Der Dachstuhl des Kirchenturms ist durch Feuchtigkeit beschädigt. Foto: Ines Rudel

Feuchtigkeit und Ungeziefer setzen dem Turm der evangelischen Kirche zu. Während der Fastenzeit rief die Gemeinde ihre Mitglieder auf, Kleingeld zu sammeln. Am Wochenende wird damit der Pfarrer aufgewogen.

Baltmannsweiler - Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, sagte Jesus von Nazareth, als ihm die Pharisäer einen Silbergroschen vorhielten. In Baltmannsweiler gibt man jetzt die Groschen für den Turm der evangelischen Kirche. Denn die Baltmannsweiler Bürger haben den Bau seit dem Jahr 1648 etwas vernachlässigt. In diesem Jahr nämlich hat ein Brand das Mauerwerk beschädigt, worauf der Dachstuhl in Mitleidenschaft gezogen wurde. Knapp 370 Jahre später wurde er so marode, dass er renoviert werden muss. Leider ist es auch heute noch so, wie schon Anno 1648, dem letzten Jahr des 30-jährigen Krieges. Die Kassen sind knapp.

250 000 kostet die Sanierung insgesamt

250 000 Euro wird die Sanierung von Turm und Dachstuhl kosten, 110 000 Euro muss die 1566 Mitglieder zählende Gemeinde selbst aufbringen, 18 000 Euro hat sie schon. Und da ist die Mathematik unbestechlich, das sind 58,75 Euro pro Kopf.

Deswegen hat sich die Gemeinde eine originelle Spendenaktion einfallen lassen, das Pfennigfasten. Die christlichen Kirchen haben ja in den letzten Jahrzehnten das längst vergessene Fasten wieder auferstehen lassen. Sieben Wochen vor Ostern verzichtet man auf manche kleine Ernährungssünde.

Während man anderswo darbte und auf Süßigkeiten, Alkohol der Tabak verzichtete, oder gar die Hälfte aß, um nur halb soviel zu wiegen, konnten es sich die fastenden Baltmannsweilerner bei Bier, Pfeife und Schogetten gut gehen lassen Denn sie mussten lediglich auf das Kleingeld verzichten und es in eine Sparbüchse stecken. Wer kein Sparschwein hatte, was in der sparsamen Schurwaldgemeinde eigentlich undenkbar ist, der bekam sogar eine Bastelanleitung für ein Spendenglas im Gemeindeboten mitgeliefert.

Mit diesem Kleingeld wird dann am Sonntag, 8. April, nach dem Gottesdienst um 11.30 Uhr der Pfarrer Jonathan Dörrfuß aufgewogen. Wieviel des Pfarrers Lebendgewicht für den Turm bringen wird, bleibt bis dahin aber ungewiss: „Wieviel ich wiege, verrate ich natürlich nicht“, sagt der Gottesdiener. Er hofft aber, dass bei eventueller Magersucht der Spendenkasse die Leute spontan noch etwas dazu geben. Der Rest ist mal wieder Mathematik.

Wie wäre es mit Zehn-Euro-Schein fasten?

Gehen wir von 80 Kilo Lebendgewicht aus und einem Gewicht von 2,3 Gramm für die Cent-Münze, wäre mit 3479 Münzen der Pfarrer aufgewogen. 34,79 Euro wäre dann in der Kasse. Würde die Gemeinde Zwei-Euro-Münzen gesammelt haben, wäre bei einem Gewicht von 8,5 Gramm pro Zwei-Euro-Stück mit 942 Münzen der Pfarrer erreicht, aber auch nur 1884 Euro in der Kasse. Auch wenn sich Baltmannsweiler einen deutlich schwereren Pfarrer zulegen würde, würde das nicht viel helfen.

Aber die Bibel ist ja ein zuverlässiger Ratgeber in allen Lebenslagen. Heißt es nicht in der Überschrift zu dem Psalm 49  „Die Herrlichkeit der Reichen ist Trug und Schein“? Von daher hätten die Baltmannsweilerner besser ein Zehn-Euro-Schein-Fasten ausrufen sollen. Bei einem Gewicht von 0,72 Gramm für den Zehner hätten sie mit rund 11 112 Scheinen nicht nur den Pfarrer aufgewogen, sondern den Turm gleich komplett finanziert und sogar noch etwas übrig gehabt.

Dennoch geht die Kirche davon aus, dass das Geld zusammen kommt, weil der Kirchturm ortsbildprägend ist. Zudem prägt er eine Kommune, die sich auf den Schurwaldhöhen bis zu 465 Meter über dem Meeresspiegel über das Neckar- und das Remstal erhebt. Und da ist man dem Himmel einfach näher als anderswo.

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