Das Künstlerduo Discoteca Flaming Star bei einem Auftritt im Kunstmuseum Stuttgart Foto: Wolfgang Mayer

Cristina Gómez Barrio und Wolfgang Mayer sind Discoteca Flaming Star. Als Künstlerduo setzen sie sich mit Videos, Tanz und Musik über die Grenzen der Individualität hinweg. Ihre Werke sind im Kunstmuseum Stuttgart zu erleben.

Stuttgart - Stuttgart - Cristina Gómez Barrio betritt singend die kleine Nische im zweiten Stock des Kunstmuseums. „Tú no tienes la culpa, mi amor, que el mundo sea tan feo“ („Du trägst nicht die Schuld daran, mein Schatz, dass die Welt so hässlich ist“), singt die zierliche Spanierin und schlängelt sich vorbei an zwei Männern mit nackten Oberkörpern, an zwei ­Damen, die nur mit Bluejeans und schwarzem Büstenhalter bekleidet sind.

Lächelnd geht sie von einem Zuschauer zum nächsten, weiterhin Manu Chaos „Lágrimas de Oro“ („Tränen aus Gold“) singend – ein laut pochender Herzschlag bildet ihren Chor. Am Ende der Performance verteilt ­Gómez Kunstwerke in Postkartengröße an die Umstehenden. Dann ist ihr Kompagnon Wolfgang Mayer an der Reihe.

Unter dem Namen Discoteca Flaming Star sind Gómez und Mayer seit 17 Jahren in der Kunstwelt anzutreffen. Nun sind sie für den von der Sparda-Bank Baden­Württemberg und dem Kunstmuseum initiierten Kunstpreis Kubus nominiert. Auf einer Ausstellungsebene des Museums ­können sich die Besucher ihre installativ-performative Videoarbeit „Sticky Stage“ (2012) ­ansehen, die zwei Spielfilme – „Uccellacci­ e uccellini“ (1966) von Pier ­Paolo Pasolini und Jules Dassins „The Re­hearsal“ (1969) – ­mit­ Kommentaren des Künstlerduos verschränkt. An den Wänden der Räume hängen weiße Stoffbahnen, die bunte Farbflecke zieren.

„Anda – jaleo! Auf geht’s mit Krawall und Rabatz!“ – Wolfgang Mayer beginnt seinen Auftritt mit dem Lied „El tren vendado“ („Der gepanzerte Zug“) des spanischen Dichters Federico García Lorca. Er steht in dunkelbraunem Pelzmantel, engen Stiefeln in Schlangenlederoptik und hautfarbenen Strümpfen im Kreis der Zuschauer, seine Augen sind mit falschen Wimpern beklebt und stark geschminkt – eine Hommage an die russisch-amerikanische Autorin Alissa Rosenbaum (besser bekannt als Ayn Rand), die es Mayer zufolge liebte, „von einem ihrer Schüler mit nichts als einem Pelzmantel am Leib genommen zu werden“.

„Eigentlich 12x Alissa“ heißt denn auch die Performance, die Discoteca Flaming Star an diesem Abend im Kunstmuseum Stuttgart zeigen. Sie soll Gedanken zu den Begriffen „Monster“ und „Monstrosität“ ausdrücken, die über Jahre gewachsen sind, sagt Gómez. Dabei gehe es aber nicht um eine Definition der Wörter, führt sie aus, sondern darum, „welche Verantwortung wir tragen, wenn wir ein Monster kreieren“: „Welche Verantwortung trägt Mary Shelley gegenüber der Kreatur, die Frankenstein ­geschaffen hat – eine Kreatur, die nie wissen wird, was Liebe ist? Wie verändert sich ein Raum, wenn ein Monster ihn betritt – inwieweit verändert sich das Meer, wenn Moby- Dick darin schwimmt?“

Gómez und Mayer lernten sich 1995 an der Akademie der Bildenden Künste München kennen. Die 1973 in Alhambra (Spanien) ­geborene Gómez war als Erasmus-Studentin in Deutschland, sie teilte sich mit dem 22-jährigen Mayer aus Wertach eine Wohnung. „Wir hatten ähnliche künstlerische Fragen“, sagt Mayer unserer Zeitung nach der Aufführung im Kunstmuseum, „und ähnliche Vorstellungen, sie zu formalisieren.“

Mit der Arbeit am ersten gemeinsamen Werk begann das Künstlerpaar – das kein Liebespaar ist – erst drei Jahre später, 1998. Vier Jahre tüftelten sie an „Void of White“, einer filmischen Fortsetzung von Mary Shelleys „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, das in ihrem Werk immer wieder eine Rolle spielt. 2002 wurde die vertonte Dia-Illustration erstmals ausgestellt.

