Spitzbunker in Stuttgart-Feuerbach Einblick in die Bunkerwelt

Von Tom Bloch 

Rolf Zielfleisch vom Verein Schutzbauten Stuttgart  führte die Leser durch den Spitzbunker. Foto: Tom Bloch
Rolf Zielfleisch vom Verein Schutzbauten Stuttgart führte die Leser durch den Spitzbunker. Foto: Tom Bloch

Er hat keine Ecken, heißt aber Winkelturm, nach seinem Konstrukteur Leo Winkel. Leser und Leserinnen der Nord-Rundschau haben einen exklusiven Einblick in den Spitzbunker aus dem 2. Weltkrieg erhalten.

Feuerbach - Am 23. August 1940 haben die Alliierten den ersten Luftangriff auf Stuttgart geflogen. Kurz nach Mitternacht bis etwa halb zwei Uhr Morgens. Geschätzte 20 Bomber warfen ihre todbringende Last über dem Gebiet Gaisburg/Untertürkheim ab. Die Sirenen heulten im Vorfeld. Egal, was man gerade geplant hatte, zu tun, jetzt galt es, so schnell wie möglich in einen Bunker zu flüchten. Wenn denn einer in der Nähe war. Ein sehr gut erhaltenes Beispiel, und aufgrund seiner baulichen Besonderheit seit 1996 unter Denkmalschutz stehend, ist der Spitzbunker am Wiener Platz in Feuerbach. 20 Leser der Nord-Rundschau wurden von Rolf Zielfleisch durch die unteren Stockwerke des Bunkers geführt. Der Vorsitzende des Vereins Schutzbauten Stuttgart gab einen Überblick über die Geschichte und Bauweise des Bunkers sowie über die sich dort befindende Ausstellung zum Luftschutz während des 2. Weltkriegs.

400 Menschen sucht im Spitzbunker Schutz

„Ruhe! Sofort Hinsetzen! Nicht rauchen“! – die originale Beschriftung ist noch erhalten. Dicke Betonwände, niedrige Deckenhöhe, schlechte Luft – bis zu 400 Menschen suchten in dem 21 Meter hohen Gebäude regelmäßig Schutz während der Angriffe, obwohl der Bunker nur für maximal 305 Personen ausgelegt war. „Es wurde mit Ziegen getestet, dass man mindestens 30 Zentimeter Abstand zur Außenwand halten musste, damit von der Druckwelle bei Treffern nicht die Trommelfelle zerreißen“, berichtet Zielfleisch eindrucksvoll. „Das war natürlich bei so einer Überfüllung überhaupt nicht mehr zu gewährleisten.“ Bei den aktuell herrschenden Temperaturen von mehr als 30 Grad hofften die Teilnehmer der Führung auf Abkühlung hinter den bis zu zwei Meter dicken Wänden. Doch das drückende Gefühl, durch einen Bunker zu laufen, wurde durch die stickige, feuchte Luft noch erhöht. „Ich habe extra eine Jacke mitgebracht, weil ich dachte, hier drinnen ist es kalt“, sagt Leser Peter Gramberg. Aber der 22-köpfigen Gruppe läuft der Schweiß, obwohl die originale simple Lufttechnik noch funktioniert. Nicht auszudenken, welche Bedingungen im Bunker herrschten, wenn nicht 22 Menschen darin wissbegierig spazieren gehen, sondern mehr als 400 Menschen in ihm Schutz suchten.

Neun überirdische Stockwerke und zwei unterirdische Etagen

Der Bunker, nach seinem Konstrukteur Leo Winkel auch Winkelturm genannt, verfügt über neun überirdische Stockwerke und zwei unterirdische Etagen mit einer Toilette pro Stockwerk. Die Spitze des Bunkers zierte seinerzeit schon ein Ziegeldach samt Wetterhahn. „Das geht auf den Architekten Paul Bonatz zurück, der das Erscheinungsbild des Bunkers in die Umgebung eingliedern wollte“, erzählt Zielfleisch. Das patentierte Prinzip von Leo Winkel war simpel, aber durchaus erfolgreich. Einfallende Bomben sollten am Spitzdach abgleiten, dadurch umgeleitet werden und – wenn überhaupt – dann am Boden detonieren. Tatsächlich gab es bei etwa 200 Winkeltürmen, die in ganz Deutschland zwischen 1938 bis etwa 1941 gebaut wurden, nur einen einzigen Treffer, der einen Turm zerstörte. Eine amerikanische Sprengbombe traf am 12. Oktober 1944 in Bremen einen Winkelturm und verursachte fünf Todesopfer. Weitere Türme dieser Art wurden allerdings nicht gebaut, denn diese benötigten beim Bau zu viel Beton.

Der letzte notierte Angriff über Stuttgart ereignete sich am 19. April 1945 um 22.12 Uhr. Ein einzelnes Flugzeug warf seine Bomben über das Gebiet Pragstraße ab.

Insgesamt war Stuttgart durch 53 Luftangriffe betroffen, die 4590 Tote, 8908 Verwundete und 39 125 zerstörte Gebäude zur Folge hatten. Am 30. April 1945 entzog sich Adolf Hitler der Verantwortung für Massenverbrechen, Völkermorde und die Zerstörung weiter Teile Europas durch Selbstmord. Erst acht Tage später endete der 2. Weltkrieg offiziell. Der Winkelturm am Feuerbacher Bahnhof, einer von einst vier in Stuttgart, steht noch heute und fungiert durch den Einsatz des Vereins Schutzbauten Stuttgart e.V. als Museum über die Geschichte des Luftschutzes.

Führungen Von März bis November, immer am letzten Sonntag eines Monats um 14.30 Uhr, werden durch engagierte Mitglieder des Vereins Schutzbauten Führungen durch das Bunkermuseum im Spitzbunker, durch den Tiefbunker oder auch mal durch den Pionierstollen in Mühlhausen angeboten.

Redaktion Feuerbach

Ansprechpartner
Torsten Ströbele und Georg Friedel
feuerbach@stz.zgs.de

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