Zwei, die Kanzler werden wollen: Sigmar Gabriel (li.) und Martin Schulz. Foto: AP

Die SPD will sich nicht von der Union treiben lassen und hält an ihrem Zeitplan fest. Erst Ende Januar soll der sozialdemokratische Kanzlerkandidat feststehen.

Berlin - Gabriel oder Schulz - wer hat bessere Chancen gegen Merkel?

Die SPD will sich nicht von der Union treiben lassen und hält an ihrem Zeitplan fest. Erst Ende Januar soll der sozialdemokratische Kanzlerkandidat feststehen. Die zwei aussichtsreichsten Anwärter sind SPD-Chef Sigmar Gabriel und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. Seitdem Gabriel Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei Kanzlerin Angela Merkel überraschend als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten durchsetzte, gilt es allerdings in der Partei als sicher, dass Schulz nur noch eine Chance hat, wenn Gabriel nicht will.

b>Beliebtheit

Beliebtheit

Hier liegt Martin Schulz vorn. Allerdings liefern Umfragen, man weiß das nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, ein trügerisches Bild. Außerdem hat die Zustimmung zu Schulz sicher viel damit zu tun, dass er vor allem außenpolitisch brillieren kann, aber innenpolitisch ein unbeschriebenes Blatt ist, weshalb er in diesen Bereichen noch nicht viele Ecken und Kanten aufweist. Er ist deshalb in vielen Bereichen eine Projektionsfläche. Die Frage ist, ob seine Beliebtheitswerte so hoch bleiben, wenn sich seine konkreten politischen innenpolitischen Ziele besser fassen lassen. Auch Steinbrücks Popularitätswerte waren bis zu seiner Nominierung zum Kandidaten blendend. Als ihm dann aber die SPD ein dezidiert linkes Wahlprogramm aufzwang, litt seine Glaubwürdigkeit gehörig.

Gleichwohl machen Gabriel seine schwachen Werte – bei einer Direktwahl erhielte er 21, die Kanzlerin 51 Prozent - zu schaffen. Er weiß, dass sein Bild in der Öffentlichkeit bereits in allen Details gezeichnet ist. Und dieses Bild zeigt einen Politiker, der dazu neigt, sprunghaft seinen Launen nachzugegeben. In einem stehen sich Gabriel und Schulz in nichts nach: Wahlkampf können beide, sie sind glänzende Redner. Merkel würde sie deshalb niemals unterschätzen.

Rückhalt in der Partei

Rückhalt in der Partei

Gabriel hat der SPD mit häufigen Kurswechselns und seiner ruppigen Art heftig zugesetzt. Er war deshalb bis in den Herbst hinein umstritten, kennt die Partei allerdings auch deutlich besser als Schulz. Dann akzeptierte Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel völlig überraschend und mangels eigener Alternative eine Kandidatur des sozialdemokratischen Außenministers Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten. Gabriel war vorgeprescht, hatte hoch gepokert und gewonnen. Er hat damit der SPD gezeigt, dass er in der Lage ist, aus einer vermeintlich schwächeren Position heraus die Kanzlerin zu schlagen. Seitdem ist der Satz: „Der Parteivorsitzende hat das erste Zugriffsrecht bei der Kanzlerkandidatur“ keine Floskel mehr. Gabriel handelt aus einer Position der Stärke heraus und einige in der Partei halten es sogar für möglich, dass er nach diesem Coup Schulz zum Kanzlerkandidaten aufrufen könnte, ohne zugleich den Parteivorsitz aufgeben zu müssen. Auch die unaufgeregte Debatte in den SPD-Gremien und der Beschluss, bei der Nominierung am bisherigen Zeitplan festzuhalten, zeugen davon, dass Gabriel die Zügel in der SPD wieder fest in der Hand hat. Von Merkels Entscheidung will man sich nicht treiben lassen. Vorteil Gabriel.

