Musik für eine lauschige Sommernacht oder „unerträglicher Lärm“? Eric Gauthier bei seinem Auftritt beim „Live im Park“-Festival der Stadtwerke Foto: Peter Hartung

Mit sehnsüchtigem Blick wird in Fellbach bei Festivitäten auf die Sperrstunden-Regelungen in den Nachbarkommunen geschielt. Dass das Rathaus so viel Rücksicht auf das Ruhebedürfnis der Nachbarschaft nimmt, halten nicht wenige Bürger für überzogen.

Neulich hat Tina Matzen vom Kunstverein in Fellbach einmal mehr eine bitterböse E-Mail erhalten. Geradezu unerträglich laut sei die Musik auf dem Kunststückle mal wieder gewesen, ohne Rücksicht auf die Nachbarschaft habe der Kulturclub auf seiner Freiluftbühne an der Minigolfanlage die Ohren der Anwohner malträtiert. Beschwert hatte sich die Dame schon eine Woche zuvor telefonisch, um Punkt 21.39 Uhr ging der Protestanruf über vermeintlich üblen Lärm von jenseits der Stadtbahngleise bei der Vereinschefin ein.

 

Kurios ist an der kleinen Anekdote, dass der Kunstverein zwar Beschwerden kassiert, in den vergangenen Wochen auf dem Kunststückle aber gar keine Konzerte veranstaltet hat. Gemeint mit der Klage über abendliche Ruhestörung war in beiden Fällen die von den Stadtwerken gesponserte Musikreihe „Live im Park“. Umsonst und draußen lädt der lokale Energieversorger auch diesen Sommer donnerstags zum After-Work-Konzert auf den Palm-Platz vor der Schwabenlandhalle ein – sehr zur Freude tausender Besucher, die im Herzen der Stadt kühle Drinks und coole Mucke genießen.

Eine Zugabe ist mit Blick auf die Uhr oft nicht mehr drin

Wissenswert ist bei der Konzertreihe, dass sich die Stadtwerke aus Rücksicht auf die Nachbarschaft selbst ein recht enges zeitliches Korsett angelegt haben. Um mit der Imagearbeit keinen Ärger zu erzeugen, wird die Musik lange vor Beginn der gesetzlichen Nachtruhe um 22 Uhr abgedreht. Das hat den hochnotpeinlichen Effekt, dass selbst gefeierte Opernstars wie der Lokalmatador Matthias Klink ihrem reichlich enttäuschten Publikum zu erklären haben, dass sie mit Blick auf die Uhr leider ohne jede Zugabe von der Bühne müssen. Musicus interruptus würde der Lateiner wohl sagen.

In Fellbach, das ist der inzwischen verfestigte Eindruck, macht man nicht Schluss, wenn’s am Schönsten ist. Das Ende naht meist schon, bevor es überhaupt so richtig losgeht. Der gefühlte Verlust von Lebensqualität geht vielen Bürgerinnen und Bürgern mittlerweile derartig auf den Zeiger, dass der Unmut unüberhörbar wird. „Auf jedem Dorffest darf bis in die Puppen gefeiert werden, nur in Fellbach ist der Stadt die Nachtruhe von ein paar Nachbarn wichtiger“, wird der Frust in Worte gefasst. Sehnsüchtig richten sich die Blicke in Richtung Backnang, Schorndorf oder Waiblingen, wo etwa beim Altstadtfest weit nach Mitternacht noch Trubel herrschte – mit Musik, Ausschank und allem Tamtam.

„Über dem Remstal lacht die Sonne und über Fellbach das ganze Remstal“, hat der Fellbacher Klaus Frey die Enttäuschung, dass trotz südländischer Temperaturen keine südländische Atmosphäre herrschen darf, jüngst per Leserbrief auf den Punkt gebracht. Der gute Mann ist übrigens kein Bierbank-Revoluzzer, sondern Feuerwehrmann und Familienvater – und darf sich sicher sein, dass viele ganz normale Fellbacher ähnlich denken. In der Stadt laufen schon diverse Wetten, wie lange es wohl beim Traditionsfest Fellbacher Herbst im Oktober dauert, bis die Randsteine hochgeklappt werden – und ob es sich überhaupt noch lohnt, sich mit Freunden bei dem Fest zu treffen.

Angekreidet wird der als wenig bürgerfreundlich empfundene Umgang mit der Sperrstunde nicht etwa der Berliner Gesetzgebung, sondern der Rathausspitze. „Die bekommt meine Stimme nicht mehr“, machen zumindest einzelne Eingesessene ihren Ärger, dass Fellbach festlesmäßig zur Schlafstadt verkommt, an der Paragrafentreue von Oberbürgermeisterin Gabriele Zull fest. Sie könne Fünfe nicht auch mal grade sein lassen – auch wenn die Auftritte auf dem Palm-Platz in Fellbach oft weniger laut zu hören sind als wenn Rammstein oder Iron Maiden den Cannstatter Neckarpark rocken.

Auch die Fiesta litt bereits unter dem verfrühten Zapfenstreich

Auswirkungen hat die gepflegte Rücksicht aufs Ruhebedürfnis durchaus. Bei der Fiesta International im Juni wollten sich nur noch zehn Vereine beteiligen. Das lag nicht nur daran, dass vielen Klubs nach zweijähriger Corona-Zwangspause die Helfer fehlten. Ein Teil der Teilnehmer winkt inzwischen auch dankend ab, weil sich die Mühe durch den frühen Ausschank-Schluss nicht lohnt. „Nach fast drei Jahren tote Hose ist es doch schade, dass man bei einem solchen Wetter nicht flexibler sein kann“, sagte Francesco Santoro vom Centro Italiano, weil mal wieder Schluss war, bevor es richtig losging.