In der evangelischen Kirche sollen in nächster Zeit 30 Prozent der Pfarrstellen wegfallen. Dann müssen die Gemeinden viel stärker kooperieren. Was die Reformpläne bedeuten, erläutert Arnd Rehn, der Vorsitzende der Böblinger Bezirkssynode.
Immer mehr Austritte, immer weniger Pfarrer, zudem perspektivisch eine äußerst schwierige Finanzlage: Bei der evangelischen Landeskirche läuten die Alarmglocken, die Verantwortlichen setzen auf einen Sparkurs. Überall stehen die kirchlichen Gebäude auf dem Prüfstand, zudem soll bis 2030 jede dritte Pfarrstelle wegfallen – ein schwerer Schlag für die Gläubigen. Arnd Rehn war zunächst „sehr frustriert“. Er ist seit 2002 Vorsitzender der Böblinger Bezirkssynode. In dem Gremium kommen Delegierte aus allen Kirchengemeinderäten mit dem Dekan zusammen. Sie müssen nun die Umsetzung der strikten Vorgaben vor Ort anstoßen und begleiten. Und inzwischen kann Rehn sogar Positives erkennen.
Herr Rehn, mit dem Pfarrplan 2030 sollen 30 Prozent der Pfarrstellen gestrichen werden. Wie ging es Ihnen, als die Landeskirche das kommuniziert hat?
Als ich das erste Mal davon gehört habe, war ich sehr frustriert und dachte: Das kann nicht wahr sein. Bereits beim Pfarrplan 2024 mit seinen vorgesehenen Kürzungen hatte ich große Bedenken und dies auch mit einem Team in einer Resolution zum Ausdruck gebracht. Andererseits ist mir auch klar geworden: Unsere Landeskirche ist demokratisch aufgestellt – das ist sehr gut so. Und wenn Landessynode und Oberkirchenrat zu einem solchen Ergebnis kommen, dann ist das auch zu akzeptieren.
Die Gemeinden werden stärker kooperieren und Pfarrer teilen müssen. Wie groß ist die Kritik der Kirchengemeinderäte?
Freilich gibt es Kritik an der Umsetzung dieses Pfarrplanes, aber mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir auf Grund des Pfarrermangels und auch wegen der Finanzen handeln müssen. Die Konsequenz ist, dass es sicher nicht mehr so viele Angebote von Gottesdiensten und Veranstaltungen geben kann. Entscheidend wird sein, ob die Pfarrer miteinander arbeiten können und sich verstehen, das ist ein zentraler Faktor für das Gelingen. Es ist eine große Herausforderung, wenn etwa für 4500 Gemeindeglieder nur noch zwei Pfarrstellen da sind.
Die Kürzung der Pfarrstellen ist rechnerisch exakt in Relation zur Zahl der Gemeindeglieder verteilt. Halten Sie das für das richtige Vorgehen oder hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben?
Die Zahl der Gemeindeglieder als Gradmesser für die Pfarrstellen ist aus meiner Sicht eine gute Lösung. Das Hineinrechnen der Arbeit wegen kirchlicher Kindergärten, Altenheimen, diakonischer Arbeit oder besonders intensiver Jugendarbeit ist sehr schwierig und nicht machbar.
Aber gibt es da nicht auch einige sinnvolle Ausnahmen?
Gemeinden in entlegenen Gebieten, wo die nächste Ortschaft gut zehn Kilometer weg liegt, müssen besonders berücksichtigt werden, und das soll auch so realisiert werden. Die so genannte Pastorationsdichte, also wie viele Gemeindeglieder auf einen Pfarrer kommen, soll hier anders berechnet werden.
Bei aller Sorge und Kritik – sehen Sie bei den Reformplänen auch Positives?
Die Zusammenarbeit mit anderen Kirchengemeinden sehe ich durchaus als Chance. Man blickt über den eigenen Kirchturm hinaus und lernt auch Gemeindeglieder aus den Nachbarorten näher kennen.
Auf dem Prüfstand stehen ja auch die Immobilien, sogar die Kirchen selbst. Wie stehen Sie dazu?
Da muss genau analysiert werden, worauf verzichtet werden kann und was nicht mehr finanzierbar ist. Die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus, meines Erachtens die wertvollste Botschaft für die Menschen und für unsere Welt, muss aber ortsnah gewährleistet bleiben – damit verbunden die Durchführung der Kasualien wie Taufe, Konfirmation, Heirat und Beerdigung sowie Seelsorge und Notfallseelsorge.
Wie wünschen Sie sich das Gemeindeleben im Bezirk in etwa zehn Jahren?
Ich habe die Hoffnung, dass das Modell funktioniert und dass in der württembergischen Landeskirche überall weiter das Evangelium verkündigt wird. Ebenso hoffe ich, dass die Pfarrer nicht gesundheitlich angeschlagen werden, sondern dass wir durch Kooperationen, Fördervereine und durch das Engagement ehrenamtlicher Gemeindeglieder miteinander diese neuen Herausforderungen bewältigen können.
Schmerzhafte Reformen in der evangelischen Kirche
Pfarrplan
Weil die Zahl der Gemeindeglieder sinkt, es immer weniger Pfarrer gibt und finanzielle Einbußen drohen, kürzt die evangelische Kirche in Württemberg Pfarrstellen. Während der Pfarrplan 2018 drei 50-Prozent-Stellen im Böblinger Kirchenbezirk strich und der Pfarrplan 2024 dann 4,5 Stellen, sollen bis 2030 nun weitere zehn Stellen (30 Prozent) wegfallen.
Kirchenbezirk
Die evangelische Kirche teilt sich in Bezirke auf. Der Böblinger Kirchenbezirk erstreckt sich von Grafenau über Sindelfingen und Böblingen bis an den Schönbuch. Dazu gehören 24 Kirchengemeinden. Im Landkreis Böblingen gibt es noch die Kirchenbezirke Herrenberg und Leonberg. Die Synode ist das höchste Entscheidungsgremium im Kirchenbezirk.
Arnd Rehn
1957 in Bad Cannstatt geboren, ist Arnd Rehn seit jeher in Altdorf zuhause. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Rehn arbeitet als Lehrer für Latein und evangelische Religion am Schönbuch-Gymnasium in Holzgerlingen. Seit 1989 ist er Kirchengemeinderat in Altdorf, seit 1994 zudem Gemeinderat. Seit 2002 sitzt er der Bezirkssynode vor.