Das neue Sparprogramm bei dem Stuttgarter Autobauer nimmt Form an: Die Mitarbeiter verzichten auf Geld, Kündigungen sind dafür vorerst vom Tisch.
Stuttgart - Der Stuttgarter Autobauer Daimler steht unter großem Spardruck. Vorstandschef Ola Källenius will unter anderem bei den Fixkosten sparen und das Unternehmen effizienter machen. Durch die Coronavirus-Pandemie ist der Druck noch gestiegen – und so will Daimler auch bei den Personalkosten noch stärker sparen. Nun gibt es eine neue Vereinbarung mit dem Betriebsrat, die dem Unternehmen einmalig bis zu 450 Millionen Euro an Sparpotenzial bringt. Ein Überblick über die Maßnahmen.
Worauf hat sich Daimler mit dem Betriebsrat im Detail geeinigt?
Mit drei Maßnahmen sollen die Personalkosten gesenkt werden. Erstens soll es für das Geschäftsjahr 2020 keine Ergebnisbeteiligung für die Mitarbeiter geben. „Wir hatten keine Regelung mehr über die Ergebnisbeteiligung und hätten eine neue verhandeln müssen“, sagte Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht unserer Zeitung. „Und mir fehlt die Fantasie, dass wir am Ende des Jahres überhaupt eine hohe Beteiligung bekommen hätten.“ Nächstes Jahr will der Betriebsrat dann darüber verhandeln, dass es 2021 wieder eine geben soll.
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Zweitens wird die Arbeitszeit in den sogenannten indirekten Bereichen um 5,71 Prozent verringert – ohne Lohnausgleich. Zu den indirekten Bereichen zählen etwa die Verwaltung, Logistik, Instandhaltung sowie Forschung und Entwicklung. Bei einer 35-Stunden-Woche entspricht das zwei Stunden weniger pro Woche. „Die finanziellen Einbußen durch die Arbeitszeitreduzierung sind überschaubar“, sagt Betriebsratschef Brecht.
Drittens wird das sogenannte tarifliche Zusatzgeld 2021 verpflichtend für alle Beschäftigten in bezahlte freie Tage umgewandelt. Bisher konnten bereits Beschäftigte, die in Schicht arbeiten oder Kinder oder Angehörige betreuen, anstelle des zusätzlichen Geldes freie Tage wählen. Diese Wahloption gibt es vorerst nicht mehr, es müssen die freien Tage genommen werden. Je nachdem sind es sieben oder acht zusätzliche freie Tage. Die Maßnahmen sind befristet bis zum 31. September 2021.
Wird die Arbeitszeit überall gekürzt?
„Die Gemengelage ist nicht einfach, nicht jeder Bereich hat zu wenig Arbeit“, sagt Brecht. In Teilen der Entwicklung und dort, wo es Anläufe neuer Produkte gebe, seien die Kollegen am Anschlag. Dennoch gilt die kürzere Arbeitszeit in allen Bereichen. „Wir wollen aber schauen, dass wir Kollegen von Bereichen mit wenig Auslastung in Bereiche versetzen, wo sie gebraucht werden“, erklärte Brecht.
Wie viel Geld spart Daimler durch die Maßnahmen ein?
Vor der Coronavirus-Pandemie hatte Daimler im Personalbereich 1,4 Milliarden Euro sparen wollen, nun sind es durch die erneute wirtschaftliche Krise dem Vernehmen nach zwei Milliarden Euro. Betriebsratschef Michael Brecht schätzt, dass das nun beschlossene Maßnahmenpaket einmalig zwischen 400 und 450 Millionen Euro bringt.
„Bei Daimler in Deutschland arbeiten 77 000 Menschen in den indirekten Bereichen“, erklärte Brecht. Die Arbeitszeitreduzierung und die freien Tage aus dem tariflichen Zusatzgeld entsprächen Personalkosten von 7000 Mitarbeitern, in der Produktion 2000 Mitarbeitern. „Das führt zu einer deutlichen Entspannung“, so Brecht.
Welche Regelungen sieht die neue Vereinbarung außerdem vor?
Im Rahmen der neuen Vereinbarung soll es auch eine Qualifizierungsoffensive für die Beschäftigten geben. Die Mitarbeiter sollen darüber vor allem ihre Digitalkompetenzen ausbauen. Außerdem gibt es Pläne, Leute vom Band oder aus dem Büro zu Softwareentwicklern weiterzubilden.
Auch bei den Angeboten von Frühpensionierungen hat sich etwas geändert. „Wir haben im Rahmen des Pakets Ausscheidensmöglichkeiten attraktiver gemacht“, sagt Brecht. Bei Frühpensionierungen übernehme nun beispielsweise das Unternehmen teilweise die Abschläge bei der Rente. Bisher hätten rund 1000 Mitarbeiter Verträge über Abfindungen oder Frühpensionierung unterschrieben. Die Gespräche laufen seit Anfang Juli.
Wie lange sind betriebsbedingte Kündigungen nun ausgeschlossen?
In der neuen Vereinbarung gibt es eine Klausel, wonach sich Unternehmen und Betriebsrat drei Monate vor Ablauf im kommenden Jahr wieder zusammensetzen und miteinander über das weitere Vorgehen reden. „Dann sehen wir, ob einige Maßnahmen verlängert werden müssen oder nicht“, sagt der Betriebsratschef Michael Brecht.
„Aber wir werden auf keinen Fall in eine Situation kommen, in der es Kündigungen geben muss.“ Nachdem Daimler kürzlich angekündigt hat, sein Werk im französischen Hambach zu verkaufen, betont der Betriebsratsvorsitzende nun: „Momentan gibt es keine Gespräche darüber, weitere Standorte zu schließen oder zu verkaufen.“ Man spreche mit der Konzernführung aber über die Zukunftsperspektiven aller Standorte.