Steinbrück sieht die Bürger in einer „Holschuld, sich an der politischen Debatte zu beteiligen“ Foto: dpa

„Das war ein Fehler“: In der SPD kommt der Bekennermut groß in Mode. Gerade erst hat Altkanzler Helmut Schmidt in einem Buch Einblick in einen bislang verborgenen Teil seines früheren Privatlebens gegeben. Nun hat sein gelegentlicher Schachpartner Peer Steinbrück nachgezogen.

Berlin - Sowohl was das Schreiben eines Buches als auch was das Eingestehens eines Fehlers angeht. Obwohl das bei Peer Steinbrück mit dem Eingestehen eines Fehlers so eine Sache ist.

Die Kanzlerkandidatur im Bundestagswahlkampf 2013 sei ein Fehler gewesen, „und zwar meiner“, lässt er in diesen Tagen allseits wissen. Auch gestern Abend, als er im ehrwürdigen Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm im Gespräch mit Ulrich Wickert sein Buch „Vertagte Zukunft“ vorstellt. „Der provozierende Typ war nicht gefragt.“ Er sei einer „Selbsttäuschung“ erlegen, zumal was die Stärke seiner Gegnerin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, angeht. Damit könnte es in dieser Hinsicht sein Bewenden haben. Ist sie zu stark, bist du zu schwach. Keine weiteren Fragen.

Aber so ist Steinbrück eben nicht gestrickt. Er denkt da, nun ja, dialektischer. Wenn er einen Fehler macht, dann war es ein Fehler von anderen, ihn in eine Lage zu bringen, einen Fehler zu begehen. Etwa so. Die anderen – das sind die Sozialdemokraten, seine Partei. Die SPD hätte Anfang 2013 „ein „falsches Foto vom Land“ gehabt, schreibt er in seinem Buch. 75 Prozent seien mit ihrer ökonomischen Lage zufrieden gewesen. Die SPD habe im Wahlkampf ein falsches Bild von einem Deutschland gezeichnet, das am Scheideweg stehe. Zum Sinnbild wurden düster dreinblickende Rentner und traurige alleinerziehende Mütter auf den Plakaten.

Der Partei habe „der Blick auf die Höhe der Zeit“ gefehlt, betonte er nun noch einmal in Berlin. Und dadurch war Steinbrück im Wahlkampf im falschen Film. Natürlich schwingt da Eitelkeit mit, und natürlich versetzt diese Argumentationsfigur Steinbrück in die Lage, dann doch wieder den Lehrmeister zu geben. Den Besserwisser, würden vielleicht andere sagen.

Aber das sollte seine Parteifreunde nicht davon abhalten, Steinbrück zuzuhören, denn es kann ganz gut sein, dass der notorische Besserwisser tatsächlich eine ganze Menge besser weiß. Für viele Positionen hätte die SPD im Wahlkampf 2013 Beifall bekommen: Mindestlohn, Mietpreisbremse, Staatsbürgerrecht. Nur habe „die Addition von Einzelmaßnahmen“ nicht die Mehrheit der Gesellschaft getroffen.

Die hätte ganz andere Sorgen gehabt. Von der Steuerprogression über Bildungsfragen bis zur inneren Sicherheit. „Die Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts wird die Partei einer Renaissance der sozialen Marktwirtschaft sein müssen und sollte der CDU das Erbe Ludwig Erhards streitig machen.“ Beim Personal sei mehr Berufserfahrung in der Breite notwendig – „als klassische Karrieren im Apparat“, schreibt er.

Und deshalb, so die Konsequenz, komme die Partei eben nicht weiter, wenn sie innerhalb der Großen Koalition brav ihr Wahlprogramm abarbeitet. Das ist alles nicht besonders neu – und außerhalb des SPD-Kosmos Allgemeingut. Aber vielleicht wird Steinbrück innerhalb der SPD noch so weit als Sozialdemokrat anerkannt, dass seine Worte dort Wirkung entfalten könnten.

Aber eigentlich ist Steinbrück – natürlich – schon weiter. In der Zukunft. Er sieht die Bürger in einer „Holschuld, sich an der politischen Debatte zu beteiligen“, und benennt die Themenfelder, die von einer verantwortungsvollen Regierung aufgegriffen werden müssten, aber im „Halbzeug“, wie Steinbrück formuliert, liegen bleiben: Freiheit in Zeiten der Globalisierung, Europa, Auswirkungen der digitalen Revolution auf die Industrie. Darüber solle sich die SPD einmal Gedanken machen.

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