Mehr chronische Erkrankungen, mehr Straftaten, vollere Notaufnahmen: Die Einsparungen bei der Suchthilfe in Stuttgart können weitreichende Folgen haben.
Der 19. Dezember 2025 markiert für viele soziale Träger in Stuttgart einen Wendepunkt. An diesem Tag wurde der Doppelhaushalt für die Jahre 2026 und 2027 beschlossen. Seitdem gab es viele Krisensitzungen bei sozialen Einrichtungen in der Stadt. Denn diese müssen sehr kurzfristig große Summen einsparen. Einrichtungen, die hilfsbedürftige Menschen unterstützen sollen, müssen seit Anfang des Jahres Mittelkürzungen von bis 15 Prozent einplanen. Besonders schwerwiegende Folgen hat das für die Suchthilfe in Stuttgart.
Bernd Klenk fühlt sich im Stich gelassen. Er ist geschäftsführender Vorstand der Suchtberatungsstelle Release Stuttgart – und sucht nach Wegen, die Mittelkürzungen schonend umzusetzen. „Die meisten Einrichtungen können den Ausfall nur mit Personalabbau ausgleichen“, sagt er. Das sei jedoch zunächst schwer umsetzbar. Man werde frei werdende Stelle nicht neu besetzen und die Mitarbeiter bitten, freiwillig ihre Arbeitszeit zu reduzieren.
Klenk kritisiert, dass man den Beratungsstellen kaum Zeit gegeben habe, auf die Kürzungen zu reagieren. „Eine Kürzung der Zuschüsse am 19. Dezember, die ab dem 1. Januar des Folgejahres gilt, bringt alle in Bedrängnis“, sagt er. Die freien Träger hätten über viele Jahre hinweg verlässlich Aufgaben der Suchthilfe übernommen. Um dies zu gewährleisten, hätten die Träger ihre Mitarbeitenden mit festen Verträgen angestellt und seien entsprechend an das Arbeitsrecht gebunden. „Wie die Träger das jetzt lösen, ist deren Problem“, sagt Klenk. „Die Entscheidungsträger haben sich offenbar zu wenig Gedanken gemacht, wie die Kürzungen so schnell konkret umgesetzt werden können.“
Noch schwerwiegender seien die Folgen aber für die Menschen, die Hilfe brauchen, sagt Klenk. Es werde zu einer Verschlechterung der Versorgung kommen. „Wie sich das auf die Stadtgesellschaft auswirkt, wird man wahrscheinlich erst in ein paar Jahren sehen.“
Klinikum Stuttgart kämpft mit Kürzungen
Auch die Folgen für den Gesundheitssektor sind noch nicht ganz absehbar. Das Klinikum Stuttgart ist gleich mehrfach durch die erheblichen Haushaltskürzungen betroffen. Sei es für das Projekt „Aufwind“, das Hilfe für Kinder und Jugendliche mit einem psychisch kranken Elternteil anbietet, oder auch das Projekt „GerBeras“, in dessen Rahmen psychisch veränderte ältere Menschen begleitet werden. Doch auch die Angebote für suchtkranke Menschen sind betroffen.
Letztendlich könnten die Folgen der Kürzungen so aussehen, dass sich das Versorgungsangebot für alle Patienten in den Kliniken verschlechtert. Die ohnehin zu wenigen Plätze in den Krankenhäusern würden mehr in Anspruch genommen werden, wenn Hilfsangebote für gefährdete Menschen wegfallen würden. Laut einer Sprecherin des Klinikums sind besonders vulnerable Gruppen in prekären Lebenslagen durch die Kürzungen gefährdet. Dazu zählten zum Beispiel auch junge Menschen mit riskantem Konsumverhalten. „Derzeit prüfen wir, wie wir durch strukturelle Anpassungen, Priorisierung von Leistungen und interne Umsteuerungen die Auswirkungen möglichst gering halten können“, sagt die Sprecherin.
„Einsparungen treffen die Schwächsten am schmerzvollsten“
Auch die Suchtberatung der Evangelischen Gesellschaft (Eva) muss nach eigenen Angaben 2026 und 2027 einen sechsstelligen Betrag einsparen. Auf Anfrage heißt es, dass dies zwangsläufig eine Reduzierung des Angebots zur Folge haben werde. „Egal wo wir sparen, die Auswirkungen werden immer die Schwächsten am schmerzvollsten treffen. Nämlich diejenigen, die es aus eigener Kraft nicht in die Beratung schaffen“, sagt Michael Mößmer, Bereichsleiter der Suchtberatung bei der Eva. „Durch die Einsparungen im Sozialen werden hohe Folgekosten entstehen: Chronische Erkrankungen nehmen zu, wenn Hilfesysteme bröckeln, mehr Menschen werden dauerhaft arbeitsunfähig und auf Unterstützung angewiesen sein, mehr Klientinnen und Klientinnen werden möglicherweise straffällig.“
Kirsten Wolf geht davon aus, dass sich künftig mehr Menschen bei ihrer Einrichtung melden werden. Sie ist Abteilungsleiterin der Dienste für seelische Gesundheit bei der Eva. „Der Druck, der auf Menschen lastet, die ohnehin prekär beschäftigt sind oder Transferleistungen erhalten, nimmt zu. Der Bedarf nach Beratung wird steigen, gleichzeitig werden sich die Wartezeiten auf einen Termin verlängern und die Intensität der Unterstützung wird als Folge der Einsparungen abnehmen“, sagt sie.
Schon jetzt gebe es zu wenige Plätze in den Kliniken. Durch die Abnahme der Hilfsangebote könnte sich diese Lage verschlimmern, da mehr Versorgungsangebote in Anspruch genommen werden müssten. „Unser Ziel ist es dennoch, zentrale Kernleistungen der Suchthilfe aufrechtzuerhalten“, sagt Wolf.
Haushaltskrise: Sozialbürgermeisterin Sußmann sucht Lösungen
Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann sagt auf Nachfrage, dass der Haushalt so angespannt sei, wie sie es seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2019 nicht erlebt habe. „Uns ist bewusst, dass die Beschlüsse viele Träger vor große Herausforderungen stellen.“ Deshalb habe man bereits Anfang Januar das Gespräch mit den Trägern gesucht.
„Stuttgart hat weiterhin ein breites und leistungsfähiges Netz sozialer Unterstützungsangebote. Wir setzen alles daran, diese Strukturen auch in der aktuellen Situation zu erhalten“, sagt die Bürgermeisterin. Für die Träger wird sich in den folgenden Monaten zeigen, wie viele ihrer Angebote tatsächlich erhalten bleiben.