An der Seite von Katarina Barley führt Udo Bullmann die SPD in die Europawahl. In Deutschland kennt ihn kaum jemand. Kann das funktionieren?
Brüssel - Der letzte deutsche Sozialdemokrat aus dem Europaparlament, der es zu einiger Bekanntheit brachte, war Martin Schulz. Nach eigenem Bekunden hätte er auch das Zeug für eine große Karriere im Fußball gehabt, scheiterte aber an einer Knieverletzung. Der nächste deutsche SPD-Mann aus Europa, der außerhalb von Brüssel zwar noch weitgehend unbekannt ist, dies aber ändern will, ist da bescheidener. „Ich bin im Straßenfußball und bei den Jusos aufgewachsen“, sagt Udo Bullmann.
Udo wer? Der Genosse aus Gießen steht vor einer schwierigen Aufgabe. Zusammen mit Katarina Barley, der Bundesjustizministerin, bildet er das Spitzenduo der deutschen Sozialdemokraten bei der Europawahl. Die 50-jährige Juristin, die einen Blitzstart in der Politik hingelegt hat, und der 62-jährige Politologe, der seit fast 20 Jahren im Europaparlament sitzt, sollen die schwere Niederlage, die den deutschen Sozialdemokraten im Mai droht, so gut es geht abfedern. Beim letzten Mal 2014 holte die SPD bei Europawahlen 27 Prozent. Diesmal könnten es zehn Prozentpunkte weniger werden.
Bullmann ist ein linker Sozialdemokrat
Bullmann hat in Brüssel und Straßburg ähnliche Stationen hinter sich gebracht wie Schulz. Er führte die Gruppe der deutschen Abgeordneten für einige Jahre (2012 bis 2017), er ist seit 2018 Fraktionschef der sozialistischen Abgeordneten im Europaparlament. Schulz hatte dieses Amt von 2004 bis 2012 inne. Auch wurde Bullmann als Nachfolger von Schulz mit sehr gutem Ergebnis bei einem SPD-Parteitag zum Europabeauftragten des Parteivorstands gewählt. Und doch sind die beiden völlig unterschiedlich.
Es fängt schon damit an, dass Schulz eher ein rechter Sozialdemokrat ist, Bullmann ganz in der Tradition der Hessen-SPD ein linker. Schulz pendelte zurück zur Familie nach Aachen. Bullmann zählt zu den wenigen Parlamentariern, die in Brüssel leben, mit Partnerin und kleinen Kindern. Fachlich hat er sich in den Brüsseler Jahren einen Namen als Wirtschaftsexperte gemacht. Parlamentarisch hat er den Aufbau des Juncker-Fonds, auch EFSI (Europäischer Fonds für strategische Investitionen) genannt, eng begleitet. Im Rahmen der Offensive für neue Jobs und die Beseitigung der Kreditklemme stellt Europa dabei bis zum Jahr 2020 insgesamt 500 Milliarden Euro als zinsgünstige Darlehen für Investitionen zur Verfügung. Bullmann war als Währungs- und Steuerexperte in die Gesetzgebungsverfahren zu diesen Themen eingebunden.
Die ideale Kombination für den Europawahlkampf
Bullmann ist damit der gelernte Europäer in der Doppelspitze der SPD. Doppelspitze? Na ja. Bullmann steht hinter Barley auf Platz zwei der SPD-Liste für die Europawahl Ende Mai: „Es ist für mich selbstverständlich, dass ich der Frau den Vortritt lasse.“ Und er legt Wert auf die Feststellung, dass es seine Idee gewesen sei, mit Barley gemeinsam anzutreten.