Innenpolitik

Innenpolitik

Egal ob Rente, Arbeitslosigkeit, Wirtschaft oder Innere Sicherheit: In allen innenpolitischen Fragen ist Martin Schulz für die Partei und im Falle einer Kanzlerkandidatur erst recht für seine potenziellen Wähler eine Black-Box. Keiner weiß genau, wofür er steht. Eine Ahnung hat man freilich schon. Schulz, ehemals Bürgermeister von Würselen, ist gewiss kein linker Ideologe, sondern ein pragmatischer Macher. Er zählte stets zu den entschiedenen Verteidigern der in der SPD so umstrittenen Agenda-2010 und Hartz-Reformen. Schulz steht also für einen klaren Mittekurs. Das aber gilt auch für die Kanzlerin. Inhaltlich würde es Schulz deshalb nicht leicht fallen, sich von Merkel im Wahlkampf abzusetzen. Sigmar Gabriel wiederum beherrscht als Vizekanzler nicht nur alle innenpolitischen Dossiers im Schlaf, er weiß auch aus unmittelbarer Anschauung, wie Merkel in diesen Fragen tickt und kennt ihre taktischen Kniffe. Allerdings würde es Gabriel im Wahlkampf deutlich schwerer als Schulz fallen zu erklären, weshalb plötzlich jene Frau schlecht für Deutschland sein soll, mit der er insgesamt acht Jahre in zwei großen Koalitionen verlässlich zusammengearbeitet hat. Dennoch hat Gabriel in Fragen der Innenpolitik im Vergleich zu Schulz die Nase vorn.

Außenpolitik

Außenpolitik

Hier dominiert Martin Schulz im Vergleich zu Gabriel ganz eindeutig. Zwar kann man nicht behaupten, dass Gabriel vom internationalen Geschäft keine Ahnung hat. Als Wirtschaftsminister und Vizekanzler widmete er sich intensiv Fragen des Außenhandels, reiste viel, ist Mitglied des Sicherheitskabinetts und verwaltete außerdem so sensible außenpolitische Dossiers wie die Rüstungsexporte deutscher Unternehmen. Allerdings zeichnete er sich gelegentlich durch eine wenig diplomatische Wortwahl aus und in den immer bedeutender werdenden europapolitischen Fragen ist Gabriel dem noch amtierenden EU-Parlamentspräsidenten Schulz naturgemäß unterlegen. Schulz, der unbestritten dem EU-Parlament zu einem enormen Bedeutungsgewinn verhalf, hatte außerdem bereits ausreichend Gelegenheit, den wichtigsten Staatenlenkern der Welt auf Augenhöhe zu begegnen. Er weiß also um deren Stärken und Marotten. Der Kanzlerin steht er da in nichts nach. Dieser Punkt geht deshalb klar an Schulz. In außenpolitisch stürmischen Zeiten ist das nicht wenig, zumal die Union die Kanzlerin und CDU-Chefin im Wahlkampf nach der Wahl von Donald Trump als letzten verbliebenen Stabilitätsanker in der westlichen Welt präsentieren wird.

Koalitionsoptionen

Koalitionsoptionen

Gabriel kann mit allen, außer mit der AfD. Im Bündnis mit der Union ist er Vizekanzler, was ihn nicht hinderte, als Überraschungsgast bei einem aufwendig in Szene gesetzten rot-rot-grünen Sondierungstreffen Mitte Oktober aufzutauchen. Das Wahlprogramm, das derzeit erarbeitet wird, dürfte die SPD in der Sozialpolitik deutlich nach links rücken – und das mit dem Segen des SPD-Chefs. Das macht Gabriel aber nicht unbedingt glaubwürdig, denn als die große Koalition 2013 an den Start ging und er nach dem Wirtschaftsministerium griff, waren von ihm überraschend sozialliberale, wirtschaftsnahe Töne zu hören. Schulz wiederum dürfte ein stramm linker Kurs alles andere als gelegen kommen. Rot-rot-grüne Fantasien kann er kaum wecken, vor allem die außen- und europapolitische Linie in Teilen der Linken sind für Schulz ein Gräuel. Ihm droht bei einer möglichen Kandidatur deshalb das gleiche Problem wie Steinbrück: eine inhaltliche Ausrichtung, die nicht zum Kandidaten passt. Allerdings hat er sich, anders als damals Steinbrück, innenpolitisch eben auch noch nicht klar positioniert. Das lässt ihm ausreichend Spielraum. Der Pragmatiker müsste entscheiden, wie weit er bereit ist, sich als Spitzenkandidat nach links rücken zu lassen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: