Gut 25 Jahre ist es her, dass Cem Özdemir ein Buch veröffentlichte und Manuel Hagel sich in ein Poesiealbum eintrug. Warum beides nun kurz vor der Wahl thematisiert wird.
In Wahlkampfzeiten müssen sich die aussichtsreichen Spitzenkandidaten auf Herz und Nieren durchleuchten lassen. Selbst alte Dinge werden da von interessierter Seite an die Öffentlichkeit lanciert, um Integrität und Glaubwürdigkeit der Politiker zu hinterfragen – mal mit mehr, mal mit weniger Substanz. Im Fall von Manuel Hagel (CDU) ist das ein Poesiealbum, in das er sich einst als Grundschüler eingetragen hat. In schöner Kinderschrift gibt er da auch seinen „Traumberuf“ an: Arzt. Dabei erzählt der 37-Jährige landauf, landab, er habe eigentlich Förster werden wollen. Wie passe das zusammen?, fragen anonyme Informanten.
Auch Cem Özdemir (Grüne) sieht sich mit Fragen aus der gleichen Zeit, vor fast drei Jahrzehnten, konfrontiert. Damals, als Bundestagsabgeordneter mit Anfang 30, veröffentlichte er ein Buch über Migration, Identität und Integration – geschrieben aus der Perspektive eines in Deutschland geborenen Sohns türkischer Eltern. „Currywurst und Döner“, lautete der Titel der ersten, 1999 erschienen Fassung, in der aktualisierten von 2000 dann sperriger „Deutsch oder nicht sein? – Integration in der Bundespolitik.“ Ein Bestseller dürfte es nicht geworden sein, aber der „anatolische Schwabe“ festigte damit seinen Ruf als Politiker mit intellektuellem Anspruch.
Auffällige Parallelen zu Buch von Historiker
Nun, kurz vor der Landtagswahl, hat jemand das Buch neu gelesen – und darin prompt Auffälligkeiten entdeckt. Zumindest ein Kapitel bei Özdemir erinnere frappierend an ein Werk des Freiburger Historikers Ulrich Herbert: „Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980, erschienen 1986. Der Abgleich der Passagen zum „Ausländereinsatz im Dritten Reich – Massenschinderei unter dem Hakenkreuz“ enthalte reihenweise verblüffende Parallelen. Der gesamte Aufbau und das Gros der Ausführungen folge der Darstellung bei Herbert. Kaum ein Gedanke, eine Wertung oder eine Zahl finde sich darin, die nicht aus dem Standardwerk stamme.
Weitere Quellen habe der Grüne offensichtlich nicht herangezogen. Immerhin habe er Sätze umgestellt und Begriffe durch Synonyme ersetzt. Es handele sich zumindest um „Ideenplagiate“, folgert der Anonymus.
Hat sich der Spitzen-Grüne bei fremdem geistigen Eigentum bedient? Diesem Eindruck tritt eine Sprecherin, auch in seinem Namen, entschieden entgegen. Das Buch von Ulrich Herbert habe Özdemir natürlich gekannt und auch wiederholt darauf verwiesen, korrekt in den Anmerkungen und im Literaturverzeichnis. Özdemir beschreibe historische Fakten, die auch der Historiker anführe – solche seien „nicht schützbar und gehören keiner Person“. Von einem „Ideenplagiat“ könne keine Rede sein, fremde gedankliche Leistungen eigne er sich nicht an. Das Fazit auch nach einer externen rechtlichen Prüfung: die Vorwürfe seien „nicht nachvollziehbar“, Özdemir habe „nicht gegen Sorgfaltspflichten oder gar urheberrechtliche Pflichten verstoßen“.
Professor vermutet „Intervention im Wahlkampf“
So sieht das auch der Freiburger Professor. Er habe Özdemirs Buch nicht gekannt und es sich erst jetzt besorgt, schrieb Herbert (74) auf die Anfrage unserer Zeitung hin. Aus seiner Sicht sei alles korrekt: Die Zusammenfassung seines deutlich längeren Textes auf etwa ein Zehntel, samt ausführlicher Quellenangabe, sei „legitim und angemessen“. Von einem Plagiat könne keine Rede sein. Zu der Thematik habe es im Jahr 2000 neben seinem Werk nur eine US-Dissertation von 1967 gegeben. Zudem handele es sich bei Özdemirs Buch nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, für die besondere Standards gälten. Die Anforderungen an ein Sachbuch würden „unzweifelhaft eingehalten“. Herberts Conclusio: nach seinem Eindruck handele es sich um eine „zielgeleitete Intervention im Kontext des derzeitigen Landtagswahlkampfs“.
Das gilt wohl auch für den Poesiealbum-Eintrag von Manuel Hagel. Der CDU-Mann bleibt dabei: eigentlich habe er immer Förster werden wollen. Aber weil in der Familie vor einem Studium eine richtige Ausbildung erwartet wurde, erläuterte er in unlängst im Interview mit der katholischen „Tagespost“, habe er eine Banklehre gemacht – und sei dann gleichsam hängen geblieben.