Glaubt man Bullmann, hat die SPD mit Barley und ihm die ideale Kombination für den Europawahlkampf gefunden. Die Deutschbritin mit ihren vielen Bezügen zu Europa in Familie und Lebenslauf. Und er, der sich in den EU-Institutionen bestens auskennt und über Netzwerke in Straßburg und Brüssel verfügt. Sie sei die „deutsche Europäerin“, er selbst „der europäische Deutsche“. Sie ergänzen sich: Barley mit einiger Strahlkraft und ausbaufähiger EU- Kompetenz. Bullmann mit einiger EU-Kompetenz und geringer Strahlkraft. Der SPD-Linke aus Gießen ist eher der professorale Typ. Ein Parteifreund meint: „Barley hat es leichter als er, sich emotional darzustellen.“
Sein Wirken nach innen bekommt glänzende Noten
Dafür schätzen die Genossen bei Bullmann andere Qualitäten. Sein Wirken nach innen bekommt glänzende Noten – und zwar durchgängig. Als Teamplayer wird er beschrieben. Auch das, so sagen die Genossen in Brüssel, unterscheide ihn von Schulz. „Er wird von den parlamentarischen Mitarbeitern geschätzt, weil er sie eher als Berater denn als Untergebene behandelt“, sagt ein Genosse. Ähnliche Töne hört man aus der Gruppe der deutschen SPD-Abgeordneten. Als Bullmann übernahm, muss sie ein zerstrittener Club von 27 Abgeordneten gewesen sein. Der Hesse habe erreicht, dass die Gruppe wieder zusammenfand. „Er hört zu, analysiert gut, trifft die richtigen Entscheidungen“, sagt ein deutscher Abgeordneter. „Schulz hatte nicht die Fähigkeit, die Leute zusammenzuführen, Bullmann kann es.“
2018 übernahm Bullmann dann den Vorsitz der gesamten sozialistischen Fraktion im Parlament mit 187 Abgeordneten. Sein Vorgänger Gianni Pittella, der zurück nach Italien ging, hat keine großen Fußstapfen hinterlassen. „Da gab es keinen Konsens mehr, jeder hat gemacht, was er wollte“, heißt es aus der Fraktion. Bullmann muss auch in der Fraktion, wo die ganze Vielfalt der sozialistischen Parteien Europas vertreten ist, den richtigen Ton getroffen haben. „Es ist ihm in der Fraktion gelungen, die Truppe zusammenzuführen. Das ist eine noch größere Leistung als zuvor in der deutschen Gruppe.“
„Ein sehr viel robusteres politisches Rückgrat“
Auch auf die Mitbewerber hat Bullmann Eindruck gemacht. Im Europaparlament gibt es keine förmlichen Koalitionen, parlamentarische Mehrheiten für Beschlüsse müssen häufig über Parteigrenzen hinweg gesucht werden. Ein Fraktionschef, der nicht aus Deutschland kommt, schätzt Bullmann, obwohl der sein politischer Gegner ist: Während Schulz vor allem an Posten interessiert gewesen sei, habe Bullmann „ein sehr viel robusteres politisches Rückgrat“. Er sei präsenter, habe mehr Leidenschaft und sei vor allem verlässlich.
Demnächst geht die heiße Phase des Wahlkampfs los. Bullmann wird dann über die Marktplätze ziehen. Er wird etwa davon sprechen, dass die Industriegesellschaft modernisiert werden muss und beim gesellschaftlichen Wandel der soziale Zusammenhalt nicht vergessen werden darf. Und er wird gemeinsam in Deutschland und anderswo auftreten mit Frans Timmermans – EU-Kommissar und europäischer Spitzenkandidat der European Socialists, der Jean-Claude Juncker nachfolgen will. Beide werden sich abgrenzen von den Christdemokraten und ihrem Spitzenkandidaten Manfred Weber.
Kann Bullmann nach der Wahl weitermachen?
Und dennoch darf Bullmann nicht vergessen, dass Genossen und Christdemokraten nach der Wahl aufeinander angewiesen sind. Wenn das Parlament den Juncker-Nachfolger bestimmen will und der wichtigste EU-Job nicht wieder in einer Kungelrunde der Staats- und Regierungschefs ausgekegelt werden soll, müssen sich Christ- und Sozialdemokraten bis Ende Juli einigen und vermutlich noch Liberale und Grüne an Bord holen. Da wird es dann die Aufgabe von Bullmann sein, politische Inhalte und Personen durchzusetzen. Mit seiner Erfahrung in Europa ist er dafür gerüstet.
Kann Bullmann nach der Wahl weitermachen? Dass Katarina Barley an ihm vorbeizieht, gilt in Brüssel als unwahrscheinlich. Bullmann selbst macht kein Hehl daraus, dass er gern im Amt bliebe. In Brüssel vernetzt, als moderierender Fraktionschef geachtet, aber nach 20 Jahren als Europaabgeordneter in Deutschland nahezu unbekannt – das ist seine Startposition im Wahlkampf, in dem es darum geht, die Menschen für Europa zu begeistern.
Vielleicht fehlte Bullmann aber bisher nur der Berlusconi-Moment. Auch Schulz war lange ein Unbekannter, bevor er sich 2003 Italiens Silvio Berlusconi im EU-Parlament vorknöpfte. Der Cavaliere geriet außer sich, schmähte Schulz als Idealbesetzung für die Rolle eines KZ-Chefs. Danach war Schulz berühmt.