Bitte hier blitzen: Bektas Hekim steht vor dem Spielstraßenschild am Eingang zur Dagersheimer Mühlgasse. Foto: Langner

Blitzer sind bei Autofahrern verhasst. Der Anwohner einer Dagersheimer Spielstraße sieht das Thema ganz anders. Er würde sich über mehr Kontrollen freuen.

Ein Auto fährt die Dagersheimer Albert-Schweizer-Straße hinunter. Dass Tempo-30-Schild hat der Fahrer wohl übersehen, ausgeblendet oder schlichtweg vergessen. Auf Höhe des Bezirksamts wird er von einem roten Lichtpunkt unsanft daran erinnert.

 

„Klar! Da blitzen sie, weil es sich da wohl für sie lohnt. Aber eigentlich sollten sie das doch an Gefahrenstellen machen“, findet Bektas Hekim. Der Dagersheimer wohnt an so einer Gefahrenstelle – genauer gesagt in der Mühlgasse, gleich um die Ecke vom Bezirksamt und dem dort aufgestellten Blitzer.

Umgangssprachlich wird das Schild als „Spielstraße“ bezeichnet – es zeigt einen verkehrsberuhigten Bereich an. Foto: dpa/Paul Zinken

Mühlgasse in Dagersheim: Unbeaufsichtigtes Spielen ist zu riskant

Das mit VfB-Aufklebern und Kratzern überzogene blaue Spielstraßenschild am Eingang zu der schmalen Straße ist eigentlich nicht zu übersehen: „Fahren nur in Schrittgeschwindigkeit“ und „Parken nur an markierten Stellen“ steht darauf. Dennoch parken und fahren einige hier ziemlich rücksichtslos. Bektas Hekim ärgert das.

„Früher haben meine Kinder hier gespielt und Straßenmalerei gemacht“, erzählt der 55-Jährige von Zeiten, in denen die Mühlgasse nicht nur dem Schild nach eine Spielstraße war. Mittlerweile hat er Enkelkinder. „Die kannst du hier aber nicht mehr alleine draußen lassen. Da muss immer jemand dabei sein“, sagt Hekim, der seit 35 Jahren im Sindelfinger Mercedes-Werk arbeitet.

Dagersheimer Mühlgasse: Parkende Autos verschärfen Situation

Seit den Tagen, als seine Kinder hier vergleichsweise gefahrlos spielen konnten, hat sich die parallel zur Schwippe verlaufende Mühlgasse deutlich verändert. Dank Nachverdichtung ragen dort jetzt Mehrfamilienhäuser nach oben; entsprechend viele Autos drängen sich um die begrenzte Parkfläche. Das verschärft die Situation zusätzlich – wie sich auch am Osterwochenende bei dem Hausbrand in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hekims Wohnsitz zeigte. Hier musste die Feuerwehr auf sehr beengtem Raum agieren.

Die am Straßenrand abgestellten Autos machen die Straße zudem unübersichtlich. „Aus jeder Ecke kann ein Auto rauskommen“, sagt Hekim. Wie aufs Stichwort prescht ein SUV durch die Gasse. Was, wenn jetzt plötzlich ein anderes Auto aus einer Einfahrt herausfahren oder ein Kind einem Ball hinterherrennen würde? Daran mag Betas Hekim lieber nicht denken. Zusammen mit weiteren Anwohnern würde er sich wünschen, dass die Stadt Böblingen in der Mühlengasse endlich Geschwindigkeitskontrollen macht. So einfach geht das aber nicht.

Mühlgasse in Dagersheim zu beengt für Blitzer?

Wie Böblingens Pressesprecher Gianluca Biela mitteilt, „sind Messungen in verkehrsberuhigten Bereichen grundsätzlich möglich und werden in Böblingen auch durchgeführt“. Voraussetzung dafür sei aber, dass die technischen und örtlichen Gegebenheiten geeignet sind. „Dies ist zum Beispiel in der Mühlgasse aufgrund der geringen Straßenbreite nicht der Fall, da dann die Durchfahrt für Rettungskräfte nicht mehr gegeben ist“, erklärt Biela, der selbst aktiver Feuerwehrmann ist. In solchen Fällen prüfe man den Einsatz einer elektronischen Geschwindigkeitsmesstafel. „Auch diese tragen zur Geschwindigkeitsreduzierung bei“, so Biela.

Die Dagersheimer Mühlgasse ist längst nicht die einzige Straße im Landkreis Böblingen, in der Anwohner sich eine konsequentere Umsetzung des Tempolimits wünschen würden. Die Sonnenbergstraße im Grafenauer Ortsteil Dätzingen oder auch die Maichinger Straße im Ortsteil Döffingen sind Beispiele dafür, wie manche Autofahrer ein 30er-Zonen-Schild eher als unverbindliche Empfehlung zu verstehen scheinen.

Einfluss der Gemeinden ist begrenzt

Allerdings sind die Einflussmöglichkeiten für die Ortsverwaltung auch hier recht begrenzt. „Bei Anfragen aus der Bevölkerung nach Kontrollen verweisen wir an das Landratsamt oder teilen diese – durchaus auch nachvollziehbaren Forderungen – direkt dem Landratsamt mit“, erklärt Grafenaus Bürgermeister Martin Thüringer (parteilos). Allerdings wäge man bei der zuständigen Straßenbehörde in Böblingen eben auch stets ab, ob Kontrollen in Nebenstraßen wie der Sonnenbergstraße überhaupt sinnvoll sind – zumal man die Blitzer dafür teilweise auf privaten Hofeinfahrten abstellen müsse.

Selbst gebastelte Blitzer-Attrappe mahnt zum Langsamfahren

Die Möglichkeit, innerorts einen Blitzer-Anhänger beim Landkreis anzufordern, habe man bisher noch nicht für notwendig erwachtet – zumal die Gemeinde dafür zahlen müsste und die Einnahmen ans Landratsamt gehen. Allerdings, sagt Thüringer, zeige die Unfallstatistik der Polizei auch, dass die Verkehrsverhältnisse in Grafenau „sich in einem guten Rahmen“ bewegen würden.

Wo dies nach Ansicht der Anwohner nicht der Fall ist, werden die Menschen mitunter auch mal kreativ: Im Sindelfinger Weg, kurz vor dem Döffinger Häckselplatz, mahnte zuletzt eine selbst gebastelte Blitzer-Attrappe aus Karton Autofahrer zum Langsamfahren.