Ratiopharm Ulm steht kurz vor der ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Es wäre eine Sensation, die nach dem Ende der regulären Saison kaum jemand für möglich gehalten hatte.
Es gibt ja selbst im traditionsbehafteten Profifußball immer wieder Querdenker, die meinen, die Einführung von Play-offs könne Spannung und Attraktivität in der Bundesliga erhöhen. Ähnliche Überlegungen finden im Handball statt. Weshalb anzunehmen ist, dass die Funktionäre beider Sportarten derzeit genau beobachten, was im Basketball passiert. Denn unter den Körben ist der Kampf um die Meisterschaft so spektakulär und überraschend, dass er Befürwortern wie Kritikern von Play-offs gleichermaßen Argumente liefert. Das liegt vor allem an Ratiopharm Ulm.
Das Team wird seit Sommer von Anton Gavel trainiert, der bis dahin noch nie mit einer Profimannschaft gearbeitet hatte. Prompt stand der Ex-Nationalspieler nach einem missratenen Saisonstart mit vier Niederlagen aus vier Spielen sowie dem Aus im Pokal-Achtelfinale mächtig unter der Druck. Doch Gavel durfte bleiben, am Ende schafften es die Ulmer auf Rang sieben und gerade noch in die Play-offs. Um dann furios durchzustarten.
Das Momentum spricht für die Ulmer
Erst schaltete der Favoritenschreck Titelverteidiger Alba Berlin aus (3:1), dann Pokalsieger Bayern München (3:0) – und jetzt liegen die Ulmer in der Finalserie gegen Hauptrundengewinner Telekom Baskets Bonn (32 Siege in 34 Spielen) mit 2:1 in Führung. Nur ein Erfolg an diesem Freitag (20.45 Uhr/Sport 1) fehlt noch zur Sensation und zur ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte, bei einer Heimniederlage würde am Sonntag (15 Uhr) das fünfte Duell in Bonn entscheiden. Das Momentum? Spricht klar für die Ulmer. „Das war unsere beste Leistung in dieser Saison“, sagte Nationalspieler Karim Jallow, mit 24 Punkten bester Werfer, nach dem 112:84 im dritten Finalspiel am Mittwochabend, während Bonns Star TJ Shorts frustriert meinte: „Bei uns ist alles schiefgegangen. Ulm war klar besser als wir.“
Es ist genau das, was Skeptikern an Play-offs missfällt – dass die Konstanz einer ganzen Saison plötzlich nichts mehr zählt, ein kleines Formtief zum Fiasko werden kann. Andere sagen: Exakt das macht doch den Reiz aus! Dass jeder die Chance hat, die Gunst der Stunde für sich zu nutzen. Die Ulmer Basketballer sind kurz davor. Und sie erleben dabei emotionale Extreme.
Tickets in Rekordzeit verkauft
Einerseits genießen sie die leidenschaftliche, lautstarke Unterstützung ihrer Fans, die 6000 Tickets für die zwei Heimspiele in der Finalserie waren jeweils innerhalb von 60 Sekunden ausverkauft. Und andererseits vermischt sich der Ulmer Powerbasketball in den Play-offs mit reichlich Pathos. Den Titel würde das Team seinem langjährigen Betreuer Andi Klee widmen, den alle nur „Kutscher“ nannten, weil er früher auch mal den Mannschaftsbus gefahren hat. Klee war kurz nach dem Triumph im Halbfinale gegen den FC Bayern tot in seinem Dienstzimmer aufgefunden worden. Nach dem ersten Heimerfolg gegen Bonn twitterte Vereinsboss Thomas Stoll: „Kutscher, noch ein Sieg!“ Angefügt waren vier weinende Emojis.
Nun könnten auf die Trauer der Titel und großer Trubel folgen – weil Play-offs auch unerwartete Triumphe möglich machen.