er als Botschaft gerne mitgeben. Genauso wie die Empfehlung doch virtuell an einem Silvesterlauf teilzunehmen. Es muss ja nicht für jeden Teilnehmer ein Lauf zurück ins Leben sein.