Lego für Mädchen Foto:  

In Nürnberg zeigen die Hersteller, wie sie den Kampf gegen Smartphones gewinnen wollen.

Nürnberg - Männer in dunklen Anzügen und feinen Krawatten sitzen an dem Tisch vor den Regalen voller Puppen in rosa Kleidchen. Die Puppen können sprechen und manchmal lassen sie Wasser. Die Männer machen Geschäfte und meistens ernste Gesichter. Zwar geht es der Branche noch gut, aber das wirtschaftliche Umfeld wird immer schwieriger.

Der Fachhandelsverbund Vedes gibt sich optimistisch. Noch lässt sich der demografische Wandel ausgleichen, weil pro Kind mehr ausgegeben wird, sagt Vedes-Vorstand Wolfgang Groß. „Früher hatten die Eltern viele Kinder, heuten haben die Kinder viele ­Eltern.“ Auch die Euro-Krise beunruhigt die meisten Aussteller nicht. Stattdessen wiederholen sie den immer gleichen Satz: „An den Kindern wird zuletzt gespart.“

Sorgen bereiten der Branche dagegen die Jugend­lichen, die sich immer mehr für Smartphones und Tablet-Computer interessieren und ­immer weniger für klassisches Spielzeug. Eine Studie des Instituts für Jugendforschung Iconkids & Youth ergibt, dass ­Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren zwar 472 Millionen Euro jährlich fürs Spielen ausgeben – insgesamt jedoch ganze 9,7 Milliarden Euro im Jahr in die Geschäfte tragen.

Jugendliche interessieren sich immer weniger fürs Spielen

Laut Deutschem Verband der Spielwaren-Industrie (DVSI) wird die Zeit, in der Kinder spielen, immer kürzer. Bereits bei Achtjährigen nimmt demnach das Interesse an klassischem Spielzeug ab. Mädchen verlieren nach der Studie von Iconkids & Youth früher das Interesse als Jungs. Die Branche bemüht sich, ihre Angebote stets an die Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen anzupassen. Und diese besteht zunehmend aus Smartphones, Tablet-PCs, Computer-Spielen und Fernsehen. Die im Vergleich zu elektronischen Spielwaren oft als pädagogisch wertvoll bezeichneten Eigenschaften des klassischen Spielzeugs sind auf der Spiel­warenmesse schwer zu erkennen: Der Übergang zwischen elektronisch und klassisch verschwimmt immer mehr.

Bis Montag werden insgesamt 80.000 Fachbesucher und 2800 Aussteller erwartet. Eine Million Produkte werden gezeigt.

Tablet-PCs und Smartphones

Beim Stand des Spielwarenherstellers ­Ravensburger drängeln sich die Besucher um eine blonde junge Dame, die sich mit einem iPad in den Händen um die eigene Achse dreht. Augmented Reality – also erweiterte Realität – nennt der Verlag die neue Idee. ­Dabei lassen sich zu den Motiven eines ­Puzzles weitere Details aus der Umgebung des Puzzle-Bildes mittels iPad anzeigen, sagt die blonde Spielevorführerin. Bei einem ­Paris-Puzzle etwa wähnt sich der Nutzer auf dem Eiffelturm, wenn er seinen Tablet-PC nutzt. Denn auf dem Gerät sieht er eine 360-Grad-Rundumsicht über die Dächer von Paris, wenn er es vor das Gesicht hält und sich um die eigene Achse dreht. Zudem gibt es In­formationen zu einzelnen Sehenswürdig­keiten der französischen Hauptstadt.

Auch der kanadische Hersteller Spin Master verbindet physisches Spielzeug mit der Technologie von Tablet-Computern. Bei dem Spiel „Appmates“ können Kinder kleine Spielzeugautos über ein iPad fahren lassen. Dort sind Straßen zu sehen und das Scheinwerferlicht der Autos. Zu hören sind die Fahr- und Motorengeräusche. Der amerikanische Spiele-Riese Hasbro verknüpft klassische Gesellschaftsspiele wie etwa „Monopoly“ mit Smartphone-Elementen. Wer beispielsweise im Gefängnis landet, hat in einem iPhone-Spiel die Gelegenheit zu flüchten.

Die Modelleisenbahn-Holding mit den Marken Fleischmann und Roco treibt den langjährigen Modellbahnfans Denkfalten auf die Stirn. Einige grauhaarige Herren in Bundfaltenhosen in Naturtönen und bunten Strickpullis lassen sich am Stand des Modelleisenbahnherstellers erklären, wie das neue Steuerungssystem via Tablet-PC funktioniert. Der Göppinger Modellbahnhersteller Märklin hat bereits 2011 ein digitales Steuerungssystem vorgestellt. Die österreichische Modelleisenbahn-Holding setzt dieses Jahr noch einen drauf, indem sie auf dem ­Bildschirm die Innenansicht verschiedener Lokführerhäuser anzeigen lässt. Ziel ist, dass Kameras in den Führerhäusern der Modellloks filmen, wie die Züge durch die Miniaturlandschaft fahren – den Film sieht der ­Modellbahnfahrer auf seinem Tablet-PC. So wollen die Hersteller bei den jungen ­Leuten landen. Märklin-Chef Stefan Löbich dagegen will dem Nachwuchsmangel entgegenwirken, indem er das Angebot der Einsteigersets My World für Kinder ausbaut.

