Olympische Spiele: Im Mittelpunkt die Medaillen, der Mensch nur Mittel zum Zweck? Foto: dpa/Peter Kneffel

Der Spitzensport verlangt nach Siegern. Aber sind Titel und Medaillen der einzige Sinn der Schinderei? Oder ist die Entwicklung junger Menschen zu Leistungseliten mit Vorbildcharakter das höherwertige Ziel?

Stuttgart - Der Mann kann vielleicht Fragen stellen. „Was macht ein 400-m-Läufer?“, will Timo Stiller wissen. Antwort: Er rennt die Stadionrunde – so schnell er kann. Darauf richtet er alles aus. „Und er kommt doch allein dort wieder an, wo er gestartet ist“, sagt der Gmünder Pädagoge und Sportwissenschaftler mit dem Faible für gedankliche Tiefenbohrung. Dann fragt er: „Und warum macht er das? Immer wieder?“

235 Millionen jährlich vom Steuerzahler

Na, ja. Den Lauf der Welt ändert ein Leichtathlet eher nicht. Er hat Spaß am Wettkampf, er misst sich gern mit anderen. Und er will am liebsten immer der Erste sein. Dafür nimmt er viel in Kauf: Training, Schule, Training, essen, lernen, schlafen. So fräst ein Spitzensportler jahrelang durch den Tag. Vielleicht schafft er es zu einer Weltmeisterschaft oder zu Olympischen Spielen. Sollte sich die Schinderei auszahlen, dann wäre ein Titel oder eine Medaille nicht schlecht. Manchmal wird der Athlet aber Vierter statt Erster. Oder er scheidet schon im Vorlauf aus. Dann reicht es noch für eine Zeile in den Ergebnisspalten der Zeitungen. Das ist bald wieder vergessen. Die Erwartungen sind hoch: 56 Plaketten erhofft sich das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium dieses Jahr insgeheim von den Sommerspielen in Tokio. Dafür gibt es vom Steuerzahler 235 Millionen Euro jährlich.

Timo Stiller regt sich auf: „D er Mensch wird einzig auf den Erfolg reduzier t, seine Anstrengungen auf dem Weg dorthin werden vernachlässigt.“ Und wenn es ganz dumm läuft, irrlichtert er nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn auch noch ziellos durch sein berufliches Leben. Es reicht in den meisten Fällen nicht, besonders schnell zu sprinten, einen Freistoß um die Mauer zu schlenzen oder im Affentempo einen Eiskanal hinunterzurasen, wenn man auch im späteren Leben Erfolg haben will. „Es muss sich jemand frühzeitig um die Köpfe dieser Menschen kümmern“, sagt der frühere Leichtathletik-Coach.

Fördersystem in Schieflage

Damit die Sportskanonen auch Ahnung von Mathe, Physik oder Biologie haben, gibt es die Eliteschulen des Sports. Timo Stiller lehrte jahrelang selbst an einer. In Leverkusen. Deutsch und Sport. Jetzt regt er sich schon wieder auf. Denn das Fördersystem setzt seiner Meinung nach an dieser Stelle die falschen Prioritäten: erst der sportliche Erfolg, dann die schulische Leistung. „Wie wird sich ein 15-jähriger Nachwuchskicker entscheiden, dem sein Verein sagt, dass die Vertragsverlängerung auf der Kippe steht?“, fragt der Abteilungsleiter Sport und Bewegung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und gibt sich die Antwort selbst: „Er wird alles für den Fußball tun, nicht für die Schule. So will es ja auch sein Verein. Sport und Schule konkurrieren um eine endliche Ressource: die Zeit.“

Der Auftrag der Gesellschaft an ihre Lehrer sei aber ein anderer – „den Schülern sämtliche Bildung mit auf den Weg zu geben, die sie in die Lage versetzt, sich mündig und selbstständig zu entscheiden. Unter Umständen auch gegen den Leistungssport.“ Dumm nur, dass die Vereine genau das nicht wollen. Und dass sich Renommee und Fördergelder der Eliteschulen des Sports nach Stillers Eindruck zuallererst danach richten, wie viel Olympiasieger sich aus ihren Reihen rekrutieren und nicht wie viel wertvolle Schulabschlüsse. Es sei eben eine Win-win-win-win-Situation für Schule, Eltern, Schüler und Verein, die aber dann ende, wenn sich der Schüler nach seiner Karriere als Sportler mit Konkurrenten messen müsse, die bei den Noten nicht bevorteilt worden seien, die aber eben auch mehr Zeit zum Lernen hatten.

Widerspruch kommt von prominenter Stelle. „Unsere Eliteschulen achten sehr genau auf die Balance zwischen Schule und Sport. Die Lehrerinnen und Lehrer unterstützen die Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und auch dabei, Verantwortung zu übernehmen. Das geht über das reine Unterrichten hinaus“, sagt Kultusministerin Susanne Eisenmann, und es gebe für die Prüfungen an den Eliteschulen keinerlei Erleichterungen. „Die Abschlussprüfungen sind allgemeingültig und überall gleich. Das Abi ist die staatliche Prüfung des Landes Baden-Württemberg“, sagt die CDU-Politikerin und lässt keine Zweifel zu: „Wir sind mit unseren Eliteschulen sehr, sehr zufrieden – auch im bundesweiten Vergleich. Die Schülerinnen und Schüler erbringen doppelt Leistung: in Schule und Sport. Davor habe ich großen Respekt.“

Philosophie und Spitzensport

Stiller entwickelte in Nordrhein-Westfalen nicht ganz zufällig das abiturrelevante Fach Philosophie und Spitzensport, in dem die Eliteschüler lernten, sich zu erklären und zu hinterfragen, was sie Tag für Tag taten. Der Freundeskreis des Systemkritikers Timo Stiller wurde dadurch aber nicht größer. Weder in der Schulbürokratie noch im Sportfördersystem. Diejenigen, die seine Einwände als Majestätsbeleidigung empfanden, legten ihm Steine in den Weg. Beförderungen wurden mit dem Hinweis verweigert: „Sie passen nicht ins System.“ Habilitieren konnte er schließlich trotzdem – in Saarbrücken beim renommierten Sportsoziologen Eike Emrich. Auch ein Kritiker der deutschen Spitzensportförderung.

Jetzt bildet Professor Stiller in Schwäbisch Gmünd Sportlehrer für die Grund- und Hauptschulen in Baden-Württemberg aus und stellt unverdrossen die Frage: „Welchen Bildungsgehalt hat der Sportunterricht?“ Er bläut seinen Studenten ein, dass die Leibesertüchtigung in jedweder Sportart nur dann Sinn ergibt, wenn man sich selbst und anderen erklären kann, warum man sie schätzt und immer wieder ausübt. Gerade die Freude, die aus zwecklosen Tätigkeiten entstehe, sei im Sport ein zentrales Thema, gibt Stiller zu bedenken und markiert die wichtigste Schnittmenge zwischen Leistungssport und Schule: „Beide profitieren von starken Persönlichkeiten.“

Mehr als nur Medaillen-Hamster

Das aktuelle Fördersystem im deutschen Spitzensport berücksichtige aber nicht, dass der Mensch weit mehr ist als ein Titel- oder Medaillen-Hamster. Mit Boris Becker litt einst die ganze Nation, wenn er sich zu seinen großen Erfolgen quälte. Bis heute wird er auf seinen Sieg als 17-jähriger Tennisspieler in Wimbledon reduziert. Sein Potenzial als Vorbild für Leistungseliten wurde nie gehoben, seine Persönlichkeit nicht frühzeitig entwickelt. „Dabei sind auch in der Wirtschaft die besten Manager diejenigen, die ihren Mitarbeitern nachvollziehbar erklären können, warum sie für ein Projekt brennen, sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen oder warum sie sich zu hundert Prozent mit einem Produkt identifizieren“, ist Timo Stiller überzeugt.

Der Pädagoge schlägt Stipendien für junge Menschen vor, die nicht nur sportliche, sondern vor allem persönlichkeitsbezogene Potenziale zeigen. Ausgewählt von unabhängigen Gremien mit Vertretern aus gesellschaftlich relevanten Gruppen. „Dann fördert man seinen Weg als Mensch und gesellschaftliches Vorbild und nicht nur die sportlichen Ziele“, sagt Stiller und ist überzeugt: „Das würde auch der Dopingproblematik entgegenwirken.“

Kritischer Nachwuchs

Das Echo auf seine Kritik und Vorschläge hält sich bisher in Grenzen. Das könnte sich aber ändern. Denn aktuelle Erhebungen zeigen: Junge Menschen sind immer seltener bereit, sich klag- und fraglos der Maschinerie des Hochleistungssports auszusetzen. Wer 400 Meter läuft, will irgendwann auch wissen, warum.

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