An der Neckar-Promenade wird versucht, Nähe zum Wasser herzustellen. Das Problem ist: Die Anlage ist nicht gerade eine Wohlfühloase. Foto: Dominic Berner

Der ehemalige stellvertretende Bürgermeister Albert Dorner zeigt auf einem Streifzug durch Deizisau Ecken der Gemeinde, die man von der B 10 aus nicht erahnt hätte – und an was es der Ortschaft fehlt.

Deizisau - Albert Dorner steht am Neckarufer in Deizisau und mustert kritisch die terrassenartige Anlage. Nur wenige Meter hinter ihm jagen Blechlawinen über die B 10, am gegenüberliegenden Flussufer ragt das Altbacher Kohlekraftwerk in den Himmel. „Eigentlich könnte es hier sehr idyllisch sein“, sagt Dorner, „aber das Kraftwerk da drüben . . .“ – den Rest des Satzes verkneift er sich.

 

Albert Dorner ist 60 Jahre alt und in Deizisau aufgewachsen. 30 Jahre lang engagierte er sich im Gemeinderat, zuletzt war er auch stellvertretender Bürgermeister. „Früher habe ich fast jeden, der vorbeigelaufen ist, gekannt“, sagt er. So ist das heute nicht mehr, auch die Neckartal-Gemeinde befindet sich im Wandel. Bei einem Spaziergang durch den Ortskern zeigt sich aber: Trotz Modernisierung und Bebauungsplänen – was den Ort ausmacht, das findet man in den Menschen.

Kein Ort zum Wohlfühlen

Der Besuch der Uferpromenade währt kurz. „Hier wurde zwar etwas gemacht, aber aus meiner Sicht zu wenig“, sagt Dorner. Der ursprüngliche Plan sei es gewesen, mit der Anlage den Neckar zugänglich zu machen. Nun spenden einige Bäume den Spaziergängern Schatten, Stahlbänke bieten ausreichend Sitzgelegenheiten, rechts und links des Weges sind Wiesen angelegt. Zwar gibt es die Möglichkeit, hier zu entspannen. Doch das Ambiente – Bundesstraße im Nacken, Heizkraftwerk vor der Nase – macht diesen Mini-Park nicht gerade zur Wohlfühloase. Das beweist die gähnende Leere, die an diesem Nachmittag trotz bestem Wetter herrscht.

Es gibt aber auch spannende Dinge zu entdecken. „Dort drüben sieht man den Yachtclub Plochingen“, sagt Dorner und deutet auf eine Anlegestelle, die eigentlich ganz hübsch aussieht. „Und dort drüben könnte die Radbrücke nach Altbach gebaut werden“. Dorner macht mit dem Arm eine bogenförmige Bewegung in Richtung Altbach.

Von der Landwirtschaft zur Industrie

Die Frage, wie der Radschnellweg zwischen Reichenbach und Stuttgart verlaufen soll, hat für Unruhe zwischen Esslingen auf der einen, sowie Deizisau und Altbach auf der anderen Seite gesorgt. Die beiden Nachbargemeinden fordern die Variante, die am nördlichen Neckarufer entlangführt und somit den Bau der Radbrücke. Das Esslinger Rathaus spricht sich für die Südtrasse aus, die den Brückenbau mutmaßlich verhindern und Altbach vom Schnellweg abschneiden würde.

„Ein Stück weiter rechts sieht man die Nothalde, heute Plochingen, früher hat sie aber zu Deizisau gehört“, erklärt der langjährige Kommunalpolitiker. Kaum vorstellbar: Vor langer Zeit war Deizisau eine Wengerter-Gemeinde. Im Landschaftsschutzgebiet Nothalde hatten die Weinbauern ihre Rebstöcke angepflanzt. In der Alten Kelter bei der Zehntscheuer pressten sie die Beeren und kelterten ihren Wein. Heute ist Deizisau industriell geprägt. Im westlichen Teil der Gemeinde haben sich namhafte Unternehmen aus verschiedenen Branchen angesiedelt. Maschinen werden hier gebaut, Stahl gegossen, Aquarienzubehör und auch Erfrischungsgetränke hergestellt. Deizisau ist für Firmen ein interessanter Standort. Zum einen ist das für die Gemeindekasse ein Segen. Zum anderen führt das aber dazu, dass Auswärtige die Gemeinde mit Bundesstraße, grauen Hafenanlagen und kantigen Werkshallen verbinden.