Fernsehen und Kino

„In Spielen wird die Realität nachgebildet“, sagt Volker Schmid, Chef des Deutschen ­Verbands der Spielwaren-Industrie. Und da Helden aus dem Fernsehen oder aus Kino­filmen eine immer größere Rolle in der Realität vieler Kinder spielen, finden sich diese ­Figuren auch in immer mehr Spielen wieder. Die Experten sprechen dort von Lizenzprodukten.

Der zur Simba-Dickie-Gruppe gehörende Verlag Noris-Spiele bringt dieses Jahr ein Spiel aus dem Jetset-Leben der Luxus-Familie Geiss auf den Markt. Die Superreichen sind bekannt aus der RTL-2-Doku-Soap „Die Geissens – eine schrecklich glamouröse Familie“. Dies ist auch der Titel des Gesellschaftsspiels. „Es ist der Hammer“, sagt Carmen Geiss, die eigens mit ihrem Mann zu Werbezwecken angereist ist.

Ravensburger ahmt mit „Farmville“ zum ersten Mal ein Browserspiel nach. Es geht darum, einen Bauernhof aufzubauen und zu verwalten. Nur eben auf dem Brett statt im Internet wie beim gleichnamigen Original. Den Klassiker „Das verrückte Labyrinth“ bietet der Verlag in einer Hello-Kitty- und in einer Spiderman-Version an. Da Spiderman, Batman und die Helden aus „Star Wars“ dieses Jahr wieder im Kino zu sehen sind, wimmelt es auf der Messe vor Produkten rund um die Superhelden.

Mädchen und Lego

Die Blicke sind zweifelnd. Ein Händler nach dem anderen durchschreitet die neue rosafarbene Welt für Mädchen, die Lego aufgebaut hat. Viele sind skeptisch. Zu kleinteilig erscheint ihnen die Reihe für Mädchen ab fünf Jahren mit Namen Lego Friends. Damit bietet der schwedische Hersteller zum ersten Mal ein spezielles Mädchen-Produkt an. Sie sind eine wichtige Zielgruppe. Da sie schneller als Jungs das Interesse am Spiel verlieren, muss man sie bei Laune halten. Der Kritik einzelner Händler entgegnen die Lego-Mitarbeiter, dass sie viele Mädchen nach ihren Wünschen gefragt – und die Lego-Welt genau nach ihren Vorstellungen erschaffen hätten.

Der weltweite Umsatz des Spielwarenriesen soll 2012 um zwei bis vier Prozent steigen. In Deutschland sind rund sechs Prozent angepeilt. 2011 ist der Umsatz in Deutschland um 13,7 Prozent auf 297 Euro gestiegen. Die Branche insgesamt ist um sieben Prozent gewachsen. Der Marktanteil des Unternehmens lag 2011 erstmals bei 15 Prozent.

Öko und Energie

Es blinkt und leuchtet in den Messehallen in Nürnberg. Hin und wieder müssen sich die Besucher ducken, weil ferngesteuerte Hubschrauber oder riesige Fische im Tiefflug über ihre Köpfe schweben. Das Gegenprogramm gibt es im Bereich für Holzspielzeug – etwa am Stand der Margarete Ostheimer GmbH aus Zell. Statt auf immer grellere Farben zu setzen, macht der Holzspielzeughersteller das Gegenteil: Einzelne Figuren werden in diesem Jahr nur in die Form eines Tieres gebracht, es gibt keine Farbe, nicht mal Öl. Unbehandelt wirke das Holz antibakteriell, sagt eine Mitarbeiterin. Ihrer Meinung nach reicht es aus, Kleinkinder die starke Struktur des Eschenholzes fühlen zu lassen. Es gebe immer mehr bewusste Eltern, die sich dem Trend widersetzen und Holzspielzeug kaufen, sagt Volker Schmid vom DVSI. Diese Zielgruppe interessiere sich auch für Experimentierkästen zum Thema erneuerbare Energie. Der Stuttgarter Kosmos-Verlag bringt dieses Jahr den Experimentierkasten Öko-Power auf den Markt. Mit ihm können Kinder ab zehn Jahren den Weg von der Batterie zur Brennstoffzelle nachvollziehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: