Der Direktor Felix Stadtfeld mit Eltern beim Computerspiel: Der Abiturient Lars Merkel gibt ihm Tipps. Foto: factum/Granville

Sie fahren mit Autos gegen die Bande einer Rennstrecke und schicken Soldaten in den Kampf: Eltern haben im Gymnasium in der Glemsaue Computerspiele kennengelernt – und überraschende Einblicke gewonnen.

Ditzingen - Es ist ein Milliardenmarkt mit einem Medium, in dem sehr viele Jugendliche und auch Erwachsene unterwegs sind. Computerspiele sind überall verfügbar und haben Suchtpotenzial, wie „Battlefield“, „Candy Crush“, „Clash of Clans“oder auch „Doom“. Für viele Mütter und Väter sind nicht nur diese Namen böhmische Dörfer, sondern auch die damit verbundenen Gefahren. Anders ist es bei ihren Kindern: Zehn Prozent aller Zwölf- bis Neunzehnjährigen spielen nie, 41 Prozent der Mädchen und 83 Prozent der Jungen aber täglich – früher zuhause, mittlerweile meist unterwegs auf dem Smartphone.

All diese Fakten berichteten Tim Clemenz und Tobias Gäckle-Brauchler im Auftrag der Bundeszentrale für Politische Bildung im Ditzinger Gymnasium. Zwölf Eltern waren gekommen, um beim Abend „Eltern-Lan“ einen Eindruck von der Spielewelt zu bekommen, unter ihnen der Schulleiter Felix Stadtfeld und sein Vize Roland Spieß – auch sie haben Kinder. „Erst gestern Abend um 22 Uhr habe ich zuhause ein Handy beschlagnahmt“, berichtete der Direktor. Die Idee für die Veranstaltung hatte ein Schüler: Er habe von Kumpels mitbekommen, so der 17 Jahre alte Lars Merkel, dass deren Eltern die Computerspiele und die Beschäftigung damit nicht verstünden. Und da fragte er, ob die Schule das Angebot der Bundeszentrale – eine Veranstaltung zu diesem Thema – annehmen könne.

Übermüdung ist ein Zeichen

Was Felix Stadtfeld gerne tat. Ein kleines, aber feines Angebot seien diese fünf Stunden. Die Gefahr, die von Spielen ausgehe, sei durch die Verbreitung der Smartphones wesentlich größer geworden. Seither sei es für die Eltern noch schwieriger, ihre Kinder zu kontrollieren, wann sie welche Spiele nutzen. „Es gibt Schüler, die es im Griff haben, und welche, die es nicht im Griff haben.“ Das Thema sei topaktuell, man müsse als Vater oder Mutter achtgeben. Übermüdung oder schlechte Leistungen seien ein Zeichen, dass die Kinder zu viel Zeit damit zubringen.

Es gebe mehr Spiele als Filme, jeden Tag kämen 20 neue hinzu, berichtete der Medienpädagoge Tim Clemenz. Die Faszination sei groß, aber auch die Gefahr der exzessiven Nutzung von Gewaltdarstellungen. Der Jugendschutz sei gut im Bereich der Computerspiele – aber Eltern dürften sich darüber hinwegsetzen. Als Beispiel berichtete er über den Klassiker „Doom“: Das Spiel sei vor 25 Jahren erschienen und damals wegen der Gewaltverherrlichung als jugendgefährdend indiziert worden. Die Fassung von 2011 wurde dann ab 16 Jahren freigegeben, die von 2016 von 18 Jahren an. „Daran kann man sehen, wie die Gesellschaft zum Thema Gewalt steht.“

Rasen gemäht fürs Computerspiel

In der dritten oder vierten Klasse habe er mit Spielen angefangen, erzählte Lars Merkel, der in diesen Tagen sein Abitur macht, für den Rechner und Spiele einige Tausend Euro ausgegeben, dafür Rasen gemäht und Prospekte ausgetragen. Süchtig sei er nicht: „Ich bekomme keine Entzugserscheinungen, wenn die Kiste aus bleibt.“ Er habe noch andere Hobbys, wie Ultimate-Fresbee. Es sei ratsam, neben dem Computerspielen ein zweites Interesse mit ähnlicher Leidenschaft zu pflegen – bei ihm der Sport. „Wenn ich merke, dass ich wegen des Spielens wichtige Dinge vernachlässige, sollte ich das offene Gespräch suchen.“ Er habe Spaß an Ethik, Sport oder Latein, auch Deutsch, Mathe oder Physik „helfen mir, die Welt zu verstehen“. Selbstkritisch sieht der 17-Jährige, dass nur zwölf Eltern zu „Eltern-Lan“ gekommen sind.

Sie habe Angst, dass die Gesellschaft wegen der Computerspiele verrohe, meinte eine Mutter. Echter Stress sei das Autorennen gewesen, sagte eine andere. Der Vater Franz Reder war voller Lob für die Referenten; zwei Mütter verließen das Zimmer beim Kriegsspiel „Call of Duty“. Dann diskutierte man noch intensiv über die Gewalt in Spielen und die Aufgabe der Eltern.

Stadtfelds Fazit nach Referaten, den Kriterien für Sucht, dem Autorennen und „Call of Duty“, dem Spiel für Erwachsene: „Es war eine wunderbare Veranstaltung mit tiefen Einblicken in die Jugendkultur.“ Sein Rat: „Eltern und Kinder müssen vertrauensvolle Regeln finden für den sinnvollen Umgang mit Spielen. Nur so geht’s.“

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