Ein Sinnbild des Miteinanders

Doch der Ort kann auch anders, das möchte Albert Dorner beweisen. Deshalb zieht es ihn in den noch immer idyllischen Teil der Gemeinde. Auf der anderen Seite der B 10 befindet sich ein schattiges, grünes Areal mit hohem Gras und Bäumen, die schon so manche Feier miterlebt haben. Auf den Straßen Deizisaus und besonders hier, auf dem Festgelände, wird das bekannte Hauptfest gefeiert. Veranstaltet wird es jährlich von einem der großen Deizisauer Vereine, die übrigen Vereine helfen mit. Umzug, Kinderfest, Bierzelt und jede Menge Programm. Der gesamte Ort ist dann in Feierlaune. „Der Festplatz wird zum schönsten Biergarten Deutschlands“, sagt Dorner. Vor allem als Kind habe der Vater zweier Töchter und eines Sohnes viel Spaß auf diesem Gelände gehabt.

Lesen Sie hier: Was die Gemeinde zusammenhält

Das Hauptfest ist auch ein Sinnbild für das Miteinander im Ort. „Wir haben wirklich ein ganz tolles Vereinsleben. Das macht für mich Deizisau aus“, sagt Albert Dorner. Neben dem großen Sportverein TSV Deizisau gibt es unter anderem einen Musikverein, einen Obst- und Gartenbauverein, einen Ski-Klub, einen afrikanischen Kulturverein (die Togo-Freunde) sowie einen Schach-, Darts- und Country-Dance-Verein. Die Gemeinde ist sehr kinderfreundlich, das zeigen die Spielplätze, die man an jeder Ecke findet. Außerdem bietet die Gemeinde viele Aktivitäten für Kinder an, wie zum Beispiel die Spielstadt Klein Nefingen, die jedes Jahr in den Sommerferien aufgebaut wird.

Die „schönste Straße“

Im Herzen der Gemeinde liegt die Zehntscheuer mitsamt der Alter Kelter. „Die war so verkommen, dass wir uns zwischen der Sanierung und einem Neubau entscheiden mussten“, sagt Dorner inmitten des kleinen Platzes, der sich zwischen der Kelter und der Zehntscheuer befindet. Es ist früher Nachmittag und die Sonne strahlt auf die metallene Trompeterskulptur. „Ich bin sehr froh, dass wir uns für die Sanierung entschieden haben“, meint Dorner, „jetzt ist die Alte Kelter ein Veranstaltungsraum.“

In den 1960er-Jahren, als Albert Dorner drei Jahre alt war, zogen seine Eltern in die Gemeinde. Wenn man ihn bittet, den schönsten Teil des Ortes anzusteuern, dann schlendert er am Rathaus vorbei, die Marktstraße entlang – die „schönste Straße“ des Ortes. Hier findet man ein Deizisau vor, das man beim Abfahren von der B 10 nicht erwartet hätte. Denn im alten Ortskern reihen sich Fachwerkhäuser aneinander, es ist eng, es ist ursprünglich und gemütlich hier. Doch auch diesen Teil holt die Zeit ein. „Früher waren wir eine Hochburg der Kneipen und Wirtschaften. Nun fehlt es an Lokalen in Deizisau.“ Das liege aber nicht nur an der Coronapandemie. Schon vorher hatten die Betriebe geschlossen, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr gelohnt oder sich kein Nachfolger gefunden hat. Der Gemeinderat sieht auch architektonische Veränderungen vor. In unmittelbarer Nähe zur Marktstraße sollen eine ganze Reihe Häuser abgerissen und neue Wohnungen gebaut werden. Dorner wirkt nicht so, als sei er der größte Fan dieses Vorhabens. Doch es wird kommen – und die Idylle der Gemeinde hoffentlich nicht in Mitleidenschaft ziehen.

Ein Ort im Wandel