SPD-Parteitag in Berlin Die alten Leiden des Martin Schulz

Von Thomas Maron 

Reden, überzeugen, beschwören: Martin Schulz versucht, der gebeutelten SPD Kraft und Zuversicht zu geben. Foto: AFP, dpa (2)
Reden, überzeugen, beschwören: Martin Schulz versucht, der gebeutelten SPD Kraft und Zuversicht zu geben. Foto: AFP, dpa (2)

Der SPD-Chef Martin Schulz versucht beim Parteitag, seinen Genossen die Angst vor dem Regieren zu nehmen. Das gelingt ihm nur mühsam.

Berlin - Um 20 Minuten vor acht erreicht SPD-Chef Martin Schulz, der bei der Bundestagswahl so grässlich Schiffbruch erlitten hat, endlich das rettende Ufer. Die Genossen wählen ihn am Donnerstagabend ein weiteres Mal zum Parteichef – mit 81,9 Prozent. Passabel, kann man sagen, nach all dem, was war. Kurz zuvor haben sie auch seiner Bitte entsprochen, ergebnisoffene Gespräche mit der Union führen zu dürfen, nach fünf Stunden Debatte. Er hat freie Hand – zumindest für ein paar Wochen. Denn nach den Sondierungen soll ein weiterer Parteitag über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen abstimmen.

Man kann nur erahnen, wie schwer der Stein ist, der Martin Schulz in der Berliner Messehalle in diesem Moment vom Herzen fällt. Er umarmt die Genossen der Parteiführung wie Brüder und Schwestern, ergriffen von diesem Moment blinzelt er ins Publikum. „Vielen, vielen Dank für diesen Vertrauensbeweis“, sagt er. „Am 19. März habt ihr mich mit 100 Prozent ausgestattet, ein schöner Moment, aber danach kamen schwierige Zeiten“, erinnert er sich. „Jetzt habt ihr mich mit 81,9 Prozent gewählt, jetzt hoffe ich, dass bessere Zeiten kommen.“

Vor neun Monaten noch schien Schulz über das Wasser laufen zu können

Tatsächlich ist es erst neun Monate her, da schien die SPD zu glauben, dieser Martin Schulz könne übers Wasser laufen, mindestens aber Angela Merkel aus dem Kanzleramt kicken. Schulz-Devotionalien wurden auf dem Parteitag im März gereicht, er wurde bejubelt wie ein Stadionrocker. „Straight outta Würselen“, seinem Heimatort, stand damals auf Jutebeuteln. Heute müsste es heißen: „Straight outta hell“.

Denn so gut wie alles ging schief seit seiner Kür im Frühjahr. Drei Landtagswahlen wurden verloren. Nordrhein-Westfalen fiel in die Hände der Union, die Bundestagswahl endete im Desaster, dem schlechtesten SPD-Ergebnis im Nachkriegsdeutschland. Und nur einmal noch jubelten ihm die Genossen seitdem so euphorisch zu wie damals. Das war am 24. September, am Abend der Bundestagswahl, als Schulz klipp und klar sagte, dass der Weg der SPD in die Opposition unumkehrbar sei.

Und nun? Vom Niemals-Groko-Versprechen des Wahlabends – am Tag nach dem Scheitern der Jamaikasondierungen im November nochmals mit einem einstimmigen Vorstandsbeschluss bestätigt – ist nach einem dramatischen Appell von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und nach vielen internen Debatten nicht mehr viel geblieben. Nun soll doch ergebnisoffen mit der Union geredet werden. Dabei ist für viele Delegierte allein der Gedanke an eine Neuauflage der großen Koalition so reizvoll wie die Vorstellung, Erbrochenes abermals essen zu müssen. Ähnlich unerträglich ist für viele allerdings auch der Gedanke an eine Neuwahl.

Es ist eine Zerreißprobe für eine verunsicherte Partei

Es sind Tage, in denen die Mitglieder einer völlig verunsicherten Partei somit in zwei entgegengesetzte Richtungen drängen. Man nennt das: Zerreißprobe. Schulz ist sich dessen bewusst. Er knetet in den Sekunden vor seinem Redebeginn die Finger, er kratzt sich den Bart, er sitzt stocksteif da auf dem Podium, und seine Gesten sind so leicht zu lesen wie ein offenes Buch. Er hat Bammel, fürchtet den Moment, der ihm bevorsteht. Aber es hilft nichts. Will er Vorsitzender bleiben, darf er die vielleicht wichtigste Rede seines Lebens nicht in den Sand setzen. So einfach ist das – und so schwer.

Er versucht es erst mal auf die rheinische Art. Er schmeichelt. Lässt es menscheln, warme Worte sollen Zusammenhalt stiften. Der zweite Akt der vorsichtigen Annäherung an die schwer berechenbaren 600 Delegierten: Demut und Einsicht. Er habe ja schon so manches durchgemacht, aber so ein Jahr habe er „noch nie erlebt“, das könne man „nicht einfach abschütteln“. Man sei nach dem zwischenzeitlichen Höhenflug auf 30 Prozent und mehr wieder da gelandet, wo man am Jahresanfang in Umfragen gestartet sei, bei rund 20 Prozent. „Das ist hart, das ist bitter“, so Schulz, und weil so viele Menschen so große Hoffnungen in ihn gesetzt hätten, hält er es für angezeigt, sich kurz mal in den Staub zu werfen. „Ich bitte für meinen Anteil an dieser bitteren Niederlage um Entschuldigung.“

Er macht aber auch schnell klar, dass dieser „Anteil“ seiner Ansicht nach ziemlich genau ein Vierzigstel der Gesamtverantwortung ausmacht, mithin ziemlich vernachlässigbar wäre. Zehn Millionen Wähler habe man seit 1998 verloren, sagt er. Man müsse deshalb nicht nur das von ihm verantwortete halbe Jahr vor der Bundestagswahl aufarbeiten, sondern die letzten 20 Jahre. Der Beifall bleibt spärlich.

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