Bewegung fördert die Gesundheit – das gilt natürlich oder in besonderem Ausmaß für krebskranke oder genesene Jugendliche. Für sie gibt es ein neues digitales Sportangebot. Wir haben mit einer Teilnehmerin gesprochen.
Stuttgart - Die Arme sind nach oben gestreckt, die Beine werden abwechselnd hochgezogen. Die Trainerinnen Heike Bleicher und Jasmin Tögel machen es vor – und elf Jugendliche machen mit. Jeder so, wie er kann. Nicht in der Sporthalle, sondern bei sich zu Hause. Man könnte meinen, dass dies eine normale Online-Sportgruppe in Pandemiezeiten ist. Doch das neue Angebot des Tumorzentrums Eva Mayr-Stihl des städtischen Klinikums war schon vor Corona geplant gewesen – und zwar immer schon als digitaler Termin. Es richtet sich an krebskranke Jugendliche und solche, die die Krebstherapie hinter sich haben. Wichtige Voraussetzung ist natürlich, dass sie „sportfähig“ sind, wie es die Onkologin Claudia Blattmann ausdrückt, die die Kinderonkologie am Stuttgarter Olgahospital kommissarisch leitet.
Medikamente machen antriebslos
Die Idee für ein eigenes Sportangebot sei 2019 am Rande eines Benefizfußballturniers aufgekommen, das der Verein SG Stern finanziert hatte, erzählt Blattmann. Der Verein beteiligt sich auch an dem Programm, das der Sozialpädagoge Manuel Schlösser von der Tübinger Kinderklinik, die Sportwissenschaftlerin Cornelia Schatton vom Tumorzentrum des Klinikums und die Sportvereinigung Feuerbach 1883 gemeinsam entwickelt haben. Training und Fitness seien bei ihren Patientinnen und Patienten enorm wichtig, betont Claudia Blattmann. So werde auch die psychische Gesundung gefördert, zudem gehe es um die Vermeidung von Langzeitschäden. Die Jugendlichen müssten oft Medikamente nehmen, die antriebslos machen und Depressionen auslösen oder verstärken können. Es sei schwer für sie, sich zu motivieren, sich zu bewegen.
Abgesehen davon, dass das Training im Fitnessstudio in Pandemiezeiten in der Regel ohnehin nicht geht, schreckten viele auch aus Schamgefühl davor zurück, wenn man ihnen die Krankheit ansieht. „An eine normale Gruppe kann man sie nicht anbinden“, sagt die Onkologin. Sie ist deshalb froh, dass das Programm entwickelt wurde. Die Trainerinnen und Trainer gingen auf die individuellen Bedürfnisse ein. Knochenkrebspatienten haben zum Beispiel oft Prothesen und können manche Übungen nicht so umsetzen.
Tumor so groß wie eine Coladose
„Es ist sehr motivierend“, sagt die Teilnehmerin Lena Hanstein, die als 19-Jährige zu den Ältesten aus der Gruppe gehört. „Daheim im gewohnten Umfeld fühlt man sich wohl.“ Sie findet es gut, dass die Trainerinnen bei jeder Übung sagen, wie man sie auch machen kann, damit es leichter fällt. Ihre eigene Krebserkrankung liegt schon etwas zurück. 2016 wurde bei ihr Lymphdrüsenkrebs festgestellt – für sie kam das überraschend. Der Tumor in ihrem Körper sei zwar so groß wie eine Coladose gewesen, aber sie habe keine Symptome gespürt. Die Chemotherapie mit ihren vier Zyklen war zum Glück erfolgreich.
Dass es auch anders hätte laufen können, der Gedanke sei ihr erst später gekommen. Lena Hanstein erzählt, wie sie im Sommer nach Abschluss der Therapie mit der Familie im Schwarzwald wandern war – und bei der Hälfte nicht mehr konnte, ihre Beine wollten sie nicht mehr tragen. Ihr Körper war noch lange nicht der alte. „Ich stand da auf dem Berg, heulend.“ Als der Brief vom Olgahospital kam, ob sie Lust hätte, bei dem Sportangebot mitzumachen, hat sie sich gefreut. „Online ist es einfach praktisch“, sagt die Studentin, die inzwischen in Erlangen lebt.
Grußbotschaften per Video von Spitzensportlern
Man habe überlegt, wie man die Jugendlichen anspornen kann, erzählt Claudia Blattmann. So haben prominente Sportler Grußbotschaften per Video geschickt: darunter Nationaltorhüter Manuel Neuer und der VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic. Erst mal wurden vier Montagstermine angesetzt. Anschließend wird evaluiert. Vielleicht könne man das Angebot dann dauerhaft in der Kinderkrebsmedizin etablieren, heißt es beim Klinikum. Lena Hanstein wäre dann gerne wieder dabei – zumindest, „wenn es weiter digital ist“.