Wirbt um die besten Wissenschaftler: Ministerin Theresia Bauer (Grüne) Foto: dpa

Bessere Karrierechancen sollen Hochschulen für Spitzenforscher attraktiver machen

Stuttgart - Auf Alexander Kubanek ruhen große Hoffnungen: Die Forschung des 36-Jähigen könnte dazu beitragen, dass sogenannte Quantencomputer – besonders leistungsfähige Rechner – in nicht allzu ferner Zeit Wirklichkeit werden. Vor zwei Jahren hat die Universität Ulm den Physiker mit einer Stiftungsprofessur für Experimentelle Quantenoptik von der amerikanischen Eliteuniversität Harvard nach Deutschland zurückgeholt. Nach dem Studium in Würzburg und Vancouver und seiner Doktorarbeit hatte er ein Stipendium für die amerikanische Spitzen-Universität erhalten. Dreieinhalb Jahre nutzte er die großzügige Angebot in den USA.

Seit Jahrzehnten zieht es viele junge Wissenschaftler in die Ferne. Zum einen, weil sie ihren Horizont erweitern wollen. Aber auch, weil ihnen Hochschulen und Forschungseinrichtungen im Ausland teilweise bessere Forschungsmöglichkeiten bieten als die hiesigen. Weil Verträge nicht unbegrenzt verlängert werden können, ist auch bei hervorragenden Leistungen für viele vorzeitig Schluss an der Hochschule, wenn sie keine passende Professur finden.

USA und Schweiz locken

Nach Angaben des Bundesforschungsministeriums verließen zwischen 1996 und 2013 insgesamt 44 524 Wissenschaftler Deutschland. 2014 waren über 24 000 Deutsche an Hochschulen in den wichtigsten Gastländern tätig. Dazu zählen neben den USA die Schweiz (8555 Wissenschaftler, davon 872 Professoren), Großbritannien (5108/708) und Österreich (4009/597). An den bedeutendsten Einrichtungen in den USA forschen rund 5300 Wissenschaftler aus Deutschland, insgesamt arbeiten dort aber mehr, doch nicht alle sind in den offiziellen Statistiken erfasst. Weitere 16 000 Wissenschaftler absolvierten Forschungsaufenthalte und 3000 Lehraufenthalte im Ausland. Dazu kommen noch etwa 12 600, die an ausländischen Hochschulen ihre Doktorarbeit schreiben. Mehr als die Hälfte der Wissenschaftler kehrt zwar nach einiger Zeit wieder nach Deutschland zurück. Allerdings forschen sie nicht alle in den Bereichen, in denen Experten besonders gefragt sind – das sind vor allem die so genannten Mint-Fächer – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – sowie die Lebenswissenschaften wie beispielsweise Medizin, Pharmakologie oder Biochemie.

Schon seit Jahren versuchen Bund und Länder, die Rückkehr attraktiver zu machen. Nach amerikanischen Vorbild führten sie 2002 Juniorprofessuren ein, die jungen Wissenschaftlern mit herausragenden Doktorarbeiten ermöglichen sollten, ohne die übliche Habilitation direkt an der Hochschule zu forschen und zu lehren und sich damit für eine Lebenszeitprofessur zu qualifizieren. Das Projekt war allerdings weniger erfolgreich als erhofft. Denn auch für Forscher mit hervorragenden Leistungen gab es keine Stellengarantie. Nun setzen Bund und Länder auf ein Programm, das die Karrierewege für jungen Forscher „planbarer und transparenter“ machen soll: die so genannte Tenure-Track-Professur. Nachwuchsforscher erhalten zunächst eine auf sechs Jahre befristete Professur mit klaren Zielvorgaben. Erreichen sie diese, erhalten sie einen Lebenszeitprofessur.

Eine Milliarde für neue Professuren

Baden-Württemberg hat im vergangenen Jahr die ersten Schritte in dieser Richtung unternommen – und erhält auch vom Bund Unterstützung für die neue Linie. Von 2017 bis 2032 an wird das Bundesforschungsministerium insgesamt eine Milliarde Euro für 1000 dieser Professuren zur Verfügung stellen. Davon gehen voraussichtlich 125 an die Hochschulen in Baden-Württemberg.

„Für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler war es noch nie so attraktiv wie heute, aus den USA zurückzukehren“, sagt Ministerin Theresia Bauer, die kürzlich den Jahreskongress des German Academic International Network (GAIN) in Washington besuchte. Rund 500 Wissenschaftler, die derzeit in Nordamerika arbeiten, nutzten die Gelegenheit, sich mit Wissenschaftspolitikern und Vertretern von Forschungseinrichtungen über die Karrieremöglichkeiten in Deutschland auszutauschen. „Wir beobachten allmählich eine Trendwende“, sagte Bauer. Dazu habe die Internationalisierung an den Hochschulen beigetragen, die durch die Exzellenzinitiative und eine verlässliche Hochschulfinanzierung vorangebracht wurde.

Rektor sieht Chance für Universität Stuttgart

Einer gefragter Gesprächspartner in Washington war auch Wolfram Ressel, Rektor der Uni Stuttgart und Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz. Das Interesse, an einer deutschen Hochschule zu arbeiten, sei größer geworden, bestätigt er. Ein Grund seien die neuen Professuren. „Die Universität Stuttgart ist auf einem guten Weg zu einer weltweit anerkannten Forschungsuniversität.“

Die Chancen auf Erfolg stehen auch aus anderen Gründen nicht schlecht. In den vergangenen Jahren sind die Arbeitsbedingungen in den USA schwieriger geworden. Unbefristete Verträge gibt es nicht mehr so häufig.

Die Zusage auf eine verlässliche, gut ausgestattete Stelle erleichterte auch Kubanek den Abschied aus den USA. Die German Scholars Organisation und die Carl-Zeiss-Stiftung sagten ihm und seiner Arbeitsgruppe insgesamt 800 000 für vier Jahre zu, so dass er gleich durchstarten konnte und sich nicht erst mit Finanzfragen herumplagen musste. Und das Professorengehalt? Das sei in Deutschland zwar geringer als an den amerikanischen Top-Universitäten, sagt der Vater von zwei Kindern. Aber das relativiere sich schnell, wenn etwa Kinderbetreuung oder Privatschulgebühren in Rechnung gestellt würden. Gelernt haben die Hochschulen in Deutschland auch in einem anderen Bereich. Sie kümmern sich inzwischen darum, dass die Partnerin oder der Partner ebenfalls eine attraktive Stelle erhalten.

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