In den Randbezirken ist die Prostitution unauffällig, am Rand des Rotlichtviertels unübersehbar. Foto: dpa

Der Straßenstrich breitet sich in verbotene Zonen aus, wieder einmal. Die Polizei fühlt sich hilflos. Eine widersinnige Rechtslage erschwert ihr die Arbeit.

S-Mitte - Die Damen am Bordsteinrand werben in drei verbalen Stufen für ihre Dienste: „Hast du Lust?“ „Hallo – hast Du Lust? „Hallo – wie geht’s dir? Hast Du Lust?“ Die Herren hingegen halten bei der Geschäftsanbahnung jede Höflichkeit für Tand: „Was kostest Du?“ Robusten Umgangston sind die Frauen vom Straßenstrich gewohnt. Letzterer breitet sich rund ums Rotlichtviertel aus. Vor allem entlang der Olgastraße nimmt die Prostitution zu. Dort ist sie verboten, wie entlang der Pfarrstraße und der Katharinenstraße, auch wenn der Augenschein anderes nahelegt. Die Frauen stehen dort. Die Freier fahren dort ihre Runden.

Sofern die Polizei sie ertappt, sind für Männer, die im Sperrbezirk Huren ansprechen, beim ersten Mal 100 Euro fällig. In Freierwährung entspricht das viermal Sex. Beim zweiten und dritten Mal verdoppelt sich die Summe jeweils. Frauen auf Kundenfang zahlen erst 180, dann 300 Euro. Der dritte Verstoß gilt als Straftat, die mit 30 Tagessätzen geahndet wird – der Verdienst also aus 30 Arbeitstagen. Worin sich gewissermaßen die Widersinnigkeit der Prostitutionsgesetze spiegelt: Als Strafe fürs Anschaffen im Sperrbezirk schickt der Staat die Frauen 30 Tage lang anschaffen.

Trotz der Strafen: Illegale Prostitution, sogar illegale Bordelle „gibt es in der ganzen Stadt, von Plieningen bis Zuffenhausen“, sagt Wolfgang Hohmann. Nur muss nach aktueller Gesetzeslage die Grenze zwischen legal und illegal eher mit dem Mikroskop als mit der Lupe gesucht werden. Hohmann leitet den Ermittlungsdienst Prostitution, die Sittenpolizei. In den äußeren Bezirken „läuft der Betrieb in aller Regel unauffällig“, sagt er. Eben dies ist der Unterschied zum Stadtzentrum.

Das Problem mit der Prostitution hat Adressen

Dort hat das Problem mit der Prostitution Adressen: Pfarrstraße 11, Kinderschutzzentrum. Oder Jakobstraße 11, Jakobschule. Oder Katharinenstraße 4. Dort ragt seit 125 Jahren das Marienheim empor. Die Hausordnung ist streng. Demnächst wird das Jubiläum gefeiert. Im altehrwürdigen Bau vermietet die katholische Kirche Zimmer an Frauen – ab 18 Jahren. Das Problem hat auch einen Geruch: Es stinkt nach Urin. Das Problem ist am Morgen noch unübersehbar. Vor dem Kindergarten an der Heusteigstraße liegen weggeworfene Kondome. Schülerinnen, die auf den Bus warten, erzählen von Freiern, die aus dem Auto rufen: „Was kostest Du?“

Der Irrtum ist verständlich: „Jung und billig würdigen die Freier“, sagt Hohmann. „Die Nachfrage ist stärker geworden.“ Denn jung und billig reist aus armen Regionen Osteuropas an. Die Mehrzahl der Huren stammt aus Rumänien.

Hohmann verfolgt deren Zuhälter, aber er spricht nie von Zuhältern. Er nennt die Männer „Betreuer“. Die Wortwahl ist ebenfalls eine Folge der Rechtslage. Seit einer Gesetzesnovelle vor zehn Jahren gilt Prostitution als gewöhnlicher Beruf. Wer sich an die Regeln hält, ist kein Zuhälter, sondern Arbeitgeber. „Menschenhandel zu bekämpfen, ist unter diesen Umständen schwierig“, sagt Hohmann.

Nicht nur der Gesetzgeber dehnt das Recht: Huren, die die Polizei im Sperrbezirk erwischt, sind immer auf dem Weg zum Einkauf. Freier erklären, sie tun Gutes, weil sie den Frauen ihren Lebensunterhalt sichern. Hausbesitzer haben Zimmer nicht an Frauen vermietet, sondern an Männer. „Früher haben die Damen sich an Spielregeln gehalten“, sagt Hohmann. Sie standen nicht vor Schulen, sie trugen unauffällige Kleider. Sie bedienten Freier in Zimmern, nicht in Autos. Die neue Klientel „ist schwerer zu erziehen, schon der Sprache wegen“, sagt Hohmann. „Aber wir versuchen es, die Lage ist nicht hoffnungslos“.

Seit Jahrzehnten klagen wechselnde Anwohnerinitiativen

Aber so scheint es. Das Problem ist keineswegs neu. Seit Jahrzehnten klagen Anwohnerinitiativen an der Olga-, der Alexanderstraße, im Bohnen- und Heusteigviertel, wechselweise. Und das Problem scheint von seiner Lösung weiter entfernt denn je. „Ich bin etwas ratlos“, sagt Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin der Stadtmitte. Sie wollte das Problem lösen, zuerst vor der Jakobschule und hinter dem Züblin-Parkhaus, wo Kinder spielen und ein Tummelplatz für die Jugend geplant ist. Das ist ihr zumindest zum Teil gelungen.

Allerdings „hat man mir gesagt, ich bin in gewisser Weise schuld, dass die Frauen jetzt an der Olgastraße stehen“, sagt Kienzle. Vor vier Wochen hat sie beim Polizeipräsidenten Thomas Züfle vorgesprochen. Sie hatte das Gefühl, dass kein anderer ihr zuhörte, bei dem sie sich beklagte. „Niemand hat etwas gegen Prostitution“, sagt Kienzle. „Aber das sind Wohngebiete, und da gehört sie nicht hin.“ Wenigstens die illegalen Bordelle müssten geschlossen werden.

In Hamburg schaffen 22 000 Frauen an, keineswegs nur auf der Herbertstraße oder entlang der Reeperbahn. Huren sind allgegenwärtig. Olef Petersen stammt aus Hamburg. „Prostitution gab und gibt es in jeder Gesellschaft, man muss auch bedenken, wie die Triebhaftigkeit der Männer sich kanalisieren würde, wenn es sie nicht gäbe“, sagt er. Inzwischen ist Petersen Pressesprecher der Stuttgarter Polizei. Die kontrolliert regelmäßig, mal uniformiert, mal in zivil und zusätzlich mit Razzien. Der städtische Ordnungsdienst kontrolliert ebenfalls. Aber letztlich „können wir nicht viel machen“, sagt Petersen. „Die Polizei kann dieses Problem nicht allein lösen.“

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