(K)ein Job wie in Film und Fernsehen: Der Tatortreiniger Salvatore Marotta aus Kirchheim unter Teck hat Respekt vor seiner Aufgabe. Welcher Teil der Arbeit ihm Freude bereitet – und warum eine besondere Furcht immer mitschwingt.
Wie riecht es in einem Raum, in dem eine Leiche mehrere Tage – oder gar Wochen – herumlag? „Süßlich-penetrant“, sagt Salvatore Marotta. Der Kirchheimer leitet einen Betrieb, der sich um die Reinigung von Tatorten, Unfallstellen und Messiehaushalten kümmert. Dabei wisse man nie genau, was einen erwarte – Blutspuren, Maden, tote Katzen? „Deswegen gehe ich immer selbst als Erstes in die Wohnung, bevor ich einen Mitarbeiter reinschicke“, sagt Marotta.
Der 36-Jährige war zunächst einige Jahre als Subunternehmer in der Branche tätig und hat sich inzwischen mit der Firma TDO Services selbstständig gemacht. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt Marotta über seinen Weg in diesen ungewöhnlichen Job. Über ein Sanierungsunternehmen hatte er zuvor nebenbei Entrümpelungen angeboten. Diesen Bereich baute er nach und nach aus. Mit der Spezialisierung auf Räume, in denen Menschen gestorben sind, fand er seine Marktnische.
Weder ARD-Serie noch „Pulp Fiction“ taugen als Vorbild für Tatortreiniger
Ein Impuls war für ihn dabei die ARD-Komödie „Der Tatortreiniger“. „Das habe ich geschaut und fand das interessant“, erzählt Marotta. Mit der Wirklichkeit habe die Kultserie allerdings nicht viel zu tun. „Die ist auf Witze aus, aber an einem Tatort muss man sehr diskret sein und die Arbeit mit Respekt machen.“ Auch der ikonische Saubermacher Winston Wolf aus Quentin Tarantinos Kinoklassiker „Pulp Fiction“ taugt nicht als Vorbild. Während die von Harvey Keitel gespielte Figur autoritär Anweisungen erteilt, sucht Marotta erst einmal das Gespräch. Es sei wichtig, die Wünsche der Kunden zu klären. Soll der Raum lediglich gereinigt oder komplett saniert werden? Alles raus oder nur die Gegenstände, die mit der Leiche in Kontakt gekommen sind? „Da müssen wir auf einer Wellenlänge sein, bevor ich anfangen kann“, sagt Marotta.
Seine Auftraggeber sind Nachlassgerichte, Hinterbliebene oder Altenheime. Im Monat werde er etwa viermal gerufen – meistens nach einem natürlichen Todesfall. Von rund 50 Einsätzen mit TDO Services sei wohl maximal dreimal ein Mord der Auslöser gewesen, sagt Marotta. Die Leichen selbst bekommen er und seine vier Mitarbeiter nicht mehr zu Gesicht. Wenn sie mit Schutzanzug, Maske und Handschuhen den Raum betreten, wurden die toten Körper bereits vom Bestatter oder der Polizei entfernt. Ihre Spuren sind jedoch weiterhin präsent – und damit sind nicht nur die aus den Krimis bekannten Kreidezeichnungen der Umrisse gemeint. „Oft sind dort Menschen im Liegen gestorben. Dann verteilt sich das Leichenwasser.“ Im Zuge der Verwesung verflüssigen sich zunächst Gewebe und Organe, dabei entsteht der süßliche Geruch. Außerdem gerinnt das Blut und bleibt an Oberflächen haften. Auch mit in der Dusche verteilter Hirnmasse habe er es schon zu tun gehabt, erzählt Marotta.
Kirchheimer Betrieb entfernt Spuren der Leichen
Nach der ersten Sichtung des Raums ist der nächste Schritt, alles zu desinfizieren. Dafür versprühen die Tatortreiniger mit einer Maschine Ozon, das jegliche Bakterien abtötet. Einen Tag später wird gründlich gelüftet und „dann geht es los“, sagt Marotta. Sein Team wäscht und kratzt Blut ab, schneidet verunreinigte Stücke aus dem Teppich, entsorgt Matratzen, durch die die Leichenflüssigkeit gesickert ist. Die verunreinigten Gegenstände kommen in einen geschlossenen Container. Ausnahmen sind Andenken, die die Auftraggeber behalten wollen – und kostbare Fundstücke. „Wir hatten schon Münzen, Gold, ein Sparbuch, Grundstückspapiere und Markenklamotten dabei“, zählt Marotta auf. Solche Wertgegenstände übergebe er den Kunden.
Danach werden die Schutzanzüge abgelegt, es folgt die Entrümpelung. Und in vielen Fällen auch die Sanierung. Er biete das Komplettpaket an und bringe die Wohnung falls gewünscht wieder in einen bezugsfertigen Zustand, sagt Marotta. Dieser Teil sei der schönste seiner Arbeit. „Wenn die Kunden merken, jetzt ist der Raum wieder bewohnbar, sind sie dankbar, dass wir da waren.“
Der Albtraum von Salvatore Marotta
Weniger schön hingegen: die Bilder im Kopf. Selbst ohne die Leiche bekomme man als Tatortreiniger vieles mit. „Davon bleibt etwas hängen“, sagt Marotta. „Aber man versucht das so gut wie möglich auszublenden.“ Ihm helfe, dass er nach getaner Arbeit alles wegschmeißen müsse, auch die getragene Schutzausrüstung. Das mache es leichter, mit einem Auftrag abzuschließen. Außerdem hat Marotta eine Methode, um sich auf Einsätze vorzubereiten. „Ich male mir das Schlimmste schon aus.“ Dann überrasche ihn der Anblick wenigstens nicht mehr.
Eine Furcht wird der Kirchheimer dadurch allerdings nicht los. „Ich habe eine Rattenphobie“, sagt er. In den Wohnungen finde er ab und zu tote Nager. „Die stinken extrem, da ekele ich mich.“ Noch schlimmer sei jedoch die Vorstellung, in einem Raum voller Gerümpel an einer dunklen Stelle plötzlich auf ein lebendes Tier zu treffen. Marotta beschreibt seinen Albtraum: „Ich habe Angst, dass ich irgendwo rein fasse und mich etwas beißt.“ Seine Aufträge wolle er jedoch stets gewissenhaft erledigen, deswegen helfe nur: Augen zu und durch.
Der Beruf des Tatortreinigers
Name
Der Begriff „Tatortreiniger“ ist zwar durch die Fernsehserie mit Bjarne Mädel populär geworden, führt aber auf die falsche Fährte. Schließlich kommt es selten vor, dass Salvatore Marotta und Co. nach Mordfällen im Einsatz sind. „Reiniger von Räumen, in denen Menschen gestorben sind“ klingt allerdings weniger griffig.
Qualifikation
Salvatore Marotta hat keine spezielle Ausbildung zum Tatortreiniger hinter sich. Er will jedoch zeitnah die staatliche Prüfung zum Desinfektor absolvieren. Anschließend könnte er Desinfektionsarbeiten im Auftrag des Gesundheitsamtes oder nach Anordnung von Amtsärzten ausführen.
Bislang sei er mit TDO Services bundesweit aktiv, sagt Marotta. Er wolle sich aber künftig auf den Esslinger und Stuttgarter Raum konzentrieren.