Blick in die Sammlungs-Neupräsentation im Landesmuseum Stuttgart Foto: dpa

„Kultur für alle“ – das hatte sich die SPD in den 1960er Jahren auf die Parteifahne geschrieben. Für Nils Schmid ist die Forderung „aktueller denn je“. Die Landes-SPD will, wie die „Stuttgarter Nachrichten“ melden, freien Eintritt in die staatlichen Museen.

Stuttgart - Klausurtagungen der Fraktionen im ­Stuttgarter Landtag mögen höchst unterschiedliche Themen behandeln und gänzlich abweichende Positionen bestimmen – immer aber geht es am Ende darum, Eckpunkte der künftigen Landtagsarbeit öffentlichkeitswirksam kenntlich zu machen. Die Landes-SPD, im März aus der Regierungsverantwortung gewählt, hatte sich schon vor ihrem am Donnerstag beendeten dreitägigen Fraktionstreffen in ­Durbach im Ortenaukreis mit einem Vorstoß zur Wohnungsbaupolitik zu Wort gemeldet.

Teilhabe als Aufgabe

Nun legt die Landes-SPD nach. „Kultur für alle“ – an diese Position aus den späten 1960er und frühen 1970er Jahren will man nun wieder anknüpfen. Und wie beim Vorstoß für den „bezahlbaren Wohnraum“ geht es auch jetzt um die selbstverständliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. In ­Durbach hat die von dem vormaligen ­Kultusminister Andreas Stoch geführte Fraktion beschlossen, bei den anstehenden Beratungen für den Landeshaushalt einen Antrag auf freien Eintritt in die staatlichen Museen zu stellen. Dies bestätigte der frü­here Landesvorsitzende und vormalige ­Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid den „Stuttgarter Nachrichten“. „Die Museen des ­Landes“, sagt Schmid, „bieten hervorragende Samm­lungen in ständig aktualisierten Präsen­tationen. Diese Sammlungen sind der Schatz unserer Museen und müssen für alle Bürgerinnen und Bürger frei zugänglich sein. Das Land“, so Schmid weiter, „muss die unbeschränkte gesellschaftliche Teilhabe gerade in einem für Baden-Württemberg so wichtigen Feld wie der Kultur ermöglichen.“

Bis zu sechs Millionen Euro Kosten

Ganz neu ist der Vorstoß nicht. Immer ­wieder hatte es in den vergangenen Jahren bundesweit entsprechende Diskussionen gegeben. Das Fazit lautete bisher jeweils: Die Rechnung geht nicht auf, die Museen brauchen die Einnahmen aus den Eintrittskarten dringend.

„Richtig ist“, sagt Nils Schmid, „der Verzicht auf Eintrittsgelder in die staatlichen Museen kostet Geld.“ Auf sechs Millionen Euro beziffert die SPD-Landtagsfraktion den Ausfall. „Das sind aber Bruttokosten“, sagt Schmid, „die Museen sparen auch Gelder ein.“ Vor allem wohl Personalkosten im Kassenbereich.

Beantragen will die SPD nun, die Ausfälle aus den Ticketerlösen zu den Sammlungs­bereichen der Museen durch Verschiebungen im Gesamthaushalt auszugleichen.

Neue Identitäten

Viel Beachtung fand im November 2015 eine unter dem ­Titel „Grenzen des Wachstums“ von ­Stuttgarts Staatsgaleriedirektorin ­Chris­tiane Lange initiierte Konferenz zur ­Zukunft der Kunstmuseen. Jetzt sagt Nils Schmid, der Kultur nicht nur als Vorsitzender des Kuratoriums der Kunststiftung ­Baden-Württemberg verbunden: „Unser Vorstoß zielt ganz klar auch auf die ­Spannung in den Museen selbst.“ Selbst die Häuser, „in denen große Sammlungs­bereiche neu präsentiert werden können“, leiden aus Sicht von Schmid unter dem Druck, über aufwendige und möglichst spektakuläre Sonderausstellungen hohe ­Besucherzahlen zu erreichen. Der Verzicht auf Eintrittsgelder für die Sammlung als Herzstück jeden Museums könne über das dann mutmaßlich höhere Interesse auch neue Identitäten schaffen.

Gesellschaftliche Aufgabe

Nils Schmid sieht nicht nur in diesem Punkt „die Wirkung neuer Realitäten“. Auch die Frage der gesellschaftlichen Teilhabe stelle sich nach den vergangenen zwei Jahren in Deutschland und damit auch in Baden-Württemberg noch einmal neu. Tatsächlich taugt „Kultur für alle“ ja nicht mehr als ­Ausruf einer Teilhabe an einer mutmaßlich elitären Kulturszene. Längst liegen ­Kinopreise über Einstiegstickets der ­Stuttgarter Staats­theater, und nicht nur die Staatsgalerie bietet (dort am Mittwoch) ­Tage mit kostenlosem Eintritt in die ­Sammlung. „Wir müssen uns aber fragen“, sagt Schmid, „wie wir in einer Gesellschaft ­offenbar dringend notwendige Räume für die schlichte Rückversicherung der eigenen Existenz schaffen?“

Woher kommen wir? In welcher Vielfalt leben wir wie zusammen? Wo verlaufen sichtbare und unsichtbare Grenzen? Wie soll sich unsere Gesellschaft weiterentwickeln? „Diese Fragen bewegen viele Menschen“, sagt Schmid, „und die ­herausragenden Sammlungen unserer ­Museen können in ­besonderer Weise dazu beitragen, diese ­Fragen in all ihren Facetten und auch in ihren Widersprüchen erlebbar zu machen – als Frage ebenso an mich selbst wie als Frage an das Leben und Zusammenleben in ­unserem Land.“

Neue Förderfelder

Und wie ist es mit den nahezu in allen ­Museen existenten Fördervereinen? Sie ­garantieren zum Teil zu erstaunlich niedrigen Jahrespauschalen freien Eintritt. „Diese Freunde und Förderer“, sagt Nils Schmid, „sind unverzichtbar für jedes ­Museum.“ Der freie Eintritt ermögliche aber gerade diesen aktiven Begleitern eine „vertiefende Neuausrichtung“ – etwa in der „weiteren Qualifizierung und Differenzierung der Vermittlungsangebote“.

Für den vormaligen stellvertretenden ­Ministerpräsidenten ergibt sich eine „klare Logik“. Häuser wie etwa das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart, die „enorm viel in die Dauerpräsentationen investiert“ hätten, erhielten durch einen grundsätzlich freien Eintritt eine „wichtige Bestätigung“ und „zugleich einen Impuls, diesen Weg ­weiterzugehen“. Für Häuser wiederum, die auch durch die Last ständiger Sonderausstellungen bisher solches Engagement ­gescheut hätten, könne der kostenlose ­Zugang zur Sammlung „wie eine Befreiung wirken“.