Millionenfach verkauft ist „Catan“ eines der erfolgreichsten Brettspiele der Welt. Über Pläne, warum es selbst Tech-Größen im Silicon Valley spielen, und was er von seinem Vater gelernt hat, spricht Spieleentwickler und Familienunternehmer Benjamin Teuber im Interview.
Das klassische Brettspiel wird es auch noch in 20 Jahren geben, davon ist Spieleentwickler Benjamin Teuber überzeugt.
Herr Teuber, „Catan“ wurde von Ihrem Vater Klaus Teuber entwickelt und ist erstmals vor 30 Jahren im Stuttgarter Kosmos-Verlag erschienen und weltweit ein Klassiker. Was macht Ihrer Meinung nach den Erfolg aus?
Das Spiel geht auf die archaischen Urtriebe zurück, man baut und erschafft etwas, bekommt Rohstoffe, pflanzt, sammelt und handelt. Das ist auch nach 30 Jahren noch aktuell. Zahlreiche Elemente des Spiels waren damals revolutionär, der variable Spielaufbau, die Interaktion, die Erweiterbarkeit. Viele Leute dachten übrigens, ein Spiel mit Sechseck-Feldern kann ja nichts werden.
Das Gegenteil war der Fall.
Ja, bislang wurden 45 Millionen „Catan“-Spiele inklusive Erweiterungen in über 100 Ländern verkauft und in über 45 Sprachen übersetzt.
Stimmt es, dass manche Firmen „Catan“ bei Einstellungstests nutzen?
Das haben wir uns sagen lassen, nicht nur von irgendjemandem, sondern von Reid Hoffman, dem Mitgründer von Linkedin. Der war so begeistert von dem Spiel, dass er seine eigene Version entwickelt und stolz seinen Freunden im Silicon Valley gezeigt hat. Ende der Nullerjahre war das in etwa der Startpunkt für „Catan“ in den USA. German Games, wie man dort Brettspiele nennt, waren damals in den USA noch nicht besonders weit verbreitet.
Dass Tech-Promis wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder Microsoft-Mitgründer Bill Gates gerne „Catan“ spielen, war sogar dem „Wall Street Journal“ einen Bericht wert.
Ja. Bill Gates hat sogar zu „Catan- Energien“, das im Herbst 2024 erschienen ist und in den USA „Catan – New Energies“ heißt, auf Linkedin einen Post gesetzt. Das ist Wahnsinn. Ich wurde von Freunden angeschrieben, wie habt ihr denn Bill Gates als Social Media Influencer gewonnen? Die Frage ist ja schon absurd, den könnte man ja gar nicht bezahlen, zudem würde er das auch nie machen. Bill Gates hat einfach schon immer gerne „Catan“ gespielt und das neue Spiel war ihm einen Post wert. Das ist ein gigantisches Marketing und ein superschönes Gefühl, wenn Menschen wie Hoffman oder Gates, die auch anderweitig tolle Sachen machen, „Catan“ als Spiel mögen.
Bei „Catan – Energien“ geht es darum, eine Insel mit fossilen und grünen Energien zu versorgen. Wie wichtig ist es, nach Siedlern, Rittern, Seefahrern oder etwa Inkas auf so ein aktuelles Thema zu setzen?
Das ist für uns ein interessanter Kontext. Beim Thema Energie gibt es viele Diskussionen, das ist historisch noch nicht abgeklärt wie etwa der Aufstieg der Inkas, eines meiner Lieblingsspiele übrigens. Wir erzählen Geschichten und bringen die aufs Spielbrett. Die Grundmechanismen von „Catan“, das Ernten, Handeln und Bauen, sind immer Teil von einem Catan Spiel, das gilt auch für „Catan Energien.“ Der grundlegend neue Aspekt hier: Wer Elektrizität hat, wächst schneller.
Sie haben schon als Kind Spieleideen beigesteuert. War klar, dass Sie einmal in die Fußstapfen Ihres Vaters treten würden?
Ich mag diese Metapher nicht. Meinem Vater, mir und meinem Bruder war immer wichtig, eigene Fußabdrücke zu hinterlassen. „Ihr macht, was ihr wollt“, hat mein Vater zu uns gesagt, und das haben wir auch. Mein Bruder ist der Liebe wegen in die USA ausgewandert und hat dort dann zu „Catan“ gefunden. Ich habe Psychologie und Management studiert und mir auch andere Stationen angeschaut. Vor 15 Jahren war mir dann klar, dass es eine Wahnsinnschance ist, eine Marke wie „Catan“ weiter ausbauen zu dürfen – ein Brettspiel, das weltweit so bekannt ist und so wunderbare Werte vermittelt
Ihr Vater ist 2023 gestorben, Sie und Ihr Bruder führen das Familienunternehmen. Was machen Sie anders?