Dass sie ihren Lebensunterhalt einmal als Künstler bestreiten würden, hätten beide nicht erwartet. Gómez wählte Chemie und Physik als Abiturschwerpunkt: „Ich wollte eigentlich Ingenieurin werden.“ Erst als sie sich für einen Studiengang entscheiden musste, wandte sich Gómez, die schon als Kind viel gezeichnet hatte, der Kunst zu. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mit der Kunst alle Felder, die mich interessieren, zusammenbringen könnte“, erinnert sie sich. ­Mayer sieht sich in seiner Entwicklung von Filmen wie „The Horses Mouth“ (1958) ­beeinflusst. Seit 2011 teilen sich die beiden eine Professur für Intermediales Gestalten an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, leben in Berlin und in Madrid.

„Anda – jaleo!“, mit nichts als seinem Pelzmantel am Leib kniet der platinblonde Mayer hinter einem der Männer mit nacktem Oberkörper. Auf dessen Rücken steht, mit schwarzem Filzstift geschrieben, García Lorcas Gedicht. „Eigentlich 12x Alissa“ entstand auf die Einladung zu einem Queer- Dance-Festival in der Raumerweiterungshalle, einem Raum für nichtkommerzielle Projekte und Veranstaltungen in Berlin.

„Vor der Präsentation haben wir fest­gestellt, dass die Texte schwer auswendig zu lernen sind“, sagt Gómez. „Deshalb haben wir uns dazu entschieden, sie auf die Rücken von vier Menschen zu schreiben.“ Dies solle auch die alltägliche emotionale Abhängigkeit von anderen Menschen illustrieren, so Mayer.

Das Spiel mit der Homo- und Transsexualität stellt einen wichtigen, oft wiederholten Aspekt im Werk von Discoteca Flaming Star dar. Doch auch politische und soziale Momente prägen die Projekte des Duos. „Wir sind überzeugt, dass Kunst nur innerhalb eines Felds der Politik und der Gesellschaft existiert. Für uns gibt es keine Trennung zwischen Inhalt und Form“, sagt Mayer.

Zusammengebracht hat die beiden aber nicht das Interesse an Politik, sondern das Interesse an Musik. „Liedtexte sind für uns zugleich Arbeitsmaterial und Ausdruck des aktuellen Zeitgeschehens“, sagt Gómez. Zahlreiche Lieder verwenden Discoteca Flaming Star auch deshalb immer wieder, weil sie an bestimmte Emotionen gekoppelt sind: „Es gibt einige relevante Aspekte in unserem ­Repertoire, die wir häufig aktivieren“, sagt Mayer, „Lieder, die – wie Gedichte – für ­etwas ganz Bestimmtes stehen.“

Die Trennung zwischen dem, was sie ­beiträgt, und dem, was er, rücke dabei in den ­Hintergrund, sagt Gómez: „Wir arbeiten ­individuell, kollaborativ und kollektiv. Die Grenzen sind extrem unscharf.“ Auch das sieht Mayer als Beweis der emotionalen ­Abhängigkeit von anderen: „Wir verwenden unglaublich viel Zeit darauf, Individuen zu sein – was uns aber nie gelingt.“ Gerade in der Kunst sei das heroische, schöpferische Individuum eine Illusion: „Erst der Betrachter erweckt ein Kunstwerk zum Leben.“

„Anda – jaleo!“

Info: Sparda-Kunstpreis

2015 vergeben die Sparda-Bank Baden-Württemberg und das Kunstmuseum Stuttgart zum zweiten Mal den 2013 initiierten Kunstpreis Kubus. Mit ihm wollen sie zweijährlich einen Künstler mit Baden-Württemberg-Bezug ehren.

Die Ausstellung zum Preis ist bis 13. September im Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schloßplatz 1, zu sehen.

Neben Discoteca Flaming Star sind der Objektkünstler Peter Vogel und die Videokünstlerin Nevin Aladag nominiert. Kuratorin Eva-Marina Froitzheim präsentiert die Werke jeweils auf einer Etage des Kubus. Der Preisträger wird am 24. Juli bekannt gegeben.

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