Auch die Leonberger Dekanin Waldbaur hält eine Fusion für unumgänglich. Foto: Simon Granville

Die Dekanate Leonberg, Böblingen und Herrenberg fusionieren. Es entsteht einer der größten evangelischen Kirchenbezirke Württembergs. Was steckt hinter diesem historischen Schritt?

Die Lösung ist nicht: Aus drei mach zwei, sondern aus drei mach eins. Das will heißen, dass die drei evangelischen Dekanate Leonberg, Böblingen und Herrenberg zum Ende der Dekade zu einem der größten Kirchenbezirke der Württembergischen Landeskirche fusionieren werden.

 

„Das wird ein Superdekanat”, rief einer der Synodalen im Leonberger Haus der Begegnung in die Runde. Hier haben die 39 anwesenden der 50 stimmberechtigten Synodalen den Weg dafür frei gemacht. Es war die letzte Tagung in dieser sechsjährigen Legislaturperiode, denn am ersten Advent finden Kirchenwahlen statt.

Fusion der Dekanate Leonberg, Böblingen und Herrenberg beschlossen

Damit werden fast 220 Jahre gemeinsame Entwicklung und Identitätsstiftung über Bord geworfen, die 1809 begannen, als der neue württembergische König Friedrich, wegen der großen Gebietszuwächse durch die Napoleonischen Kriege sein stark angewachsenes Landesterritorium administrativ neu ordnete.

Damals wurden auch die Einzugsbereiche der drei Dekanate Leonberg (es gehörte zur General-Superintendenz Maulbronn) sowie Böblingen und Herrenberg (als Teile der General-Superintendenz Tübingen) festgeschrieben. Daraus resultiert, dass zu Leonberg auch Gemeinden aus dem Enzkreis und zu Herrenberg aus dem Kreis Tübingen gehören.

Kirchen sind Orte des Geistes und der Musik, wie hier das offene Singen zum Tag der deutschen Einheit in Leonberg. Foto: Granville

Doch die Evangelische Landeskirche in Württemberg ist keine Insel der Glücksseeligen. Der gesellschaftliche Wandel geht auch hier nicht ohne Spuren vorbei. Die Zahl der Kirchenglieder sinkt stetig und somit die finanziellen Möglichkeiten. Bis zum Jahr 2030 werden allein im Dekanat Leonberg fast 30 Prozent der Pfarrstellen gestrichen. Immer mehr Kirchengemeinden fusionieren. Also kam die Landessynode und der Oberkirchenrat zu der Erkenntnis, dass auf der mittleren Ebene eine Personalreduzierung stattfinden muss.

Sparzwang bei der Evangelischen Kirche im Landkreis Böblingen

Im Herbst 2023 wurde in der Landessynode ein „Dekanatsplan“ vorgestellt, der vorsieht, dass auch die Kirchenbezirke neu strukturiert und wo es möglich und sinnvoll ist, den geografischen Grenzen der Landkreise angeglichen werden sollen. Tatsachen hat der Oberkirchenrat vor Ort damit geschaffen, dass er im Sommer 2024 kurzfristig die Herrenberger damit überraschte, dass die freigewordene Dekansstelle nicht besetzt wird.

Den Kirchenbezirken Leonberg, Böblingen und Herrenberg, die weitgehend zum Landkreis Böblingen gehören, wurde nahegelegt sich Gedanken zu machen, wie es weiter gehen könnte. Die Ausgangslage: Das Dekanat Leonberg zählt aktuell rund 35 000 Gemeindeglieder, Böblingen knapp 50 000 und Herrenberg etwa 33 000. Ausgehend vom derzeitigen Trend werden es 2030 voraussichtlich in Leonberg noch 31 000, in Böblingen etwa 45 000 und in Herrenberg rund 29 000 evangelische Christen sein.

„Der Auftrag an unsere drei Bezirke war, zu entscheiden, welche Fusionsvariante wir weiterverfolgen und die Detailfragen zu klären”, informierte Pfarrer Jochen Haas, in seiner Funktion als Stellvertretender Dekan die Synodalen in Leonberg. Dabei schickte er voraus, dass die Gemeinden in den Kirchenbezirken Leonberg und Herrenberg, die nicht zum Landkreis Böblingen gehören, selbst über einen Wechsel des Kirchenbezirks beraten können.

Durch die Fusion entsteht ein Kirchenbezirk mit mehr als 100 000 Gemeindegliedern

„Nach ausführlichen Diskussionen hat sich abgezeichnet, dass die wohl sinnvollste Variante eine Fusion aller drei Kirchenbezirke ist”, sagt die Dekanin Gabriele Waldbaur, die der Leonberger Steuerungsgruppe angehört. Mehr als 100 000 Gemeindeglieder in mehr als 40 Gemeinden wären dann in einem der größten Kirchenbezirke der Landeskirche zusammengeschlossen. Ist der Fusionsbeschluss gefasst, wird als möglicher Termin für das Zusammengehen der 1. Januar 2029 angestrebt.

Bis zur Fusion muss allerdings noch über eine Reihe von Arbeitsfeldern und Einrichtungen entschieden werden, etwa die Erwachsenenbildung oder die Bezirksämter. Klar muss auch sein, wie es mit dem Diakonieverband, der Kirchenmusik, den Familienbildungsstätten und den Jugendwerken weitergeht.

Ist der Richtungsbeschluss gefallen, wird es konkret. Die gemeinsame Steuerungsgruppe muss ein Fusionsgesetz erarbeiten und eine neue Bezirkssatzung. Ersteres muss von der Landessynode beschlossen werden. Darin wird unter anderem der Sitz und Name des neuen Kirchenbezirks geregelt, die Aufgaben der beiden Dekane, zudem die Standorte der mit dem Dekanatsamt verbundenen Pfarrstellen.