„Seeheimer“ Kahrs mit Übergangsparteichefin Schwesig vor der Wannsee-Tour. Foto: dpa

Die letzten Tage waren turbulent für die SPD. Eine sommerliche Bootsfahrt auf dem Wannsee sollte die Genossen auf andere Gedanken bringen. Die Stimmung auf dem Schiff machte aber deutlich: Festen Boden unter den Füßen hat die Partei noch lange nicht.

Berlin - Es sind deutlich über 30 Grad, die Luft steht und der Wannsee liegt träge in Berlins Südwesten. Das Gewässer wirkt an diesem Abend nicht, als könnte es sich plötzlich auftun und die Reste einer Volkspartei verschlucken. Gute Voraussetzungen also für die alljährliche Spargelfahrt des Seeheimer Kreises, dem Pragmatiker-Flügel der SPD. Es liegen turbulente Tage hinter den Genossen, am Dienstagnachmittag hatte Andrea Nahles nach dem Partei- auch ihren Fraktionsvorsitz offiziell niedergelegt. Ein Abend auf dem Wasser am Rande der Hauptstadt war da genau das Richtige für die Sozialdemokraten.

„Die letzten Tage sind schon nicht spurlos an einem vorbeigegangen, ich merke das bei mir ja auch“, sagt Generalsekretär Lars Klingbeil kurz vor der Abfahrt. An dem Abend gehe es einfach nur darum, mit den Kollegen über den Wannsee zu fahren, ein Glas Wasser zu trinken und darüber zu reden, was in der Partei losgewesen sei und was nun kommen müsse. Beim Glas Wasser blieb es bei vielen an Bord der „Havel Queen“ nicht, aber so richtig gute Stimmung kam dennoch nicht auf. Die Frage „Wie geht’s?“ wurde von Mitfahrenden beantwortet mit „Persönlich, gut…“ oder „Wie es Sozialdemokraten so geht zur Zeit…“

„Wir sitzen alle in einem Boot“

Boot, Wasser, SPD – da fallen einem beim Gang über den Steg unvermeidlich mehrere Sprachbilder ein: Schiffbruch, raue See, Kahn wieder flott machen. Und Vizekanzler Olaf Scholz meint doch wohl auch nicht nur die „Havel Queen“, als er sagt: „Es wird Zeit, dass das Schiff ablegt. Es fehlt an Fahrtwind.“ Recht hat er an diesem heißen Abend, so oder so. Auch andere prominente Mitfahrende greifen im Verlauf des Abends zu Seefahrer-Metaphern.

„In den letzten Tagen war es stürmisch, der Himmel war dunkel, es hat geregnet“, sagt Seeheimer-Sprecher und Hanseat Johannes Kahrs. An diesem Abend hingegen: „Spiegelglatt, die Sonne scheint, es ist angenehm.“ Als Vertreterin des neuen Übergangstrios an der Parteispitze ist Manuela Schwesig gekommen und erinnert die Genossen: „Wir sitzen hier alle in einem Boot, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Die Partei sei in schwierigem Fahrwasser. „Aber wenn die Mannschaft zusammenhält auf dem Boot, dann kommt man auch gut durch den Sturm.“

Übergangsfraktionschef: Redet mit mir – aber nicht auf Twitter

Die vergangenen Tage waren bei der SPD voll von Kritik - an Andrea Nahles, an ihren Kritikern, hinzu kam jede Menge Selbstkritik. Manche Sozialdemokraten waren erschrocken über sich selbst und den in der Partei auch in den sozialen Medien herrschenden Umgangston. Die SPD wird länger brauchen als einen Abend auf dem Wannsee, um darüber hinwegzukommen. Der erst am Nachmittag gewählte Übergangsfraktionschef Rolf Mützenich – von Kahrs locker als „Mütze“ begrüßt – mahnt seine Genossen eindringlich: „Jeder kann mir etwas sagen, jeder kann mir etwas schreiben. Aber wenn er das auf Twitter tut, erreicht mich das nicht.“

Als der Spargel verspeist ist und das Boot über den Wannsee schippert, drehen sich die Gespräche vor allem darum, wie es nun weitergeht mit der Partei, wer von Nahles den Vorsitz übernimmt. Die Idee von einer möglichen Doppelspitze verbunden mit einer Urwahl gefällt vielen. Kahrs schlägt vor, an der Wahl des neuen Vorsitzenden nicht nur die SPD-Mitglieder zu beteiligen, sondern auch andere Interessierte: „Für uns alle wäre das ein großer Schritt nach vorne.“ Andere stellen sich engagierte Wahlarenen mit mehreren Bewerbern vor. Namen geeigneter Kandidaten fallen an dem Abend auf dem Wasser allerdings kaum jemandem ein.

Die SPD hätte gerne festen Boden unter den Füßen

Nach 22 Uhr legt das Schiff wieder an, es ist inzwischen etwas abgekühlt. Kahrs verabschiedet alle mit Handschlag, für die Genossinnen gibt es eine rote Rose. Die „Havel Queen“ leert sich, nach und nach haben wieder alle festen Boden unter den Füßen. Die kommenden Wochen und Monaten werden zeigen, ob das auch der SPD gelingt.

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