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Die Spielwarenhersteller aus Baden-Württemberg gehen optimistisch ins neue Geschäftsjahr. Mit Nasenpfeifen, Riesenkränen und sprechenden Adventskalendern wollen die Firmen 2013 kräftig wachsen. Auf der Spielwarenmesse in Nürnberg stellen sie ihre Neuheiten vor.

Nürnberg - Aufmerksamkeit ist alles. Weil er lange, gebräunte Hostessenbeine in Absatzschuhen nicht vorweisen kann, hat sich Bernd Kaltenbach für grüne Bollen entschieden. Die trägt er auf seinem Hut. Weil er aus dem Schwarzwald kommt. Dort waren Bollenhüte einmal modern. In Schonach produziert Kaltenbach Nasenpfeifen.

Wie insgesamt 2747 weitere Aussteller aus 60 Ländern wirbt Kaltenbach auf der weltgrößten Fachmesse für Spielwaren in Nürnberg für sein Produkt. Die Messe beginnt am heutigen Mittwoch. Am Dienstag haben die Aussteller ihre Neuheiten präsentiert.

Kaltenbachs Pfeifen sehen aus wie Plastik-Flaschenöffner und können auch als solche eingesetzt werden. Vor allem jedoch kann man sie sich unter die Nase halten und Melodien produzieren – sofern man keinen Schnupfen hat. Zu den Großen unter den baden-württembergischen Spielwarenherstellern zählt Kaltenbach mit seiner Firma Pfaff Nasenpfeifen noch nicht: Er produziert am Tag 1000 Pfeifen und hat vergangenes Jahr 60.000 Euro Umsatz gemacht. Aber seine Ziele sind ambitioniert: 2013 möchte er die Produktion um 50 Prozent aufstocken.

Größter baden-württembergischer Spielzeughersteller ist Ravensburger. Deutschlandweit betrachtet liegen nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Eurotoys Simba Dickie und Playmobil (beide aus Bayern) noch vor Ravensburger.

„Die Kinder benutzen die Tierfiguren in Rollenspielen“

Die großen Umsatzbringer waren für Ravensburger im vergangenen Jahr 3D-Puzzles und der Vorlesestift Tiptoi. Der Erlös der Gruppe ist 2012 um 3,1 Prozent auf rund 330 Millionen Euro gestiegen. „Inzwischen besitzen 1,5 Millionen Haushalte einen Tiptoi“, sagt Ravensburger-Chef Karsten Schmidt. Der Stift macht zehn Prozent des Umsatzes aus. Rund um den Vorlesestift hat der Hersteller bereits viele Artikel im Programm. 2013 sollen weitere Produkte hinzukommen wie etwa ein Tiptoi-Adventskalender, der auf 24 Etappen bis Weihnachten eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Völlig neu im Ravensburger-Portfolio sind kleine Tierfiguren, die ebenfalls Audioinformationen bereithalten, die mit dem Tiptoi abgerufen werden können.

„Die Kinder benutzen die Tierfiguren in Rollenspielen. Ich kann mir nicht vorstellen, welchen Platz ein Tiptoi dabei einnehmen kann“, sagt dagegen Paul Kraut, Chef des Spielzeugfigurenherstellers Schleich aus Schwäbisch Gmünd. Schleich hat 2012 rund 100 Millionen Euro umgesetzt. 2013 will das Unternehmen mit Produkten zum neuen 3D-Kinofilm „Die Schlümpfe 2“, mit Rittern und mit Eiselfen kräftig wachsen. Als richtigen Konkurrenten betrachtet Kraut Ravensburger nicht: „Ravensburger startet mit 60 Tieren, wir haben 500 Produkte im Programm.“ Derzeit macht Kraut das Unternehmen hübsch für einen Eigentümerwechsel. Denn der Investor HG Capital, der rund 75 Prozent am Unternehmen hält, bereitet seinen Ausstieg vor. Da Ravensburger in den Figurenmarkt drängt, könnte man an die Firma als neuen strategischen Investor denken. Dies möchte Kraut nicht kommentieren. Ihm sei wichtig, dass der neue Eigentümer zum Unternehmen passt und am Management und am Standort festhält.

Das hat auch Michael Sieber bei Märklin vor. Der Chef des Spielwarenherstellers Simba Dickie prüft derzeit die Übernahme des Modellbahnherstellers aus Göppingen. Dieser Prozess dürfte noch bis März dauern, sagt Sieber. Märklin ist mit seinen Marken Märklin, Trix und LGB im vergangenen Jahr beim Umsatz im unteren einstelligen Prozentbereich gewachsen. Kassenschlager war laut Märklin-Chef Stefan Löbich der batteriebetriebene ICE. Etwa 20.000 Stück davon hat Märklin 2012 verkauft. 2013 setzt der Modellbahnhersteller auf zusammensteckbare Züge für Kinder ab drei Jahren.

Märklin hat digitale Steuerungszentrale modernisiert

„Click and Mix“ heißt die Neuheit. Sie umfasst eine Lok und drei Züge. Jeder Wagen kann in acht bis neun Teile zerlegt werden. Außerdem hat Märklin seine digitale Steuerungszentrale modernisiert. Modellbahnliebhaber sind künftig gefordert, jede Lok gemäß ihren individuellen Anforderungen zu bedienen. Damit spricht Märklin vor allem in die Jahre gekommene Kinder an.

Das Gleiche gilt für Fischertechnik mit Sitz in Waldachtal. Auf Wunsch der jüngeren und älteren Kundschaft setzt das Unternehmen in diesem Jahr auf Größe. So präsentiert Geschäftsführer Marcus Keller einen 1,60 Meter hohen Kran und einen XXL-Schaufelradbagger. Die Geräte haben weit über 1000 Bauteile. Fürs Zusammenbauen sollte der geübte Hobby-Bastler acht bis zehn Stunden einplanen.

Das Stuttgarter Unternehmen Kosmos glaubt an Elektronik – und präsentiert ein Auto, das mit dem iPad durch virtuelle Häuserschluchten gesteuert werden kann.

Am Ende hat Bernd Kaltenbach mit seinen grünen Bommeln übrigens auf die richtige Aufmerksamkeits-Strategie gesetzt. Denn als die langbeinigen Hostessen ihre Runden drehen, reagieren einige Besucher irritiert: „Darf man da angesichts der Sexismus-Debatte überhaupt hinschauen“, flüstert einer – und blick zur Sicherheit lieber auf den grünen Bollenhut.

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