Während die Teilnehmer in die Umgebung hören, misst Andrea Markert die Dezibel in den Ruheoasen. Foto: Kathrin Wesely

Ein Hörspaziergang unter wissenschaftlicher Anleitung ergründet, wie laut die Ruheorte in der Großstadt sind und wie viel Erholung sie überhaupt wirklich spenden können.

S-West - Auf Zetteln an Laternenpfosten hat Andrea Markert und im Netz zu ihren Soundwalks durch den Stuttgarter Westen eingeladen. Die 23-Jährige studiert Gebäudephysik an der Hochschule für Technik und will die Erfahrungen der Teilnehmer auf ihren Lauschspaziergängen auswerten. Markerts Fragestellung lautet dabei: Wo kommen die Menschen dieser Großstadt am besten zur Ruhe? Was brauchen sie, um sich an diesen Orten entspannen zu können? Was sind dabei die schlimmsten Störfaktoren?

Hören mit geschlossenen Augen

Langsam trudeln die Teilnehmer am Feuersee ein. Karin Böllinger ist aus Neugier da und, weil sie in der Pandemie eher Zeit für einen geführten Stadtspaziergang findet als sonst. Sie weiß noch nicht, worauf sie sich an diesem Freitagnachmittag eingelassen hat, „ich lasse mich überraschen“. Neun Leute haben sich angemeldet, und nach einer knappen Einleitung weist Andrea Markert ihre Probanden an, für drei Minuten in die Umgebung zu lauschen – am besten mit geschlossenen Augen. Denn zumindest verbessert das Ausblenden der visuellen Eindrücke die Hörleistung in subjektiv empfundener Weise – tatsächlich wohl nicht, wie jüngere Kognitionsforschungen zeigen.

Wer sich schon mal in Meditation versucht hat, weiß wie lange sich drei Minuten anfühlen können. Doch hier am Feuersee ist akustisch viel geboten, das es für Markerts Forschungsarbeit einzusammeln gilt: Verkehrslärm, Entengeschnatter, Gespräche, ein Martinshorn in der Ferne, knarzender Kies und so fort.

Meditative Stadtwahrnehmung

„Mir ist aufgefallen, dass es deutlich lauter ist als ich gedacht hatte. Vermutlich bin ich normalerweise visuell derart abgelenkt, dass ich das nicht so merke“, sagt die Teilnehmerin Lisa Bosch. Sie ist dabei, „weil ich weiß, wie schwer es ist, für eine wissenschaftliche Arbeit Probanden zu finden“. Außerdem ist die junge Frau erst kürzlich in die Gegend um den Feuersee gezogen und betrachtet den Spaziergang zu den Ruheoasen auch als Möglichkeit, ihren neuen Stadtbezirk besser kennenzulernen. Den Leipziger Platz, Endpunkt der kleinen Tour, kennt Bosch noch gar nicht. „Und meditativ ist der Spaziergang auch.“

Auch die Medizinerin Karin Böllinger betrachtet den Soundwalk als eine Chance, in diesen erlebnisarmen Corona-Zeiten interessante Erfahrungen zu sammeln. „Das ist eine andere Art Spaziergang mit geschärfter Wahrnehmung, man muss sich darauf einlassen.“ Vielleicht wäre es nett gewesen, sich mit den anderen Teilnehmern auszutauschen, doch über ihre Hörerfahrungen sollen sie untereinander nicht sprechen, um neutral zu bleiben.

Die Route führt vom Feuersee zum Park beim Gesundheitsamt, wo viele Kinder spielen, und weiter zur Elisabethenanlage. Schnell wird schon anhand der Nutzer deutlich, dass jeder Ort einen ganz eigenen Charakter hat und auch seine eigene Klientel, die sich dort wohl fühlt. Die letzte Station auf dem Spaziergang ist der Leipziger Platz. Markert will anhand der Soundwalks herausfinden, was die Menschen an diesen wohnortnahen Erholungsoasen stört. „Ich möchte dafür sensibilisieren, dass der Schutz dieser Orte besser gewährleistet wird. Das Hören beeinflusst unser Wohlbefinden unterbewusst. Hören löst im Menschen viel aus, und Hören lässt sich nicht ausblenden.“ Manchmal reichten kleine bauliche Eingriffe, verkehrstechnische Änderungen oder eine neue Bepflanzung, um die Erholungsqualität dieser kleinen Oasen zu erhöhen. Und da ist jeder Ort anders, braucht eine eigene Lösung. „Manchmal können das auch Lautsprecherboxen sein, die Wassergeplätscher abspielen“, sagt Markert.

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