Nach sieben Wochen Ausgangssperre haben die Spanier am Wochenende Straßen und Plätze überflutet. Doch die wiedergewonnene Freiheit ist nicht grenzenlos.
Madrid - „Benutzen Sie die Fußwege!“, schallt eine herrische Stimme per Megafon aus einem Streifenwagen, „die Fahrbahn ist weiter für den Autoverkehr geöffnet.“ Es gibt aber keinen Autoverkehr, dafür einen überbordenden Fußgängerverkehr, der sich Platz sucht auf der Fahrbahn. Der Polizist am Megafon will das nicht einsehen: „Wenn Sie nicht auf den Fußweg zurückkehren, bekommen Sie ein Bußgeld“, schimpft er. Das fehlte gerade noch.
Sieben Wochen waren die Spanier eingesperrt. Und jetzt quellen sie aus den Häusern. So voll waren die Straßen selbst in den Zeiten vor der Pandemie nicht. Der Madrider Bürgermeister findet, dass es richtig sei, die Parks weiter geschlossen zu halten, damit sich dort nicht zu viele Menschen tummeln und alle Vorsicht vergessen. Stattdessen drängen sie sich auf den Bürgersteigen. Und auf den Fahrbahnen, sobald der Streifenwagen fort ist.
Eigentlich ist nur eine Laufstrecke von einem Kilometer erlaubt
„Wir sind bis zum Bahnhof Atocha gelaufen und noch ein bisschen weiter“, erzählt Bernardo Perea. „Ein Kilometer von zu Hause, schlecht gerechnet.“ Also eher zwei. Die neue Freiheit nach sieben Wochen Ausgangssperre erlaubt Spaziergänge in einem Radius von einem Kilometer um die eigene Wohnung. Alle Welt hatte sich die nötige App heruntergeladen, um diesen Kilometer zu berechnen. Aber daran gehalten hat sich nicht jeder. „Es war so schön, mal wieder durch die Innenstadt zu laufen“, so Perea. „Nach so langer Zeit.“
Die spanische Superquarantäne entfremdet einem die eigene Stadt. Manchmal zeigten Zeitungen oder Fernsehsender Bilder der verwaisten Gran Vía oder der Puerta del Sol. Filmkulissen. Jetzt sind sie wieder voll. Oder waren es jedenfalls am Samstagabend nach 20 Uhr. Die Regierung will – in allen Städten mit mehr als 5000 Einwohnern – die Altersgruppen auseinanderhalten. Eltern mit kleinen Kindern dürfen zwischen 12 und 19 Uhr auf die Straße, alte Leute ab 70 zwischen 10 und 12 und zwischen 19 und 20 Uhr, alle anderen morgens vor 10 oder abends nach 20 Uhr. „Morgens ist weniger los als abends“, sagt Perea, der sich am Samstag gleich zweimal auf den Weg gemacht hat.
Die Älteren kümmern sich mehr als die Jüngeren
Abends ist so viel los, dass die plötzliche Freiheitserfahrung eine ziemlich surreale ist. Wer das Virus ernst nimmt – die Älteren offenbar mehr als die Jüngeren – hat die ganze Zeit den Abstandsradar in Betrieb: Komm niemandem zu nahe, lass niemanden zu nahe kommen. Die Läufer, die sich die Fußwege mit den Fußgängern teilen, haben diesen Radar ausgeschaltet: Sie rauschen schwitzend und nah vorbei. Meistens ohne Maske. Von den Spaziergängern tragen drei Viertel Maske. Nun gut, die Ansteckungsgefahr draußen ist nicht besonders groß.
„Die Probleme beginnen, wenn das Vertrauen zu groß wird“, sagt Perea, der Arzt ist. Das Vertrauen in die eigene Unverletzlichkeit. „Am wenigsten Sorgen machen sich die Kinder“, sagt Paz Rodríguez, Mutter eines zehnjährigen Sohnes. „Wir Erwachsenen machen uns Sorgen um den Arbeitsplatz, um die Wirtschaft. Die Kinder leben in den Tag hinein. Was ich in meinem Umfeld und bei meinem eigenen Sohn mitbekomme: Denen macht es nichts, den ganzen Tag zu Haus zu bleiben. Die Schule vermissen sie schon gar nicht.“ Daniel, der 10-Jährige, genießt es trotzdem, dass er jetzt draußen Fußball spielen darf, wenn auch nur mit dem Vater oder der Mutter, nicht mit anderen Kindern. Am Samstag hat sich endlich wieder die etwas größere Familie getroffen: Daniels Vetter feierte neunten Geburtstag. Das Fest bestand aus einer Begegnung auf der Straße. Daniel mit seiner Mutter auf der einen Straßenseite, die Tante und das neunjährige Geburtstagskind auf der anderen Straßenseite und eine eifrige Unterhaltung über die Distanz. Das ist mehr als gar nichts.
Ein Freund und Nachbar von Rodríguez ist nach ein paar Minuten auf der Straße wieder in die Wohnung zurückgekehrt. Zu viele Menschen, zu viel Nähe. Die neue Normalität, die Ministerpräsident Pedro Sánchez für Spanien ankündigt, ist eine ziemlich irre. Die Bäume stehen in frischem Grün, die Sonne scheint, man hört die Vögel zwitschern, das Virus lauert.