Mein Bruder und ich sind schon seit Jahren in der Geschäftsführung der Catan GmbH, aber ohne die Arbeit von meinem Vater wären wir nicht hier. Seine Meinung war uns immer wichtig. Jetzt ist da eine Lücke, die kann man gar nicht beschreiben – geschäftlich und privat. Er ist kurz vor seinem Tod noch Opa meiner kleinen Tochter geworden. Familie und Geschäft sind bei uns eins, weil es die Leidenschaft von uns allen ist. Wir werden keine großen Experimente machen, denn eine Marke braucht eine gewisse Integrität, man muss ihr treu bleiben. Wir haben viele Einsendungen bekommen, wäre es nicht toll, die Siedlungen mit Soldaten und Panzern anzugreifen? Das passt einfach nicht zu „Catan“.
Was ist das Wichtigste, was Sie von Ihrem Vater gelernt haben?
Dass man als Spieleentwickler Geduld braucht, weil Ideen immer wieder verworfen werden und man zig-mal neu anfangen muss. Egal wie verworren etwas ist, man muss dranbleiben – also wenn man bei der 15. Version eines Spiels nicht zum Kern kommt, dann aber bei Version 50 zurückblickt und sagen kann, man hat es geschafft. Ich glaube das lässt sich auch auf die Geschäftsführung übertragen.
Am 28. Januar startet die Spielwarenmesse in Nürnberg, Sie sind vor Ort, was ist zu erwarten?
Mein Bruder und ich werden dort sein. Der Fokus liegt auf 30 Jahre „Catan“. Zum Jubiläumsjahr gibt es eine Neuauflage mit neuem Design, neuen Grafiken, neuer Farbgebung. Die neue Edition wirkt moderner. Dahinter stecken mehr als zwei Jahre Arbeit. Vom 4. bis 6. April steht dann auch schon die „Catan“-Weltmeisterschaft in Stuttgart an.
Wie muss man sich eine „Catan“-WM vorstellen?
Da kommen die nationalen Champions aus 60 Nationen, von den USA bis Japan. Es gibt Vorrundenspiele, Viertel-, Halbfinale und dann das Finale - und das in der Heimatstadt von Kosmos und somit auch von „Catan“. Ich bin auch dort, darf aber nicht mitspielen. Die würden mich eh über den Tisch ziehen.
„Catan“ gibt es für Nintendo, Playstation, als App – widerspricht sich das nicht, wenn man ein Brettspiel online spielen kann?
Könnte man denken, ist aber nicht so. Es ist eine Option und ersetzt nicht das analoge Brettspiel. Es gibt doch nichts Schöneres als die Interaktion mit Freunden. Wenn die Leute aber niemanden finden und trotzdem Lust zum Spielen haben, können sie gegen den Computer oder mit Spielern auf der ganzen Welt online spielen.
Gibt es das klassische Brettspiel noch in 20 Jahren?
Auf jeden Fall. Es ist ein fester Bestandteil der Kultur. Es ist ja auch nicht so, dass keiner mehr liest, seit es Videos gibt.
Was macht für Sie ein gutes Spiel aus?
Wenn das Handy für die Dauer des gesamten Spiels in der Tasche bleibt, weil es einen so in Bann zieht und spannend ist. Das ist auch der Maßstab für mich, wenn ein Prototyp fertig ist.
Wie viel lässt sich mit dem Erfinden von Spielen verdienen?
Für die meisten Spieleerfinder ist es ein Hobby neben dem normalen Beruf. So war das auch bei meinem Vater. Wenn man davon leben will, muss man fünf bis sechs Spiele pro Jahr erfinden, veröffentlichen und eine Mindestverkaufszahl absetzen. Wenn man Glück hat, ist ein „Spiel des Jahres“ dabei. Dass man so ein Glück hat wie bei „Catan“, ein Spiel das auch nach 30 Jahren noch erfolgreich ist und ständig weiterentwickelt werden kann, ist sehr unwahrscheinlich, aber davon zehren wir.
Wer hinter Catan steckt
Benjamin Teuber
Aufgewachsen als Sohn des Spieleentwicklers Klaus Teuber, hat er Brettspiele gespielt, seit er Karten in der Hand halten konnte. Der 40-Jährige lebt in Frankfurt. Nach seinem Psychologie- und BWL-Studium arbeitete er zunächst für verschiedene Firmen, bevor es ihn 2010 in die Spielebranche zog. Er ist einer der Geschäftsführer der Catan GmbH und verwaltet zusammen mit seinem Bruder Guido die Lizenzen des Familienunternehmens. Sein Herzblut ist auch die Spieleentwicklung, schon im Alter von fünf Jahren brachte er das erste Mal einen Prototyp auf den heimischen Spieletisch.
Catan
Spieleerfinder Klaus Teuber, der 2023 verstorben ist, entwickelte 1995 mit „Die Siedler von Catan“ eines der erfolgreichsten Brettspiele der Welt. 2002 hat er zusammen mit seiner Frau Claudia und seinen Söhnen Guido und Benjamin das Familienunternehmen Catan GmbH (Roßdorf bei Darmstadt) gegründet – zur Entwicklung, Vermarktung und Lizenzierung der von ihm entwickelten Spiele. Seine Söhne führen die Firma und die Entwicklung der „Catan“-Welt weiter – unterstützt von etlichen Mitarbeitern.