Bei Gabriele Lutz und ihrer Tochter Anja haben die Füße den Vortritt. Nun feiern sie das 50-jährige Bestehen ihres Fachgeschäfts für Ballett- und Tanzausstattung ausgerechnet an einem Schnapszahl-Datum.
Stuttgart - Zum Flanieren verleitet die Charlottenstraße nicht gerade. Man durchmisst sie zügig, doch dann bleibt der Blick an einem Schaufenster mit zauberhaften Ballerinen-Kostümen hängen. Und dahinter, im Geschäft, tut sich die ganze Welt des Tanzes auf. Mit allem, was zu Ballett, Stepptanz, Jazzdance, Tango, Salsa, Walzer bis hin zu Breakdance und Hip-Hop gehört. Jetzt wird hier ein Pas-de-deux auf die Spitze getrieben: Am 22. 2. 2022 können Gabriele Lutz und ihre Tochter Anja das Schnapszahl-Jubiläum des 50-jährige Bestehen ihres Fachgeschäfts für Ballett- und Tanzausstattung feiern.
Jede Form des Tanzes hat seinen eigenen Dresscode
„Tanz ist die verborgene Sprache der Seele“, zitieren Gabriele und Anja Lutz die berühmte Tänzerin und Choreografin Martha Graham. Der Körper, der diese Seelensprache ausdrückt, braucht das richtige Outfit. Denn jede Form des Tanzes hat ihren eigenen Dresscode. Ahnen die Ballett-Besucherinnen, wie schwer die Auswahl des richtigen Spitzenschuhs ist? Klar, kein Fuß ist wie der andere. „Wir haben mehr als hundert verschiedene Exemplare von einem Dutzend Hersteller aus Russland, Australien, den USA, England und Italien“, klären die Damen auf. Es komme beim passgenauen Schuh auf Sohlenhärte, Sohlenstärke, die Länge des vorderen Blattes, Weite und Fersenhöhe an, um Schmerzen oder Druckstellen zu vermeiden. Wirklich völlig schmerzfrei auf Spitze? Gabriele Lutz lächelt vielsagend: „So wenig wie möglich.“ Für die Anprobe und Entscheidung mit Beratung ist ein Separee eingerichtet, in dem sich in deckenhohen Regalen Paar an Paar dieses besonderen Schuhwerks reiht. Aus Leder und glänzendem Satin mit der harten Kappe über den Zehen, in und auf denen die Tänzerinnen über sich hinauswachsen, streckend, drehend, springend und schwebend, als seien sie schwerelos. Passen sie? Eine originale Ballettstange vor großem Spiegel schafft Trainingssaal-Atmosphäre.
Ein bisschen Glitzer am Trikot darf sein
Hier werden die kleinen Mädchen, die oft schon mit vier Jahren in den Ballettunterricht gehen – Buben sind in der absoluten Minderheit – ausgestattet, hier kaufen auch die Tänzer des Staatstheaters und der John-Cranko-Schule ein: Spitzenschuhe, Schläppchen, Strumpfhosen, Trikots, Röckchen und Wickeljäckchen. „Die Tänzer haben sich drum gerissen, für die Fotos in unseren Katalogen zu posieren“, versichert Gabriele Lutz. „Und die kleinen Mädchen“, beobachtet Anja Lutz, die als Kind selbst natürlich im Ballett war und mittlerweile weitgehend die Geschäftsführung übernommen hat, „wissen ganz genau, was sie wollen.“ Ein bisschen Glitzer am Trikot darf schon sein. Keinen besseren Ort als Stuttgart hätte die damals 27-Jährige Gabriele Lutz für ihr Unternehmen wählen können. Denn Stuttgart und das Ballett: Das sind zwei Begriffe, die von Ballettbegeisterten in aller Welt in einem Atemzug genannt werden. Als Inbegriff von Tanzkunst in Vollendung. Fotos von den Ballettlegenden John Cranko, Marcia Haydée, Birgit Keil, Vladimir Klos und Egon Madsen mit Widmungen an den Wänden erzählen von persönlichen Begegnungen. Mit Cranko verbindet Gabriele Lutz eine besondere Erinnerung: „Ich habe ihn 1972 bei der Sommerakademie in Köln erlebt. Ein Jahr später, wieder auf dieser Sommerakademie, brachen plötzlich alle in Tränen aus. Gerade war die Nachricht gekommen, dass Cranko auf dem Heimflug von den USA im Flugzeug gestorben war.“
Ein Trikot aus Frankreich machte den Anfang
Waren Renommee und Magie des Stuttgarter Balletts der Grund, dass Gabriele Lutz in diese Branche eingestiegen ist? „Nein“, sagt sie, „es war eher Zufall, aber die Entscheidung für dieses Sujet der Schönheit und Anmut hat mich immer glücklich gemacht.“ Getanzt hat sie selbst auch, „Formation, Latein und Standard“. Als sie 1972 einen französischen Hersteller von Tanztrikots in besonderer Farbvielfalt und Qualität kennenlernte, der geschäftliche Kontakte nach Deutschland suchte, stieg sie ein. Zuerst mit Versandhandel und mit einem Einsatz für die Kundenwerbung, den man sich heute kaum mehr vorstellen kann: „Wir saßen monatelang im Postamt, um aus Telefon- und Adressbüchern Tanzschulen und Theater herauszusuchen.“ Es gab ja noch kein Internet. „Und dann bin ich durch Deutschland gereist.“ Anja, damals fünf, war oft dabei.
Fünf Jahre später eröffnete Gabriele Lutz die erste Boutique in der Paulinenstraße und ist nach zwei weiteren Standorten in der Marienstraße seit 1999 auch mit dem Geschäft an der Ecke Olga-/Charlottenstraße die wohl erste Adresse für alle Tanzbegeisterten: Mit einem Rundumsortiment von Kopf bis Fuß und Accessoires bis zur Schminke. Ob Ballett, Tango, Salsa oder Gesellschaftstanz: Immer haben die Füße den Vortritt. Der Schuhsalon für all die speziell ausgerüsteten Kreationen erfüllt bei den Tanzschuhen auch Extrawünsche: Nach Modell, Farbe, Absatzhöhe und Sohle entweder für Parkett oder Straße.
Persönliche Beratung A und O
Eingekauft hat sie in der ganzen Welt: „Ich habe die Reisen in die USA, vor allem nach New York, nach Frankreich, Italien und England genossen und immer auf Exklusivverträgen bestanden. Daher hatten wir ein Alleinstellungsmerkmal und eine bundesweite und sogar internationale Klientel.“
Das war vor Corona. Und das Internet, das einst hilfreich gewesen wäre, hat sich als harte Konkurrenz erwiesen: „Dabei ist die persönliche Beratung das A und O.“
Der 22. Februar 1972 war ein Dienstag, genau wie jetzt. Nie hätte sich Gabriele Lutz träumen lassen, dass sie 50 Jahre später ein Schnapszahl-Jubiläum feiern würde. „Das macht es noch schöner“, lacht sie.