Den schlechten Umfragewerten zum Trotz feiern der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende Kurt Beck (links) und der Landtagsabgeordnete Peter Hofelich mit den Mitgliedern des Göppinger SPD-Ortsvereins dessen 150-jährige Geschichte. Foto:  

Die Genossen feiern den 150. Geburtstag des SPD-Ortsvereins, eines der ältesten im Land und rüsten sich gedanklich für den Weg aus dem Umfragetief.

Göppingen - Wenn man sich die Umfragewerte der vergangenen Monate anschaut, könnte man meinen, den Mitgliedern der SPD wäre alles andere als nach Feiern zumute. Doch das Gegenteil ist der Fall – zumindest in Göppingen. Denn dort ist der Ortsverein, der zu den ältesten im Land zählt, jetzt 150 Jahre alt geworden. Am Donnerstagabend trafen sich die Genossen im Alten E-Werk und stießen auf anderthalb Jahrhunderte Parteigeschichte an.

Beck spannt einen weiten Bogen über Jahrhunderte und Kontinente

Der Blick auf die oft hart erkämpften Erfolge der Vergangenheit war Balsam für so manche wunde Genossenseele – und Ansporn für viele, gedanklich neu durchzustarten. Schließlich sind die Herausforderungen nicht weniger geworden, wie der Gastredner, der frühere SPD-Bundesvorsitzende Kurt Beck den Zuhörern klarmachte. Und die SPD, so betonte einstige rheinland-pfälzische Ministerpräsident, könne sich den Aufgaben erhobenen Hauptes stellen, denn die Werte und Ziele der Partei seien immer noch aktuell und heute so wichtig wie vor 150 Jahren: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität – „die inhaltliche Orientierung bleibt gleich, in der digitalen, wie in der analogen Welt“, sagte der Politiker, der seit mittlerweile sechs Jahren die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung leitet.

Beck spannte eine weiten Bogen von den Errungenschaften der Partei in der Vergangenheit bis heute, von Göppingen bis in die weite Welt. Er erntete donnernden Applaus, als er daran erinnerte, wie sich die SPD stets für Frieden und Aussöhnung eingesetzt habe und dann geißelte, wie Populisten wie der US-Präsident Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putin dabei seien, die Welt in ein neues Wettrüsten zu manövrieren.

Hofelich und Baehrens plaudern aus dem Nähkästchen

Der Politiker erinnerte daran, dass vermeintlich ganz neue Themen wie Natur- und Klimaschutz schon lange Teil der SPD-Tradition seien, ebenso wie der Kampf für faire Bedingungen in der Arbeitswelt, gesellschaftliche Teilhabe und Sicherheit für alle Bürger. „Es gibt unendlich viele, die wissen, was alles falsch läuft“, sagte Beck. „Aber es gibt zu wenige, die auch etwas dafür tun, dass es besser wird.“ Dafür, dass sie bereit seien, sich nach der Arbeit zum Großteil ehrenamtlich für die Gesellschaft einsetzten, gebühre den Parteimitgliedern Anerkennung. Zuvor plauderten der Landtagsabgeordnete Peter Hofelich und die Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens aus dem Nähkästchen. Baehrens berichtete etwa, wie sie über ihre Arbeit für das Diakonische Werk schließlich nach Göppingen und zur Kandidatur für die SPD kam.

Hofelich erzählte unter anderem, wie er 1964 als Oberschüler täglich aus dem kleinen Salach mit dem Zug nach Göppingen kam und die Stadt stets als von der Arbeiterbewegung geprägt wahrgenommen hatte. Oder wie er 1972 mit vielen anderen im Club Remise Willy Brandts Wahlsieg feierte – und drei Jahre später in die SPD eintrat. Die Geschichte der Partei in Göppingen ließ danach der ehemalige SPD Ministerialrat und Sozialbürgermeister Jürgen Lämmle Revue passieren.

Anderthalb Jahrhunderte SPD-Geschichte

Arbeiterstadt:
Dass die SPD einst einen besonders starken Rückhalt in Göppingen hatte, liegt an der Geschichte der Stadt als Industriestandort. Denn mit der Industrialisierung und den Fabriken kamen die Arbeiter – und nach einiger Zeit auch die Arbeitervereinigungen, die sich unter anderem für die Bildung ihrer Mitglieder engagierten. Die ersten Zusammenschlüsse der Arbeiter entstanden bereits in den 1830er Jahren. Sie wurden allerdings unterdrückt und nach der Niederlage der 48-Revolution zunächst verboten.

Genossen:
Im Jahr 1869 trat der Göppinger Arbeiterverein als erster in Württemberg der SPD bei. Die ersten Genossen wurden von den Göppingern als Linksradikale betrachtet und entsprechend behandelt. Otto von Bismarck ließ die SPD bis 1890 verbieten – und machte sie damit für viele Arbeiter noch interessanter, als sie wieder gewählt werden durfte. Heute sind im SPD-Ortsverein 140 Mitglieder organisiert, kreisweit sind es 700.

Frauen:
Die Arbeiterbewegung hat sich stets für die Gleichberechtigung von Frauen eingesetzt. Nicht verwunderlich also, dass die ersten Frauen im Göppinger Gemeinderat das SPD-Parteibuch hatten. Vorreiterin war Mathilde Brückner, die 1922 auf Anhieb mit dem fünftbesten Ergebnis in das Gremium einzog.

Blumhardt:
Zu den bekanntesten Mitgliedern der SPD aus dem Kreis Göppingen gehörte der Bad Boller Pfarrer und Kirchenlieddichter Christoph Blumhardt. Er bekannte sich 1899 öffentlich zur SPD – zum Entsetzen der evangelischen Landeskirche. Sie legte ihm nahe, auf Titel und Amt eines Pfarrers der württembergischen Kirche zu verzichten, was er dann auch tat. Auch viele Bürger wandten sich von ihm ab. Blumhardt jedoch zog von 1900 bis 1906 als Stimmenkönig für die SPD in den württembergischen Landtag ein.

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