Kugelstoßer und Student Ein Kämpfer – mit und ohne Kugel

Von Sascha Sauer 

Simon Bayer ist Deutscher Meister im Kugelstoßen. Nächstes Jahr will er bei den Olympischen Spielen in Tokio starten. Neben dem harten Training studiert er Wirtschaftsinformatik in Esslingen. Es ist ein Spagat zwischen Spitzensport und Uni-Alltag.

Im August holte sich Simon Bayer den Titel des Deutschen Meisters. Foto:Hochschule Esslingen (Arndt Falter) Foto:  

Esslingen - Simon Bayer ist ein Kraftpaket. Bei 1,84 Meter Größe bringt er 120 Kilogramm auf die Waage. Auch seine Handgelenke sind auffällig stark gebaut. Das ist enorm wichtig, denn wenn die Kugel bei einem guten Stoß seine Hand verlässt, dann wirken Kräfte von bis zu 250 Kilogramm auf sie.

Der 23-jährige Spitzensportler ist bescheiden, seine Erfolge trägt er nicht wie eine Laterne vor sich her. Dass er Anfang August Deutscher Meister im Kugelstoßen geworden ist, gibt ihm Rückenwind für sein nächstes großes Ziel: die Olympischen Spiele in Tokio 2020.

Wenn andere Studenten morgens ihre Zähne putzen, bereitet er seinen ersten Eiweißshake zu

Mentale Kraft und Ausdauer braucht Simon Bayer auch für sein Studium der Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Esslingen. „Wenn andere Studenten morgens ihre Zähne putzen, bereite ich schon meinen ersten Eiweißshake zu“, sagt er. Um sein Gewicht zu halten, setzt er auf Zwischenmahlzeiten, isst viel Gemüse, Bananen und Nüsse. „Wenn man das Gewicht einmal hat, ist es gar nicht so schwer, es zu halten“, sagt er.

Bald startet das dritte Semester. Vor allem die IT-Sicherheit interessiert ihn. Dabei sei er kein Nerd, der ständig vor dem PC sitze, betont der Spitzensportler. Er habe das Studium aus einem anderen Grund gewählt: „Ich hatte einfach schon immer ein Faible für Technik und wollte Leuten bei PC-Problemen helfen.“

Für Tokio fehlen ihm noch einige Zentimeter. Um sich zu qualifizieren, muss er die Kugel mindestens 21,10 Meter weit stoßen oder zu den 32 besten Kugelstoßern der Welt gehören. Dafür trainiert er sechs- bis achtmal die Woche am Olympiastützpunkt in Bad Cannstatt. Seine Bestweite ist bisher 20,26 Meter.

Viele Jahre hat Simon Bayer mit seiner ADHS zu kämpfen

Simon Bayer ist nicht nur ein Kämpfer im Kugelstoßring. Viele Jahre kämpfte er auch mit seiner ADHS. „Trotz Ritalin bin ich oft in der Schule angeeckt“, erzählt er. Wegen seiner Aufmerksamkeitsstörung und der damit verbundenen starken inneren Unruhe musste er oft nachsitzen. Der Sport sei für ihn ein Ventil gewesen, mit dem er seine überschüssige Energie loswerden konnte. „Ich bin schon immer gerne explodiert“, sagt er. Beim Kugelstoßen ist das kein Nachteil.

Wenn Simon Bayer von seiner frühen Jugend spricht, wird seine Stimme ernst. Man spürt, dass er sich mit seiner Vergangenheit noch nicht ganz versöhnt hat. „Ich musste damals oft auf die Schnauze fallen“, sagt er. Im Rückblick glaubt er den Grund dafür zu kennen: „Ich hatte noch keine klaren Ziele im Leben, das hat mich nervös gemacht.“ Klare Ziele seien wichtig, um sich zu erden, sagt er.

Heute als Student in Esslingen kämpft er mit anderen Herausforderungen. „Während der Saison zu studieren, ist sehr schwer, meistens sind die wichtigsten Wettkämpfe zu einer ähnlichen Zeit wie die Prüfungen“, erklärt er. Im Winter passe er deshalb sein Training den Semesterplänen an, im Sommer sei es genau andersherum. „Die Hochschule steht mir aber immer beratend zur Seite, wenn ich mal nicht da bin“, sagt Simon Bayer. Das helfe ihm.

In Wettkampfzeiten lässt er die Studentenpartys sausen

Sein Leben ist ein Spagat zwischen Spitzensport und Uni-Alltag. Und wenn er mal nicht irgendwo in der Welt um Medaillen kämpft, nutzt er das Wochenende vor allem zum Auftanken. Regeneration ist angesagt. Studentenpartys lässt er dann sausen, manchmal trifft er sich aber mit Freunden.

Für das Wirtschaftsinformatik-Studium hat er sich ganz bewusst entschieden. „Viele Sportler enden als Trainer, Sportlehrer oder in der Medienbranche“, erzählt Bayer. Dort sieht er seine Zukunft nicht. „Das könnte ich mir nur als Nebenbeschäftigung vorstellen, mir wird schnell langweilig und dann verliere ich mein Feuer.“ Einen Nebenjob, wie ihn die meisten Kommilitonen haben, braucht er nicht. Sponsoren- und Preisgelder sowie ein Zuschuss von den Eltern reichen. Obwohl das Leben als Spitzensportler nicht gerade billig ist. So geht viel Geld für Nahrung, Tapes, Sportklamotten, Bandagen und Physiotherapie drauf.

Im Gespräch ist Simon Bayer schnell beim Du. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in den USA geboren bin“, mutmaßt er. Aufgewachsen ist er aber in Kienberg in Oberbayern. Mit neun Jahren fing er dann in der Leichtathletik an. Damals war sein Vater der Trainer. „Er war immer für mich da, er ist früher Speer- und Hammerwerfer gewesen“, erzählt Simon Bayer.

In der neunten Klasse zieht er nach Stuttgart ins Sportinternat

Obwohl der Sport ihm half, seine unkontrollierte Impulsivität besser in den Griff zu bekommen, fühlte er sich damals nicht gut. „Meine ADHS war einfach nicht akzeptiert, ich musste mich lange verstecken“, sagt er. Die Aufmerksamkeitsstörung war mit ein Grund, warum er schließlich in der neunten Klasse von Kienberg nach Stuttgart ins Sportinternat zog. Da wurde plötzlich alles besser, die dortigen Strukturen halfen ihm, seine Unruhe, die einem inneren Beben gleicht, besser zu kontrollieren.

Ab der zehnten Klasse experimentierte er dann mit Diskuswurf und Mehrkampf. Doch sein Weg als Leichtathlet endete beim Kugelstoßen. „Dort kommen meine Stärken wie Koordination, Kraft und Geschwindigkeit zusammen“, sagt er. Viele denken beim Kugelstoßen komme es vor allem auf die Kraft an. Doch das ist falsch: „Anfänger wollen immer alles aus dem Arm heraus machen, aber die Bein- und Oberkörperkoordination muss stimmen“, erklärt der Spitzensportler.

Insbesondere für Cyber Security interessiert sich der Spitzensportler

Nach dem Abitur am Wirtemberg-Gymnasium in Stuttgart machte er eine Ausbildung als Fachinformatiker. „Mit dem Studium in Esslingen möchte ich jetzt meine Ausbildung vertiefen“, sagt Simon Bayer. Er interessiert sich vor allem für Cyber Security. In diesem Bereich hat er bereits ein Praktikum gemacht.

Für Sicherheit in seinem Leben sorgt Simon Bayer mit Disziplin. Atemtechnik und Meditation gehören für ihn ebenso zum Start in den Tag wie das Frühstück. Ansonsten sind Fast Food, Alkohol und Zigaretten tabu. Auch auf genügend Schlaf achtet er. Und um vom Stress nicht überrollt zu werden, bedient er sich eines psychologischen Tricks: „Ich denke und plane in Wochen, dann gibt es nicht so viel Druck.“

Im Training muss er absolut frei im Kopf sein. Deshalb habe er feste Zeiten beim Lernen, sagt er. „Auswendig lernen ist jederzeit möglich, aber wenn es wirklich darum geht, zu programmieren oder Matheaufgaben zu erledigen und sich eine Fähigkeit damit zu erarbeiten, ist definitiv eine volle Batterie nötig.“

Für Simon Bayer zählen nicht nur Bestweiten und Medaillen

Für Simon Bayer zählen nicht nur Bestweiten und Medaillen. Er möchte auch Vorbild sein, anderen Menschen zeigen, dass man trotz Störungen wie einer ADHS erfolgreich sein Leben meistern kann. „Der Sport hat mir geholfen, mir selbst treu zu sein“, sagt er. Wer wie er in der Vergangenheit mit Problemen zu kämpfen hat, dem rät er: „Sprich es laut aus und ändere es!“ Man müsse immer ehrlich gegenüber sich selbst sein, niemand sollte eine Rolle spielen.

Jetzt will er sich unbedingt für die Olympischen Spielen qualifizieren. Dafür trainiert er mindestens zwei bis drei Stunden täglich. Gewichte stemmen, Dehnübungen, Sprint und Sprünge gehören zum Programm. Dazu gibt es Yoga und Koordinationsübungen auf dem Wackelbrett. „Die Beweglichkeit ist sehr wichtig“, sagt Simon Bayer. Das gilt nicht nur für den Körper. Beim Mentaltraining geht der Kugelstoßer alle Bewegungen im Kopf durch. Alles andere ist dann ganz weit weg.

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