Marlene Meyer-Dunker, Jonas Fürstenau, Lukas Rüppel und Bijan Zamani (v. li.). Foto: dpa

Staatsschauspiel: Heckmanns Stück „Wir sind viele und reiten ohne Pferd“ uraufgeführt.

Stuttgart - Die Occupy-Bewegung ist am Stuttgarter Staatsschauspiel angekommen: Am Samstag in der Premiere von Volker Löschs „Gerechten“-Bearbeitung und jetzt am Sonntag in der Uraufführung von Martin Heckmanns’ Stück „Wir sind viele und reiten ohne Pferd“ in der Spielstätte Nord.

Das soll mal einer kapieren: „Du kannst bei der Deutschen Bank Papiere kaufen, die auf den Niedergang der Deutsche-Bank-Aktie wetten“, erklärt da einer oder dies: „Wie kann entfaltete Individualität mit den Notwendigkeiten eines kollektiven Kampfes verknüpft werden?“

Sätze wie diese fallen massenweise in dem neuen Stück „Wir sind viele und reiten ohne Pferd“ von Martin Heckmanns, das am Sonntagabend in der Spielstätte Nord des Stuttgarter Staatsschauspiels uraufgeführt wurde. Es geht um die undurchschaubar gewordenen Strukturen der heutigen Finanzwelt, um Spekulationen und Leerverkäufe und darum, wie sich der Einzelne dazu verhalten kann, wie er seinen Protest dagegen formulieren kann.

Kreativ wie die Occupy-Aktivisten gingen auch die Schauspieler und Regisseur Marc Lunghuß ans Werk

Regelrechte Wortkaskaden prasseln dazu auf die Zuschauer nieder, gewissermaßen ein Sinnbild dafür, was geschieht, wenn sich jemand detailliert mit diesen Konstruktionen beschäftigen will. Und darum geht es auch bei Heckmanns wie tags zuvor bei der Premiere von Volker Löschs Bearbeitung von Camus’ „Die Gerechten“ im Schauspielhaus: um die Occupy-Bewegung, also um jene, welche die verschiedensten Protestformen entwickelt gegen den global agierenden Kapitalmarkt.

Und so kreativ wie die Occupy-Aktivisten gingen auch die vier Schauspieler und ihr Regisseur Marc Lunghuß ans Werk. Da erinnern sie etwa an den Kraken Paul, der in den Jahren 2008 und 2010 im Voraus die Ergebnisse internationaler Fußballspiele verlässlich tippte. Und ein Beispiel, wie Leerverkäufe funktionieren, wurde zu einem richtigen Rollenspiel ausgearbeitet. Überhaupt gibt es da viel flotte Musik, die Akteure sind immer bestens gelaunt, gerne machen sie ausdauernd viele Gymnastikübungen.

Die Stimmung ist wie vor ungefähr 30 Jahren, welche die Band Geier Sturzflug mit ihrem Hit vom Steigern des Bruttosozialprodukts auf den Punkt brachte: Dem Einzelnen gehen zunehmend die Perspektiven verloren, aus der großen Wirtschaftswelt dagegen kommt eine Erfolgsmeldung nach der anderen. Lukas Rüppel etwa gibt sich als Robert Geissen aus, der in einer RTL-Serie das unbeschwerte Dasein eines Millionärs vorlebt. Jonas Fürstenau macht immer wieder Anläufe, als Moderator mit Dauerlächeln etwas erklären zu wollen, was doch keiner versteht. Bijan Zamani strampelt sich sehr aufopferungsvoll ab in seinem Ganzkörperanzug. Und Marlene Meyer-Dunker ist das Epizentrum der guten Laune.

Ein Wasserwerfer in Kettcar-Größe besprüht die vier ausgiebig mit Wasser

Das Stuttgarter Schauspiel scheint nicht nur mit dieser Produktion einen Weg gefunden zu haben, in das politische Tagesgeschäft einzusteigen, ohne Schlagzeilen hinterherzuhecheln und ohne mit Pro- oder Contra-Aussagen zu Stuttgart 21 das hiesige Publikum zu polarisieren. Lösungen sucht man allerdings auch hier vergeblich, dafür wird man sensiblisiert für die verschiedenen Standpunkt. Und dann kommt am Ende doch noch ein Verweis auf Stuttgart 21: Ein Wasserwerfer in Kettcar-Größe besprüht die vier ausgiebig mit Wasser, die sich dagegen gewappnet haben.

In seiner Spielfreude hat sich das Ensemble viele Freiheiten genommen. Auf Satzungetüme wie „Delirantes Sprechen strebt eine temporäre Enteignung des kulturellen Kapitals und eine Störung der scheinbar natürlichen Sozialrelationen an“, die auch aus der Feder von René Pollesch stammen könnten, wollten sie nicht verzichten, auf einen solchen Vergleich wollten sie aber auch nicht reduziert werden. Dafür hat auch der Autor gesorgt, indem er etwa eine Schauspielerin zu Worte kommen lässt, die durch eine Pudding-Reklame bekannt geworden ist, deshalb jetzt aber keine ernsthaften Rollen mehr bekommt. Oder den Start-up-Millionär, der in seiner Garage ein ultimatives Programm entwickeln will, bis jetzt aber nur die Garage hat, die ihm eh nur zur Hälfte gehört. Solche Passagen haben sie eben noch zusätzlich ausgebaut.

Die nächsten Aufführungen sind am 26.5. sowie am 2., 8. und 14. 6. Karten gibt es unter 07 11 / 20 20 9.

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