Er zeigt die Folterinstrumente: Rainer Schmelzle in seinem Museum. Foto: factum/Granville

Zahnarzt-Erinnerungen, die Spaß machen? Rainer Schmelzle macht es in seinem Privatmuseum in Bietigheim-Bissingen möglich. Dort hat er die Praxis seines Vaters für die Nachwelt erhalten – und erzählt von Lachgas, Abszessen, Tretbohrmaschinen und mehr.

Bietigheim-Bissingen - Tretbohrmaschine, Äther-Tropfnarkose-Maske, Lachgasapparat: Schon wenn man die lautmalerischen Namen hört, schrillen sämtliche Alarmglocken. Bekommt man die Geräte hautnah zu sehen, lösen sie akute Fluchtreflexe aus, erst recht, wenn Rainer Schmelzle seinem Gegenüber das Folterbesteck mit maliziösem Lächeln direkt vor der Nase ausbreitet und dazu trocken kommentiert: „Jeder Zahn hat seine Zange. Unterkieferzange, Oberkieferzange, Wurzelzange. Und hier haben wir dann die Hebel.“

Praxis unter Denkmalschutz

Der in Hamburg und Hannover praktizierende Facharzt für Plastische Chirurgie und Mund-,Kiefer- und Gesichtschirurgie reitet in Bietigheim-Bissingen sein privates Steckenpferd – ein Steckenpferd mit Mehrwert. Der 76-Jährige erhält die alte Zahnarztpraxis seines Vaters Richard Schmelzle, im Jahr 1954 in der Bahnhofstraße 113 eröffnet, für die Nachwelt. Sie steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Zweimal im Jahr öffnen er und seine Frau Susi die Pforten des von der Architektur-Koryphäe Roland Kiemlen konzipierten Wohn- und Praxisgebäudes. Auf Anfrage versucht Schmelzle auch außer der Reihe Führungstermine zu ermöglichen.

Beißender Geruch

Die Besucher, die sich mit wohligem Schaudern durch die einstigen Behandlungszimmer führen lassen, danken es ihm. Das zeigen Elogen im Gästebuch, aber auch die unmittelbaren Reaktionen beim Rundgang. „Stimmt, so hat’s früher immer gerochen“, entfährt es zum Beispiel Renate Scherr, als Rainer Schmelzle ein Fläschen Chlorphenol-Kampfer-Menthol öffnet und der beißende Geruch sofort Erinnerungen der unangenehmsten Art weckt. Renate Scherr, die mit einer Rentner-Gruppe im Museum ist, war in den 60er-Jahren Patientin in der Praxis und ist erstmals wieder hier. „Damals habe ich das nicht als so interessant wahrgenommen“, erzählt die vitale Frau. „Da hatte ich vor allem Angst!“ Die Erinnerungen an Schweißausbrüche, Herzrasen und Panikzustände beim Gedanken an den Zahnarzt machen den Kitzel der Museumsvisite aus: Man sieht das Ganze aus sicherem Abstand, erinnert sich dunkel an längst Verdrängtes und ist heilfroh, wie vergleichsweise komfortabel man heute im Zahnarztstuhl wegkommt.

b>Das Burda-Modeheft von 1960 liegt noch im Wartezimmer

Der Gruselfaktor ist es aber nicht alleine, der den Rundgang durch die Praxis lohnenswert macht, die Richard Schmelzle erst 1998 im hohen Alter von 88 Jahren aufgab – ein Jahr zuvor war sein 1936 zugelassenes Röntgengerät nochmals durch den Tüv gekommen. Sein Sohn, der sich dem Erbe der Arztfamilie verpflichtet sieht, ist auch ein gewitzter Erzähler, der historische und aktuelle Fakten zur Zahnheilkunde unterhaltsam mit Bietigheimer Historie kombiniert. Etwa, wenn er im alten Wartezimmer – in dem noch die „Constanze“ und das „Burda-Modeheft“ vom Frühling/Sommer 1960 liegen – erzählt, wie sich ebendort beim langen Warten Ehen anbahnten oder auf welcher Lederbank Gebhard Fürst, heute Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, einst seiner Behandlung harrte. Überhaupt ging in der Praxis die Bietigheim-Bissinger Society ein und aus.

„Pazifistisch-marxistische Einflüsse“

Schmelzle senior, der seine erste Praxis 1936 im Haus nebenan eröffnete, hatte es zunächst nicht leicht, sich eine Position zu erkämpfen, in den Deutschen Zahnärztebund aufgenommen zu werden und eine Kassenzulassung zu erhalten. Die Nationalsozialisten drehten ihm einen Strick daraus, dass er als Schwiegersohn des angesehenen, nicht regimekonformen Arztes Friedrich Laggai dessen „pazifistisch-marxistischen Einflüssen“ verfallen sei. Die im Museum gezeigten Schriftwechsel dazu lesen sich spannender als jeder Krimi.

Dass auch die Zahnbehandlung anno dazumal manchmal einem Krimi gleichkam – wer wüsste das besser als Rainer Schmelzle, der im hohen Norden in die Fußstapfen seines Vaters trat? „Mancher Schrei“, sagt er im Wartezimmer mit Gespür für Theatralik, „ist noch nicht verhallt.“

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