Außerdem finden sie eine Baugrube, die dazu beiträgt, die Geschichte des Schlossbergs zumindest ein bisschen neu zu schreiben. Denn sie belegt: An dem Ort hoch über der Stadt wurde schon früher gebaut, als bisher nachweisbar war.
Archäologen fördern auf dem Böblinger Schlossberg immer mehr Puzzlestücke zutage. Puzzlestücke, die das historische Bild dieses Orts erweitern. Die jüngsten und bisher vermutlich spannendsten Entdeckungen: Skelette und Strukturen, die auf eine ältere, mittelalterliche Bebauung an dieser Stelle als bislang nachweisbar schließen lassen.
Nahe der Stadtkirche haben die Archäologen acht Bestattungen freigelegt. Der Fundort deutet darauf hin, dass die Skelette älter als 800 Jahre sein könnten. Mit Sicherheit lässt sich das aber erst nach einer C-14-Datierung sagen, betont Dorothee Brenner vom Landesdenkmalamt. Mit der sogenannten Radiokarbonmethode kann über die Zerfallszeit von C-14-Atomen das Alter der Knochen bestimmt werden.
Für Thomas Banholzer von der Firma E&B Excav, die mit den Grabungen beauftragt ist, passen die Funde dazu, dass seit dem zehnten Jahrhundert eine Kirche auf dem Böblinger Schlossberg bekannt sei. Vermutlich gehörten die Gräber zum Friedhof der Kirche und wurden von den Burgherren später überbaut, meint auch Brenner.
Nachweis für frühere Bautätigkeit
Der erste, bekannte schriftliche Nachweis über eine Burg auf dem Schlossberg , die sich damals im Besitz der Pfalzgrafen von Tübingen befand, ist aus dem Jahr 1302. Jetzt belegen Grabungsergebnisse: Auf dem Schlossberg wurde bereits im zwölften Jahrhundert gebaut, also mehr als 100 Jahre davor.
Die Archäologen sind auf eine Baugrube mit Mörtelbrocken und Keramik gestoßen. Die Keramik lässt sich auf das zwölfte Jahrhundert datieren. Ob die Grube für Bauarbeiten an einer Burg entstand, sei zwar nicht vollkommen sicher belegt, jedoch sehr wahrscheinlich, erklärt Brenner. Ein Adelsgeschlecht, dass sich nach Böblingen benannte, sei schon um 1100 bekannt. „Wahrscheinlich stand die Burg dieses Geschlechts auch schon an dieser Stelle.“ Banholzer hält es sogar für möglich, dass die Grube dem Bau der großen Umfassungsmauer diente, die bislang auf das 13. Jahrhundert datiert wird.
Je kürzer der zeitliche Abstand, desto besser die schriftliche Quellenlage, deren Inhalte sich zumindest grob mit den Bautätigen, die die Archäologen feststellen, decken. So ist beispielsweise bekannt, dass die Burg im 14. Jahrhundert an die Württemberger ging und ihnen als Witwensitz diente. Im 16. Jahrhunderts erweiterten die Württemberger die Burg zu einem Schloss. 1817 kaufte es die Stadt und funktionierte es in ein Schulzentrum um. In der Nacht auf den 8. Oktober 1943 zerstörten Bomben das Gebäude, es wurde nicht wieder aufgebaut.
Burgherren hatten offenbar Geld
Erhalten blieben aber die unter der Erde verborgenen Strukturen und die Gewölbekeller, zu denen es ebenfalls Neuigkeiten gibt. Die Art der Bautechnik erlaube den Schluss, dass der erste, westliche Keller ab dem 13. Jahrhundert entstanden sein könnte und nicht erst im 16. Jahrhundert wie bislang angenommen, berichtet Banholzer. Der zweite, östliche Keller sei später hinzugekommen, vermutlich im 18. Jahrhundert.
Der Archäologe zeigt sich über den guten Erhaltungszustand des Kellers begeistert und lobt grundsätzlich die Qualität der mittelalterlichen Baustrukturen. „Vieles deutet daraufhin, dass hier sehr gut und ordentlich gebaut wurde“, sagt Banholzer – die Burgherren also offenbar wohlhabend waren.
Ergebnisse im Herbst
Dass überhaupt Archäologen auf dem Schlossberg graben, liegt daran, dass er bebaut werden soll. Aktuell sehen die Pläne einen Neubau für die Kunst- und Musikschule vor. Ein historisch so bedeutsamer Ort muss vorab archäologisch untersucht werden. Im Frühjahr hat die Stadt bekanntgegeben, dass das Budget von 815 000 Euro nur für das südliche der beiden Grabungsfelder reicht. Wie es mit dem nördlichen weitergeht, ist noch unklar. Ein Puffer von weiteren 350 000 Euro für das südliche Feld wurde laut Stadt noch nicht angebrochen. Die Verwaltung plant, dem Gemeinderat im Herbst die Grabungsergebnisse vorzustellen, ein konkretes Ende der Grabungen nennt das Landesdenkmalamt nicht. Mit einer Entscheidung über die Bebauung des Schlossbergs ist frühestens Anfang 2025 zu rechnen.